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Der Prignitzer

27. Mai 2016 | 04:13 Uhr

Reportagen aus dem Tschad : Iriba – zweite Heimat von Urban Britzius

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Sieben Stunden Fahrt über raue Pisten, durch wunderschöne Landschaft, vorbei an Minenfeldern

Seit zehn Jahren arbeitet der Eldenburger Urban Britzius für die Hilfsorganisation Help! im Tschad. „Am Arsch der Welt“ – wie er das afrikanische Land einst bezeichnet hat – betreut er rund 14  000 Flüchtlinge im Lager Am Nabak nahe der sudanesischen Grenze. In der vergangenen Woche ist er wieder nach Afrika geflogen, und ich begleite ihn, um über seine Arbeit zu berichten. Ich werde mit Flüchtlingen sprechen, den Sultan treffen, Brunnen besichtigen, die Britzius mit seinem Team im Flüchtlingslager und in Dörfern baute.

Sieben Stunden, 300 Kilometer. Wir spüren jeden einzelnen Knochen, so sehr hat uns die raue Piste durchgeschüttelt. Auf tiefen, feinen Sand folgen ausgewaschene Flussbetten. Unser Toyota Hilux quält sich die Böschung hinauf. Fahrer Mahamat findet eine Fahrspur und gibt Gas. Endlich mal keine Steigung, keine Felsbrocken. Zumindest nicht bis zum nächsten ausgetrockneten Flussbett, die hier Wadis heißen. Doch die wunderschöne Landschaft lässt jedes Schlagloch vergessen. Wir fahren an schmalen Bergrücken vorbei, deren Zacken an Dinosaurier erinnern. Der blaue Himmel über uns, vor uns der mal rötlich braune, mal gelbe Wüstensand, aus dem immer wieder grüne Oasen voller Bäume emporragen. Viehherden drängeln sich um Brunnen, in deren Nähe es kleine Dörfer in diesem schier endlosen Niemandsland gibt. Wir begegnen Nomaden, die mit ihrer Herde Kamele vorbei ziehen, ein Jungtier schaut neugierig aus der Satteltasche. Der Wert eines Tieres liegt um die 500 Euro. Wer Nomaden und Wüstensöhne generell für arm hält, irrt gewaltig.

Keine zehn Autos sehen wir, bis wir unmittelbar vor Iriba direkt neben der Piste einen alten Panzer entdecken, kurz darauf weitere. Granaten liegen verstreut zwischen den Büschen. Die entschärfte Munition und die ursprünglich aus Russland stammenden rostigen Schrotthaufen stehen seit 25 Jahren hier, erinnern an einen Putsch. Mit blauer Farbe steht gut sichtbar MTI auf den Panzern. Die Abkürzung steht für eine Organisation, die entlang der Piste Munition entschärft und geräumt hat. Auch auf Felsbrocken lasen wir unterwegs diesen lebenswichtigen Hinweis. Noch immer gibt es im Tschad unzählige Minen, Granaten und selbst Panzerfäuste, die im Sand verrotten. Urban, der jahrelang als Kampfmittelbeseitiger arbeitete und eine gültige Lizenz zum Minenräumen besitzt, kennt die Thematik nur zu gut und weiß von zivilen Opfern, die es immer wieder gibt. Auch Help hatte vor Jahren mehrere Mitarbeiter verloren, die im Tschad Minen räumten.

Endlich tauchen am Horizont Funktürme auf. Die ersten Vorboten von Iriba. Das Städtchen zählt keine 3000 Einwohner und ist seit zehn Jahren die Heimat von Urban. Gut neun Monate im Jahr lebt er hier in einer der einsamsten und rauesten Regionen unserer Welt. Das Flüchtlingslager, für dessen Wasserversorgung er zuständig ist, liegt nochmals 40 Kilometer entfernt. In den nächsten Tagen will ich erfahren, was Urban und sein Team in dieser Region aufgebaut haben.  



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erstellt am 22.Jan.2015 | 08:00 Uhr

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