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Der Prignitzer

24. Mai 2016 | 21:28 Uhr

Reportagen aus dem Tschad : Ein Abschied in Etappen

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Urban Britzius will seine Kollegen im Tschad künftig als Berater unterstützen

„Am Arsch der Welt“ hast Du Iriba in unserem ersten Interview vor acht Jahren beschrieben. Warum bist Du hierher gekommen?

Ich hatte keinen Plan, dafür ging alles viel zu schnell. Anfang der 70er Jahre war ich drei Monate durch Afrika gereist, seitdem fasziniert mich dieser Kontinent. Und ich wollte ursprünglich im Entwicklungsdienst arbeiten, was sich damals aber nicht ergab.

Was waren Deine ersten Gedanken, als Du vor zehn Jahren in diesem Wüstendorf ankamst?

Ganz bewusst hatte ich mir keine Vorstellungen gemacht, hegte keine Erwartungen. Ich traf auf menschliches Elend, Gefechte und Verwundete waren an der Tagesordnung. Ich sah das pure Elend und bekam Respekt vor meiner eigenen Courage. Plötzlich erkannte ich die Riesenaufgabe, die vor mir lag.

Du hast Rückschläge erlebt, hast in Lebensgefahr geschwebt. Du musstest dich mit einem Klima arrangieren, das lebensfeindlich ist. Hast du jemals ans Aufgeben gedacht?

Ernsthaft nie, auch wenn die lange Zeit über zehn Jahre nicht geplant war. Nur für meine Familie hätte ich den Job aufgegeben, aber sie stand all die Jahre zu mir, wofür ich meiner Frau Jeannette dankbar bin.

Was vermisst du hier am meisten?

Ich wusste, dass es eine entbehrungsreiche Zeit wird, aber ab und an ein Stück Butter zum Frühstück wäre schön.

2014 hat Dein Arbeitgeber den Deutschen Solarpreis gewonnen. Gewürdigt wurde Dein Projekt, die Wasserversorgung im Flüchtlingslager Am Nabak komplett über Solarpumpen zu gewährleisten. Wie wichtig ist Dir der Preis?

Wenn ich ehrlich bin, war er mir nicht wichtig, auch wenn es schön war, dass meine Arbeit so bewertet wurde. Wichtig für mich ist, wenn ich unsere Erfolge hier sehe, auch wenn ich weiß, dass sie nur einige wenige Probleme in diesem Land lösen. Ich habe einfach meinen Traumjob gefunden.

Gab es darüber hinaus noch eine unabhängige Anerkennung Deiner Arbeit?

Ja, und die ist mir wirklich wichtig. Das Humanitäre Büro der EU, die Organisation ECHO, hat fünf Jahre lang meine Arbeit für die Flüchtlinge finanziell unterstützt. Zum Abschluss sagte der Leiter, dass er selten eine so gute Arbeit gesehen habe und dass dies Auswirkungen auf die künftige Zusammenarbeit mit Help haben wird. In diesem Zusammenhang muss ich auch meinem Arbeitgeber danken. Help ließ mir all die Jahre viel Freiraum, das war wichtig, das weiß ich zu schätzen.

Was bleibt noch zu tun?

Brunnen, Staudämme, Solarpumpen. Ich habe die Möglichkeiten gezeigt, wie sich die Wassersituation in der Region verbessern lässt. Jetzt geht es darum, die Leute zu motivieren. Wir haben die nationale Hilfsorganisation Help Tschad gegründet, sie soll meine Arbeit fortsetzen, wenn ich Ende des Jahres in den Ruhestand gehe. Ich bin sehr zuversichtlich.

Wie siehst Du die Zukunft der Flüchtlinge?

Das ist der traurigste Punkt. Ich sehe nicht mal im Ansatz eine Lösung für sie, die tragfähig wäre. Es wird zwar viel palavert, aber realitätsnah ist das alles nicht.

In neun Monaten packst du deine Koffer in Iriba. Hast du das schon realisiert?

Nein, bis dahin gibt es noch so viel zu tun, allein wenn ich an das Bohrgerät denke, mit dem wir anfangen wollen, zu arbeiten. Ich habe mir hier abgewöhnt, mir über die Zeit Gedanken zu machen. Aber wenn es so weit ist, freue ich mich auf zu Hause, das Leben in zwei Welten wird dann ein Ende haben.

Ein Schlussstrich für immer?

Nein, wenn ich gesund bleibe und Help keine Einwände hat, möchte ich als technischer Berater mein Team im Tschad für zwei weitere Jahre beraten.

Was wirst Du vermissen, wenn du in Eldenburg deine Koffer ausgepackt haben wirst?

Meine zweite Heimat.
 

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erstellt am 29.Jan.2015 | 22:00 Uhr

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