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Der Prignitzer

27. September 2016 | 12:20 Uhr

Tschad-Serie : Ein cleverer Unternehmer

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Zusammen mit Abdelhack Hissein Haggar besichtigen wir die laufenden Bauarbeiten - Wadi-Passagen retten Menschenleben

Seit zehn Jahren arbeitet der Eldenburger Urban Britzius für die Hilfsorganisation Help im Tschad. „Am Arsch der Welt“ – wie er das afrikanische Land einst bezeichnet hat – betreut er rund 14  000 Flüchtlinge im Lager Am Nabak nahe der sudanesischen Grenze. Mitte Januar ist er wieder nach Afrika geflogen, und ich begleite ihn, um über seine Arbeit zu berichten. Ich werde mit Flüchtlingen sprechen, den Sultan treffen, Brunnen besichtigen, die Britzius mit seinem Team im Flüchtlingslager und in Dörfern baute.

Heute ist große Inspektion. Urban möchte nach seinem Urlaub alle Baustellen besichtigen, die nächsten Maßnahmen absprechen. 8 Uhr steht Abdelhack Hissein Haggar mit laufendem Motor vor dem Tor. Deutsche Pünktlichkeit im Tschad ist die Ausnahme. Aber auch Abdelhack ist etwas Besonderes: Er ist Bauunternehmer, Händler, verleiht Autos und Fahrer. In Deutschland würde man ihn einen cleveren Geschäftsmann nennen.
Wir halten am Wadi Absoun, zehn Kilometer hinter Iriba. In der letzten Regenzeit hat das Wasser mal wieder seinen Dickschädel gezeigt, sich neue Wege gesucht. „Wir müssen die Durchfahrt verlängern, setzen eine zweite an die bestehende an“, sagt Urban.

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Abdelhacks Leute sind am Wirbeln, setzen eine Feldsteinmauer. Der angemischte Mörtel liegt in einer Schubkarre. Ein Mann verteilt ihn mit einer Schaufel über der Mauer, ein zweiter setzt die nächsten Steine. Wir schauen eine Weile zu, die Männer sind schnell, die Wasserwaage liegt griffbereit. „Das sind Abdelhacks Männer. Er hat gelernt, dass Schnelligkeit, Zuverlässigkeit und Qualität zählen. Stimmt die Leistung, stimmt der Preis“, sagt Urban.

18 000 Euro werden die Arbeiten kosten. Für deutsche Verhältnisse billig, für hiesige gut bezahlt. Abdelhack weiß um seine Monopolstellung, ist in den Verhandlungen nicht zimperlich. Mit der Zeit ist er ein wohlhabender Mann geworden, auch wenn die mehrfach gesprungene Frontscheibe seines Hilux nicht in dieses Bild passt.

Auf der anderen Seite weiß Urban, was er an ihm hat. „Es ist ein Geben und Nehmen“, sagt er. Nicht ortsansässige Unternehmen zu engagieren, sei ein Tabu. „Ich würde sofort jeglichen Rückhalt verlieren, meine Sicherheit riskieren. Wer heute dein Freund ist, kann morgen schon dein Feind sein.“ Diese ungeschriebenen Gesetze gilt es zu akzeptieren. Sonst habe man verloren.

Wir fahren weiter zum Wadi Toulum - das 200 Meter breite und damit größte in der Nähe des Flüchtlingslagers Am Nabak, war lange Zeit ein neuralgischer Punkt. In zwei Jahren starben an der Durchfahrt 15 Menschen. Einige der leblosen Körper fand man vier Kilometer entfernt.

Die Kraft des Wassers sei unvorstellbar. Selbst Stahlbeton zermalmt es in Krümel, reißt Granitbrocken wie einen Tennisball mit sich. „Die wichtigste Straße zum Lager war manchmal tagelang unterbrochen. Weder Wasser noch Lebensmittel konnten transportiert werden.“ Seit Urban die Passage befestigen ließ, konnte jeder Transport passieren. „Dafür hat sich bei uns sogar die UNO bedankt, die für das Lager die Gesamtverantwortung trägt.“ Die Durchfahrt macht ein guten Eindruck. Urban entdeckt nur kleinere Schäden, die Abdelhack beheben soll.

Letzte Station ist ein Brunnen. Das Loch ist schon gegraben, der Ring aus Granitsteinen wächst in die Höhe. Zwei Männer arbeiten in dem Schacht. „Vier Wochen brauchen wir für einen Brunnen“, sagt Abdelhack. Dieser werde bald fertig sein, dann kann Urban die Solarpumpe installieren. Mir fallen die einbetonierten Steighilfen auf. „In jedem unserer Brunnen bauen wir sie aus gutem Grund ein“, so Urban. Immer wieder passiert es, dass Kinder hineinfallen, wenn sie die schweren Wasserkanister ohne jegliche Sicherung hochziehen. Die Steigeisen können ihnen das Leben retten.

Auf der Rückfahrt rumpeln wir durch ein Flussbett. „Du musst hier eine Passage bauen“, brubbelt Abdelhack, während mal wieder sein Handy klingelt. „Vergiss es, hier ist noch für 50 Jahre Platz zum Ausweichen“, reagiert Urban. Beide lachen. Es war ja einen Versuch wert, mag sich Abdelhack denken.


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erstellt am 29.Jan.2015 | 12:00 Uhr

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