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Der Prignitzer

30. Juli 2016 | 14:57 Uhr

Die Prignitzer Tschad-Serie : Er bringt den Durstenden das Wasser

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Redakteur Hanno Taufenbach begleitet den Eldenburger Urban Britzius in den Tschad und berichtet über seine Arbeit in einem Flüchtlingslager

Seit zehn Jahren arbeitet der Eldenburger Urban Britzius für die Hilfsorganisation Help im Tschad. „Am Arsch der Welt“ – wie er das arme afrikanische Land – einst selbst bezeichnet hat, betreut er rund 14 000 Flüchtlinge im Lager Am Nabak nahe der sudanesischen Grenze.

Heute fliegt er wieder dorthin und ich werde ihn begleiten, über seine Arbeit vor Ort berichten. Ich werde mit Flüchtlingen sprechen, den Sultan treffen, Brunnen besichtigen, die Britzius mit seinem Team im Flüchtlingslager und in umliegenden Dörfern baute. Vor dem Abflug besuche ich Urban Britzius und seine Familie.

Der Tannenbaum in der beheizten Stube vermittelt einen letzten Hauch von Weihnachtsstimmung. Doch mit Ruhe und Besinnlichkeit ist es in dem Haus schon wieder vorbei. So kurz vor dem Abflug weilen Britzius Gedanken längst wieder im 4300 Kilometer entfernten Tschad.

Vor ihm liegt ein mehrfach gefalteter weißer Zettel. Eine Packliste: „Schaltuhren, Isolierband, 6er- und 8er-Bohrer...“, liest er ab. Nirgends ein Wort von warmen Sachen, einer Taschenlampe, einem Buch. Alles Dinge, die wir für einen Urlaub mitnehmen würden. Aber Isolierband? „Dort gibt es fast nichts, was wir für unsere Arbeit brauchen. Von Dübeln, über große Pumpen bis hin zu Ersatzteilen fürs Auto lasse ich alles schicken.“


Eine Bauchentscheidung


Während er die Liste vervollständigt, setzen sich seine Frau Jeannette und Ulla zu uns an den Tisch. „Er ist ein durchgeknallter alter Mann“, beschreibt Ulla ihren Vater. Das bezieht sie nicht einmal unbedingt auf seine Arbeit. Eher auf seine zwei in der Scheune stehenden Kanonen, die Napoleons Truppen auf ihrem Rückzug hier stehen gelassen haben könnten und noch auf einige andere Hobbys, die sie lieber gar nicht im Detail verraten mag.

Wer als Außenstehender Britzius’ Geschichte hört, schüttelt unwillkürlich den Kopf. Als Truppführer bei den Kampfmittelbeseitigern in Süddeutschland aktiv, lernte er auf einem Lehrgang 2005 die heutige Help-Geschäftsführerin Karin Settele kennen. Sie erzählte von Helps Engagement im Tschad bei der Mienen- und Munitionsvernichtung, und sie berichtete von einem tragischen Unglück, bei dem mehrere Mitarbeiter durch eine Explosion ihr Leben verloren.

Kurz darauf bewarb sich Britzius bei Help um einen der gefährlichsten Jobs dieser Welt: Minensuche im Tschad. „Aber das Projekt wurde nicht fortgeführt. Stattdessen hatte der Verein die Aufgabe übernommen, in einem Flüchtlingslager die Wasserversorgung aufzubauen. Ob ich daran Interesse hätte, wurde ich gefragt.“

Er hatte Interesse, rief seine Frau an. „Mach das“, sagte sie spontan aus dem Bauch heraus. Weder wusste sie wo der Tschad liegt, noch wie die Situation damals im Land war. Zehn Tage später stieg der Prignitzer in der Hauptstadt N’Djamena aus dem Flugzeug. Erst in den Wochen danach wurde der Familie bewusst, was dieser Schritt im Alltag bedeutete. „Wochenlang war ich allein zu Hause, berufstätig und Ulla war sieben Jahre alt. Anfangs war das Stress.“ Das Leben musste neu organisiert werden, Ulla fragte nach ihrem Papa. „Der hilft armen Menschen in Afrika, die kein Wasser haben, sagte ich ihr. Und sie fand das gut.“

Tränen beim Abschied, Sorgen und Ängste während seiner Einsätze. Vor allem in den ersten Jahren war der Tschad alles andere als friedlich. In einem Land, in dem Krieg, Hunger, Tod den Alltag diktieren, in dem ein Krug Wasser mehr als ein Menschenleben zählt, war bewaffneter Begleitschutz für Urban Britzius unerlässlich.

Internet stand ihm nicht zur Verfügung. „Ich hatte ein Satellitentelefon.“ Das war seine einzige Verbindung nach Hause. Die Minute kostete 2,40 Euro. „Es war belastend, nie konnte ich ihn spontan erreichen“, sagt seine Frau.

Nachbarn erkundigten sich nach ihm, im „Prignitzer“ erschienen erste Artikel über seine Arbeit, machten das Projekt in der Region bekannt. Der Tschad bekam ein Gesicht – das Gesicht von Urban Britzius.

Fast zehn Jahre sind seitdem vergangen. Sie haben sich mit dem partiellen Familienleben zu dritt arrangiert. Vier Mal im Jahr kommt Urban für einige Wochen nach Hause. „Wir freuen uns darauf, aber seine Pantoffel stehen nicht bereit und sein Lieblingsessen nicht auf dem Herd“, lacht Jeanette.

Eher ist es umgekehrt. Kaum fällt die Haustür hinter ihm ins Schloss, schickt Ulla ihren Papa an den Herd. „Er ist bei uns der Koch und ich wünsche mir immer Rindfleischsuppe mit Brotklößchen.“ Klar habe sie ihren Vater zwischendurch vermisst, vor allem die ausgiebigen Streifzüge durch die Natur und durch sein Jagdrevier. Häufig musste sie Fragen ihrer Mitschüler beantworten. Er kam in ihre Schule, berichtete von seiner Arbeit, dem Land und den Menschen dort. Er hielt Vorträge in der Prignitz und wir berichteten über die Fortschritte seiner Arbeit.

Heute fragen die Nachbarn nur noch selten, ihre Neugier lässt nach. „Wenn sie mich sehen, wissen sie, ich bin wieder hier.“

Heute können Jeanette und Ulla ihn per SMS zuverlässig und schnell erreichen, er ruft zurück und dank des Internets können Sie sich Mails schreiben und über Skype kostenlos telefonieren. Immer mittwochs und sonntags 19 Uhr hören sie voneinander, sehen sich. „Der aktuelle Austausch ist damit gewährt. Du bist nicht völlig aus der Welt“, sagen sie übereinstimmend.


Ein bisschen Angst ist immer dabei


Und auch wenn sich die Sicherheitslage in dem Land entscheidend verbessert hat, lassen die Frauen ihren Mann und Papa nicht völlig sorglos ziehen. Das gemeinsame Fahren zum Flughafen nach Hamburg hat inzwischen Tradition. Vor allem Ulla ist es, die sich mehr Gedanken macht, deren Unruhe größer ist, gibt die 17-Jährige zu.

Zugleich möchte sie in möglichst naher Zukunft selbst in den Tschad reisen, das Land und seine Menschen kennen lernen. „Ich möchte sehen, was mein Vater dort seit zehn Jahren macht, was er erreicht hat, wie er helfen konnte.“

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erstellt am 13.Jan.2015 | 08:00 Uhr

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