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Der Prignitzer

09. Dezember 2016 | 18:18 Uhr

Reportagen aus dem Tschad : In Sicherheit vor den Mördern

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

14 000 Flüchtlinge aus dem Sudan leben seit elf Jahren im Lager Am Nabak. Sie haben feste Unterkünfte, Schulen und ausreichend Wasser. Dafür danken sie vor allem Urban Britzius.

Seit zehn Jahren arbeitet der Eldenburger Urban Britzius für die Hilfsorganisation Help im Tschad. „Am Arsch der Welt“ – wie er das afrikanische Land einst bezeichnet hat – betreut er rund 14  000 Flüchtlinge im Lager Am Nabak nahe der sudanesischen Grenze. Mitte Januar ist er wieder nach Afrika geflogen, und ich begleite ihn, um über seine Arbeit zu berichten. Ich werde mit Flüchtlingen sprechen, den Sultan treffen, Brunnen besichtigen, die Britzius mit seinem Team im Flüchtlingslager und in Dörfern baute.

Ausgemergelte Menschen ohne Hab und Gut, ein Leben in Zelten, deren Planen im heißen Wüstenwind flattern. Mit diesem Bild von Flüchtlingslagern in Afrika breche ich im Morgengrauen mit Urban ins 40 Kilometer entfernte Am Nabak auf und kehre mit einem völlig anderen Bild am Abend zurück.

Unterwegs treffen wir eine Gruppe von Jungen und Mädchen die uns auf Eseln entgegen kommen. Sie sammeln Holz in der Savanne. Manche haben bereits einen Haufen gebunden, auf dem Rücken des Tieres befestigt. Sie bringen das Holz ins Lager, verwenden es für ihre kleinen Feuerstellen, auf denen sie kochen.

Am Horizont ein Funkturm, der erste Vorbote des Lagers, das sich auf einer Anhöhe erstreckt. Wir halten bei der Flüchtlingspolizei, die hinter dicken Mauern und Schützentürmen ihr Domizil hat, melden unseren Besuch an. Problemlos dürfen wir passieren, die Mitarbeiter von Help sind bekannt, kommen täglich ins Camp.

Ich suche nach Zelten, aber entdecke keine. Rundhütten aus Lehm mit Stroh gedeckten Dächern stehen hier. Von Lehmmauern umgeben sehen sie aus wie kleine Gehöfte, die aneinander grenzen. Verwinkelte Gassen führen zwischen den Mauern ins Innere. Kinder winken uns zu, selbst Frauen wirken nicht abweisend wie so oft in diesem Land, sondern schauen uns unverschleiert an, lächeln zaghaft.

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Unter einer Zeltplane hat eine Frau ihre Waren ausgebreitet. Sie verkauft Nudeln, Senf, Fladenbrot, Kernseife, Chilischoten, Tomaten und anderes mehr. Direkt daneben ein überdachter Stand mit Frischfleisch. Drei Kilo Rind liegen auf dem Tisch. An einem Haken über der Waage hängt ein Stück Rippe. Eine alte Frau deren dunkles Gesicht vom Leben gezeichnet ist, kauft eine winzige Portion. In ihrer Hand hält sie einen vergilbten Geldschein.

Unser Besuch hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Da ist ein weißer Mann der fotografiert. Kinder laufen zu mir, posen, machen Fratzen oder stellen sich ernst blickend in Positur. Kaum drehe ich meine Kamera, um ihnen im Display das Foto zu zeigen, umringen sie mich, ja kippen mich fast um. Jeder will sich sehen und die kleinsten ziehen an meinen Hosenbeinen, bis ich in die Hocke gehe, damit auch sie schauen können. Eine Abwechslung im tristen Alltag dieses Camps, in dem etwa 14 000 Menschen leben.

Aber wer es nicht weiß, erkennt hier kein Flüchtlingslager, sondern wähnt sich in einem Dorf, wie sie überall im Tschad stehen. Frauen waschen Wäsche, auf Eselskarren fahren Kinder volle Wasserkanister. Es gibt sogar eine Handwerkergasse. In einem aus Feldsteinen gemauerten Haus treibt ein Motor einen sechs Meter langen Riemen an, der eine Kornmühle rattern lässt. Hier mahlen sie Hirse zu Mehl. Und die einzigen Zelte die ich entdecke gehören der UNO, in ihnen werden Lebensmittel gelagert, die monatlich an die Flüchtlinge verteilt werden.

Wir kommen an Schulgebäuden vorbei, es gibt eine Krankenstation. Die Frauen und Mädchen sehen in ihren bunten Kleidern schick aus, manche laufen barfuß, andere tragen Latschen. An mehreren Orten in dem weitläufigen Camp gibt es eingezäunte Wasserstellen. Zu festgelegten Zeiten werden sie von Urbans Mitarbeitern geöffnet. „Das Wasser ist nicht limitiert, jeder darf fast ganzjährig so viel und so oft holen, wie er möchte“, sagt er. Dass ist keine Selbstverständlichkeit und war viele Jahre lang undenkbar.

Als die deutsche Hilfsorganisation Help den Auftrag für die Wasserversorgung 2004 übernahm, schrien die Menschen im Lager nach Wasser. Es gab keines. „Fünf Jahre lang holten wir das Wasser mit Tanks aus Brunnen in der Umgebung, täglich bis zu 160 000 Liter.“ Automiete und Treibstoff verschlangen jährlich Unsummen, in der Regenzeit war das Camp manchmal tagelang nicht erreichbar.

In einem zweiten Schritt begann Urban mit dem Brunnenbau. Direkt vor dem Camp liegt ein Wadi, ein ausgetrocknetes Flussbett. Urban war sich sicher, dass es dort unterirdisch Wasser gibt. Ab wo sollte man graben? Im benachbarten Ort suchte er den Dorfältesten auf, sprach mit ihm. Gemeinsam gingen sie ins Wadi, bis der alte Mann stehen blieb und auf eine Stelle im Sand zeigte: „Hier musst du graben“, waren seine Worte.

Urban grub und stieß in ca. zehn Meter Tiefe auf Wasser. Der erste Brunnen ging vor sieben Jahren ans Netz. Heute gibt es zwei Wasserfelder mit insgesamt neun Brunnen, ein zehnter und letzter wird in wenigen Wochen fertig sein.

Eine etwa 1,5 Kilometer lange Hauptleitung bringt das Trinkwasser in einen Sammeltank am höchsten Punkt des Camps. Von hier gelangt es zu den verschiedenen Verteilstellen und fließt dort aus Wasserhähnen, die für die Masse der Menschen im Tschad noch immer unbekannt sind.

Anfangs beförderten Dieselpumpen das Nass aus der Erde, die Versorgung der Menschen war gesichert. Doch Urban gab sich damit nicht zufrieden und begann mit einer Solarpumpe zu experimentieren. Wie stark und wie zuverlässig ist sie, wie anfällig gegen Sand, Staub und wechselnde Wasserstände waren Fragen, auf die er Antworten suchte. Das Ergebnis war so ermutigend, dass er die ersten Dieselpumpen austauschte. Seit zwei Jahren wird das Camp ausschließlich über Solarpumpen versorgt.

„Es ist die größte Solar-Wasserversorgung des Landes und nach Aussagen der UNO weltweit das einzige Flüchtlingslager, welches gänzlich ohne Dieselpumpen auskommt“, sagt Urban. Dafür wurde Help 2013 mit dem Deutschen Solarpreis ausgezeichnet.

Fünf Mitarbeiter von Help warten die Pumpen, Brunnen und das sechs Kilometer lange, unterirdische Leitungsnetz. Täglich führen sie Statistik über verbrauchte Menge, über den Wasserspiegel. Einmal wöchentlich wird das Wasser eines jeden Brunnens im Labor untersucht, einmal jährlich durch ein unabhängiges Labor in der Hauptstadt N’Djamena analysiert. „Die Qualität ist sehr gut und konstant. Wir hatten in all den Jahren keine Krankheitsfälle durch verunreinigtes Wasser.“

Die Sonne steht schon tief, als wir zum Auto gehen. Noch immer folgen uns Kinder, die neugierig alles beobachten, was wir uns anschauen. Ich habe nach diesem Besuch ein gutes Gefühl. Die Menschen die ich traf, wirkten nicht unglücklich, sondern zufrieden. Sie sind Flüchtlinge und heimatlos, aber sie wissen scheinbar, dass es ihnen mit der gesicherten Versorgung im Lager besser geht, als vielen anderen Menschen im Tschad, die täglich ums Überleben kämpfen müssen.

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erstellt am 30.Jan.2015 | 02:00 Uhr

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