zur Navigation springen

Streit um Klinikpauschale : Notfall oder Wehwehchen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Kliniken und Kassenärzte liegen wegen Notfallversorgung im Dauerkrach – nun ist Streit über die neue Klinikpauschale entfacht

Mit Wehwehchen nach Feierabend oder am Wochenende ins Krankenhaus? Bereits seit Jahren beklagen Experten eine Überlastung der Notfallambulanzen. Mit einer neuen Pauschale, die Krankenhäuser seit dem 1. April für Patienten erhalten, die keine dringende Behandlung benötigen, wollte die Politik eigentlich Abhilfe schaffen. Doch darüber ist nun neuer Streit entbrannt. Was tun, um das Problem überlasteter Ambulanzen in den Griff zu bekommen? Hintergründe zur Debatte über die neue Pauschale von Rasmus Buchsteiner.

Wie überlastet sind die Ambulanzen eigentlich?
Jährlich werden rund 25 Millionen Patienten in den Notaufnahmen der Krankenhäuser behandelt – Tendenz steigend. Nach Kassenangaben könnte rund ein Drittel der Patienten bedenkenlos bei niedergelassenen Ärzten behandelt werden. Fünf Milliarden Euro verdienen die Krankenhäuser inzwischen mit Leistungen für Patienten, die eigentlich ambulant von niedergelassenen Ärzten behandelt werden könnten. „Wenn ein Patient meint, er sei ein Notfall, dann müssen wir ihn behandeln“, heißt es dagegen von der Deutschen Krankenhausgesellschaft.

Was hat es mit der neuen Pauschale auf sich?
Der Bonus soll unter anderem einen Anreiz bieten, schneller darüber zu entscheiden, ob es sich um einen Patienten handelt, der umgehend Hilfe benötigt oder nicht, und so mehr Freiraum für die Behandlung „echter“ Notfälle schaffen. Die „Abklärungspauschale“ beträgt tagsüber 4,74 Euro sowie 8,42 Euro nachts, an Feiertagen und Wochenenden. Laut Deutscher Krankenhausgesellschaft (DKG) würden so umgerechnet lediglich zwei Minuten Diagnosezeit bezahlt. Der Verband fordert deshalb eine Erhöhung der Pauschalen um mindestens zehn Euro. „Medizin in einer Zeitspanne, die nicht für ein hartgekochtes Ei reicht, das kann nicht im Sinne von Ärzten sein. Im Sinne von Patienten ist es sicherlich nicht“, so DKG-Präsident Georg Baum.

Werden Patienten nur noch schnell durchgecheckt?
Kassen, Kliniken und niedergelassene Ärzte weisen solche Befürchtungen zurück. Jeder Patient solle auch in Zukunft so ausführlich wie nötig untersucht werden. Bei tatsächlichen Notfällen können die Kliniken auch entsprechend mehr abrechnen.

Wo setzt die Kritik der niedergelassenen Ärzte an?
Sie beklagen, dass die Kliniken über ihre Notfallambulanzen Patienten anziehen „wie ein Staubsauger“. Es gebe in Deutschland zu viele Ambulanzen, was seit 2009 zu einer jährlichen Steigerung um fünf Prozent bei stationären Aufnahmen ohne Einweisung geführt habe.

Wie könnten Notfallambulanzen auf anderem Wege entlastet werden?
Immer wieder im Gespräch, aber bislang nicht umgesetzt, ist die Idee eines „Eintrittsgelds“ für Ambulanzen. Handelt es sich um einen Notfall, bekäme der Patient sein Geld zurück, ansonsten nicht. Eine weitere Alternative wären so genannte „Portalpraxen“, die aus einer festen Anlaufstelle für die Notfallpatienten sowie aus einer ambulanten Notdienstpraxis bestehen könnten, die ebenfalls am Krankenhaus angesiedelt wäre.

Kommentar von Erasmus Buchsteiner: Lohnendes Geschäft
Für viele Krankenhäuser bedeutet der Ansturm auf die Ambulanzen ein lohnendes Geschäft mit Milliarden-Volumen. Es ist deshalb richtig, dass die Kassen jetzt Alarm schlagen und auf die entstehenden Zusatzkosten hinweisen, die letztlich von der Solidargemeinschaft der Versicherten getragen werden. Man muss nicht gleich eine Strafgebühr für Patienten einführen, die wegen Schnupfen ins Krankenhaus kommen. Notwendig sind aber in jedem Fall eine besser aufgestellte hausärztliche Notversorgung nachts, sonn- und feiertags  und mehr Informationen über bestehende Angebote.



zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen