zur Navigation springen

Der Prignitzer

31. Juli 2016 | 07:21 Uhr

Tschad-Serie : Eine Tagesreise bis zum Brunnen

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

In Couba baute Urban Britzius zwei Wasserquellen die über 30 Dörfer und Nomaden ganzjährig versorgen

Noch ist es eine karge Trockensavanne, doch am Horizont flimmert bereits der Wüstenrand, beginnt die riesige, lebensfeindliche Sahara. Wir sind in Couba, einem Dorf etwa 20 Kilometer hinter Iriba. Die letzten 100 Meter kriechen wir hupend durch hunderte Rinder und Kamele. Herdenweise kommen sie aus allen Himmelsrichtungen angelaufen. Hier findet kein Viehmarkt statt, sondern hier liegen zwei der wichtigsten Brunnen der Region - gebaut von Urban Britzius.

Ein Eisenpfeiler ist in den Brunnenrand einbetoniert, zehn Zentimeter breit. Darauf steht ein junger Mann. 16 oder 17 Jahre alt mag er sein. Er wirft einen an einem Riemen befestigen Kanister hinein. Nach gut 20 Metern plumpst dieser ins Wasser, läuft voll.

Schnell zieht er ihn hoch, federt dabei leicht in den Beinen. 30 Minuten beobachte ich ihn, das geschmeidige Spiel seiner Muskeln. Jungen und Frauen schleppen die vollen, 20 Kilogramm schweren Kanister einige Meter weiter, kippen sie in große Schalen, aus denen die Tiere saufen. Morgens und abends kommen sie hierher zur Tränke. Der Brunnen in dem Wadi ist ergiebig.
Nur 30 Meter entfernt, steht ein zweiter Brunnen. Eine Solarpumpe holt das kostbare Nass aus der Erde, pumpt es durch die Leitung zu zwei Wasserhähnen. Kinder reiten auf Eseln herbei, die sechs, manche gar acht Kanister tragen. Geduldig stellen sie sich an, warten, bis sie an der Reihe sind. Mit ihren zierlichen Armen schleppen sie teils barfuß die schweren Kanister zurück zu den Tieren.

Einige der Mädchen mögen zwölf Jahre alt sein. Eines hievt den Kanister mit beiden Armen hoch, holt Schwung, dreht sich, setzt ihn wieder ab. Stück für Stück kommt sie voran. Am schwersten ist es, das volle Ding auf den Rücken des Tieres zu setzen.

Kanister für Kanister wiederholt sich das Bild, bis alle sechs irgendwie am Esel befestigt sind. Wasser holen ist Kinder- und Frauenarbeit. Nirgends ist ein Mann zu sehen. Manche der Kinder sind Nomaden. Ihr Lager ist eine Tagesreise entfernt. Wenn sie wieder zurück sind, stehen die nächsten leeren Kanister bereit.

Rund 30 Dörfer sowie Karawanen holen sich von hier Wasser. Niemand weiß, wieviele Menschen es genau sind. „Aber diesee Brunnen waren ein Volltreffer“, sagt Urban. Der Sultan und der Dorfvorsteher haben ihre Zustimmung gegeben, mit ihnen zusammen hat Urban den Platz ausgewählt. „Alles hat gestimmt. Von der Organisation, über die Notwendigkeit bis hin zur Annahme.“ Das Dorf hat sogar Wächter beordert, die den Brunnen Tag und Nacht vor Vandalismus und Diebstahl schützen. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Urban kennt genügend Beispiele, wo Brunnen und Solarpanele zerstört, Wasserhähne geklaut werden. Wenn der Brunnen nicht mehr funktioniert, ist es Allahs Wille oder aber sie erwarten von Urban, dass er ihn repariert. Das sei nervig, koste Kraft und manchmal verflucht er sie dafür.
Aber wer in diesem Land lebt, die Menschen kennt, legt europäische Standards und zuweilen den gesunden Menschenverstand ab oder aber er gibt auf. Urban gibt nicht auf. Zehn solcher Brunnen hat er allein rund um Iriba gebaut, Stückpreis 9000 Euro, finanziert von Ministerien, der EU, dem deutschen Botschafter oder aus privaten Spenden.

Die Brunnen sind der Grund dafür, dass ihn die Menschen Shahib Almi, den Alten vom Wasser nennen. In zehn Jahren hat er mit seinem Team die Wasserversorgung revolutioniert. Das Wasser reicht meistens bis ans Ende der zehnmonatigen Trockenzeit im Juni, bis der Himmel seine Schleusen öffnet, die unterirdischen Reservoirs wieder auffüllt.
Wir stehen am Auto, schauen ein letztes Mal auf diese Szenerie. Urban blickt mich an und sagt: „Verstehst du jetzt, warum ich das hier mache?“
 



zur Startseite

von
erstellt am 28.Jan.2015 | 12:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen