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Der Prignitzer

24. Mai 2016 | 15:42 Uhr

Tschad-Serie : Der Oberst des Wassers

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Oder: Warum Urban Britzius auch künftig Projekte, wie Stauwehre und Passagen, unbedingt fortsetzen möchte

Seit zehn Jahren arbeitet der Eldenburger Urban Britzius für die Hilfsorganisation Help! im Tschad. „Am Arsch der Welt“ – wie er das afrikanische Land einst bezeichnet hat – betreut er rund 14  000 Flüchtlinge im Lager Am Nabak nahe der sudanesischen Grenze. In der vergangenen Woche ist er wieder nach Afrika geflogen, und ich begleite ihn, um über seine Arbeit zu berichten. Ich werde mit Flüchtlingen sprechen, den Sultan treffen, Brunnen besichtigen, die Britzius mit seinem Team im Flüchtlingslager und in Dörfern baute.

 

 

Scharf bremst der weiße Jeep mitten in Iriba. Staub wirbelt auf. Der Fahrer kommt auf Urban zu, breitet die Arme aus, sie klopfen sich auf die Schulter, schütteln sich die Hände. Mahamat Doy ist Unternehmer, ein angesehener Mann in der Stadt. Und er ist Partner von Help, ein Freund der ersten Stunde.

„Jeder ist glücklich über Help“, sagt er. Urbans Organisation sei eine von 27, die in den vergangenen Jahren nach Iriba kamen, Hilfsprojekte umsetzten, den Flüchtlingen und den Einheimischen halfen, ihnen das Leben in dieser unwirtlichen Gegend bis heute erleichtern. Aber Help sei noch mehr. „Wir alle sind begeistert und dankbar, dass es Help gibt. Was Urban und seine Männer machen, hat Hand und Fuß“, sagt er. Hier und in allen umliegenden Dörfern müsste Helps Fahne im Wind flattern. Mahamat Doy sitzt schon wieder fast in seinem Auto, als er sich noch einmal lachend zu uns umdreht und sagt: „Urban ist der Oberst des Wassers.“

Der unfreiwillig zum Ehrenoffizier ernannte Prignitzer winkt ab, will diesen Spitznamen nicht kommentieren. Stattdessen fahren wir zu dem großen Wadi, dem trockenen Flussbett, das sich durch Iriba zieht. An einer Betonmauer steigen wir aus. Knapp 50 Meter verläuft sie quer durch das Flussbett. In all dem Sand und Geröll sieht sie nutzlos aus. In der Trockenzeit ist sie das auch. „Aber wenn der Regen kommt, stauen wir hier das Wasser an“, sagt Urban.

Wo jetzt ein riesige Sandfläche zu sehen ist, bildet sich binnen weniger Stunden ein See. Wenn es hier regnet, stürzt das Wasser sintflutartig vom Himmel. In der tonreichen Erde kann es nicht versickern. Aus allen Richtungen strömt es dann in die Wadis, die sich in reißende Flüsse verwandeln. Die von Help errichteten Stauwehre bremsen das Wasser, es kommt zum Rückstau. „Dadurch kann ein Teil im Erdreich versickern, langfristig steigt das Grundwasser“, erklärt Urban das simple Prinzip. Auf der anderen Seite bremsen drei an die Mauer gesetzte Stufen das Wasser ab, bevor es auf eine Schicht von Granitsteinen trifft, die ein Unterspülen des Wehres verhindert.

Allein sieben dieser Stauwehre hat Help in den vergangenen zwei Jahren in Iriba gebaut. Zwei Regenzeiten genügten, bis die Menschen den Erfolg spüren. In ihren kleinen Gärten wächst Obst und Gemüse. Die roten Zwiebeln sind groß, die Tomaten saftig. Es wird mehr und häufiger geerntet als je zuvor. Selbst heute, gut fünf Monate nach der letzten Regenzeit, sehen wir Menschen bei der Gartenarbeit. Mehr als 20 solcher Stauwehre hat Help errichtet. Hinzu kommen zehn Wadi-Passagen. Die fahrbahnbreiten Fundamente aus Stahlbeton erleichtern die Wasserdurchfahrten und machen sie erheblich sicherer. „Mehrmals haben die Wassermassen Fahrzeuge wie kleine Spielzeugautos umgerissen oder metertiefe Löcher ausgespült, in denen Lkw versanken. Es gab Tote“, erzählt Urban. Dank der Passagen habe sich die Situation entspannt. Beide Projekte, Stauwehre und Passagen, möchte Urban fortsetzen. In seiner Stimme liegt Entschlossenheit – passend zu einem Oberst des Wassers.

 

 

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erstellt am 23.Jan.2015 | 12:00 Uhr

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