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Der Prignitzer

09. Dezember 2016 | 18:18 Uhr

Reportagen aus dem Tschad : Flussufer ein einziger Baumarkt

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Heruntergekommene Behörden, gesichertes Präsidenten-Areal und alltägliches Straßenleben: Impressionen aus der Hauptstadt der Republik Tschad

Seit zehn Jahren arbeitet der Eldenburger Urban Britzius für die Hilfsorganisation Help im Tschad. „Am Arsch der Welt“ – wie er das arme afrikanische Land – einst selbst bezeichnet hat, betreut er rund 14  000 Flüchtlinge im Lager Am Nabak nahe der sudanesischen Grenze. In dieser Woche ist er wieder nach Afrika geflogen, und ich begleite ihn, um über seine Arbeit vor Ort zu berichten. Ich werde mit Flüchtlingen sprechen, den Sultan treffen, Brunnen besichtigen, die Britzius mit seinem Team im Flüchtlingslager und in umliegenden Dörfern baute.

 


Lärmschutz? Definitiv nicht in unserem Novotel. Keine 200 Meter trennen mein Bett von der Landebahn. Als die Air France Maschine zu ihrem Rückflug startet, falle ich fast aus dem Bett. Zu meinem Glück landen und starten nur wenige Maschinen. Ansonsten hat das Hotel einen guten Standard – für afrikanische Verhältnisse. Die Steckdose hängt lose von der Wand, aber funktioniert. Im Brausekopf meiner Dusche sind zumindest einige Düsen nicht verkalkt, aus denen das Wasser um so stärker herausspritzt.

Urban mag dieses Hotel. „Es ist das Herz dieser Stadt“, sagt er, „und bei weitem nicht so steril wie das Kempinski oder das neue Hilton“. Die Mauern des Hauses, die Sessel in der Bar atmen Geschichte. Rebellengruppen haben sich hier getroffen und verhandelt.
Mahamat holt mich ab. Wir müssen zur zentralen Polizeistation. Ich brauche eine Reisegenehmigung für das Land. Vorbei an Botschaften und der städtischen Präfektur halten wir vor einem unscheinbaren Gebäude. Wir gehen über einen staubigen Innenhof. In dem verwinkelten Bau wimmelt es von Menschen in Uniform und in Zivil. Eine Frau will meinen Pass sehen und zwei Passbilder. Ich reiche ihr beides über den zerschrammten Tisch. Eine andere Beamtin gibt mit zwei von oben bis unten dicht beschriebene Fragebögen im A4-Format. Ich beantworte all die persönlichen Fragen und weiß nicht, wozu mein Familienstand oder die Anzahl meiner Kinder wichtig sind. Auf dem zweiten Bogen stehen die gleichen Fragen, dieses Mal in Französisch. Noch während ich sie erneut beantworte, ist mein Pass um einen Stempel reicher.

Wir verlassen das Büro mit den verschmutzten, ehemals weißen Zementwänden. Mahamat hatte diese Aktion für mich vorbereitet, hat Beziehungen spielen lassen. Im Normalfall hätte es bis zu zehn Tage dauern können, bis ich meine Reiseerlaubnis erhalten hätte. Pünktlich zu meinem Abflug sozusagen.


Mahamat: Organisator und guter Freund


Mit unserem Hilux-Pickup fahren wir durch die Hauptstadt. Urbans Stellvertreter Mahamat ist hier aufgewachsen, sein Fahrer Ahmat stammt aus unserem morgigen Ziel Abéché, der Hauptstadt des Ostens. Die drei arbeiten seit Urbans erstem Tag im Tschad zusammen, vertrauen sich blind. Unzählige Male hat Urban von ihrem Wissen profitiert. „Egal, was ich brauche, entweder Mahamat besorgt es oder es gibt es nicht in der Stadt“, sagt er über seinen Kollegen, der mit den Jahren zu einem Freund wurde, ihn sogar in Deutschland besuchte.

Vorbei an der schwer gesicherten amerikanischen Botschaft erreichen wir das riesige und vollständig von einer Mauer umgebene Gebiet des Präsidenten. Davor liegen dicke Betonklötze. Sie dienen als Panzersperren. Vor den Eingängen bewaffnete Wachen. 2008 tobten in der Stadt Kämpfe, Rebellen waren einmarschiert, die Lage unübersichtlich. Selbst auf dem Gelände der deutschen Botschaft schlugen Granaten ein. Das auswärtige Amt riet Urban damals eindringlich, das Land zu verlassen. „Das hätte ich ja gerne, aber ich saß 1000 Kilometer von der Hauptstadt entfernt in Iriba fest. Im Osten und Süden kämpften Rebellen, im Norden 2500 Kilometer Wüste und N'Djamena brannte. Ich konnte nicht weg.“


Nivea-Creme und Maggi-Suppe


Heute ist es sicherer in der Stadt, die ausufert, unkontrolliert wächst. 2005 lebten hier rund 500  000 Menschen, heute mehr als doppelt so viele. Kilometerweit fahren wir vorbei an nicht enden wollenden Ständen. Hier gibt es Obst, dort Alkohol, Pflanzen oder Stoffe. In garagenähnlichen Hallen stapeln sich Bierkisten bis unter die Decke. Daneben eine Autowerkstatt, deren Vorhof einem Schrottplatz gleicht. Tausende Menschen sind unterwegs. Manche drängen sich in Kleinbussen, die als Taxi verkehren. Andere sitzen einfach nur im Schatten inmitten alter Autoreifen, die in der staubigen Landschaft herumliegen.

Wir fahren über den Chari, der an N'Djamena vorbeifließt. Auf der anderen Uferseite liegt Kamerun. Auch Nigeria ist nur knapp 30 Kilometer entfernt, direkt hinter der Grenze verübt die Gruppe Boko Haram ihre Gräueltaten. Am Ufer des breiten, aber flachen Flusses waschen Frauen Kleidung, Kinder toben im Wasser. Vereinzelt sind Boote zu sehen. Im Fluss gibt es Fische, sie werden am Straßenrand zum Verkauf angeboten. Nahezu überall werden Lehmziegel gebrannt – ein Verfahren, das sich seit Jahrtausenden nicht verändert hat. Wer ein Haus oder eine Mauer bauen möchte, braucht hier keinen Baumarkt. Das ganze Flussufer ist ein einziges Baufachzentrum, allerdings ohne das dazu gehörende Werkzeug.

Mahamat hat es eilig. Er ist Moslem und will beten. Überall sehen wir jetzt Männer, die dort niederknien, wo sie stehen: neben ihrem Auto, am Imbissstand, vor ihrem Laden. Mal sind es zwei, drei, mal eine ganze Gruppe, die das Haupt gen Mekka beugt.

Vorbei an Banken und mehreren Tankstellen nähern wir uns wieder dem Zentrum und halten an einem von drei Supermärkten in der Stadt. Schokolade, Getränke, Kosmetik, Haushaltswaren und Konserven gibt es. Darunter deutsche Produkte wie Niveacreme oder Suppen von Maggi. Eine junge Frau im Kleid und mit einem Kopftuch greift sich ein Päckchen Unterwäsche. Wir kaufen Kekse, Verpflegung für die morgige Autofahrt, die uns über 900 Kilometer bis nach Abéché führen wird.

 

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erstellt am 17.Jan.2015 | 08:00 Uhr

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