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Der Prignitzer

30. September 2016 | 00:03 Uhr

Tschad-Serie : Komfort ist reine Ansichtssache

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Schreibtisch, Bett, Moskitonetz – Urban Britzius erklärt Hanno Taufenbach, wie man sich im Tschad häuslich einrichtet

Iriba. Eine Stadt im Nirgendwo. 25 Kilometer sind es bis zur sudanesischen Grenze. Die Hauptstraße ist nicht mehr als eine staubige Piste, an der zu beiden Seiten Häuser angrenzen. Vor manchen sitzen Frauen und bieten Waren an: Klopapier, Tomaten, Zwiebeln. Wohlwollend könnte man sie auch Einkaufsstraße nennen. Aus einem Ofen holt der Bäcker Fladenbrot. Es schmeckt gut und knirscht beim Essen. Das kommt von den Sandkörnern und ist nicht weiter schlimm. Als Kind haben wir doch alle Sand gegessen. „Nein, nein“, sagt Urban, „der Panzer der Mehlwürmer knirscht.“

Helps Domizil liegt ebenfalls hier. Hinter dem blauen Eisentor verbirgt sich ein idyllischer Innenhof, in dem Papaya, Limette, Granatapfel und eine Akazie grüne Farbtupfer zaubern. Ein Pavillon mit einem traditionellen Dach aus Bastmatten ist Urbans Freiluftbüro und Werkstatt. Um den runden Tisch stehen weiße Plastestühle. Die Küche erinnert an ein deutsches Freilichtmuseum, Pfannen und Töpfe hängen an der ehemals weißen Wand, gegessen wird im Freien.

Vor einer Wand stehen zwei Wasserkanister a 20 Liter. Tagsüber erhitzt die Sonne das Wasser und garantiert uns eine warme Dusche am Abend. Es ist Winter, nachts fällt das Thermometer auf sechs, sieben Grad. Letzte Woche gab es Frost. Da ist warmes Wasser selbst für einen abgebrühten Camper wie mich äußerst angenehm. Zum Duschen kippe ich es in eine Schale und schöpfe es mit einer aufgeschnittenen Wasserflasche – umständlich, aber die einzige Alternative zur kalten Brause. In Urbans Zimmer steht ein kleiner Schreibtisch, direkt daneben sein von einem Moskitonetz überspanntes Bett. Das ist spartanisch und für rund neun Monate im Jahr sein zu Hause.

Urban schüttelt den Kopf. Das sei nicht spartanisch. „Wir haben Strom, Internet und eine Spültoilette. Das ist Luxus im Vergleich zu früher“, schwärmt er. Soso. Als er hier sein Hauptquartier bezog, waren Bad und Klo im Freien – ein Loch im Betonboden mit Ausblick auf die Stadt. Eine Lehmhütte ohne Bett war sein Heim. „Ich schlief auf dünnen Matratzen, nein, eigentlich auf dem Boden“, sagt er. Licht hatten sie keines und Wasser schöpften sie aus einem Fass. Heute kommt es aus der Leitung. Kaffee, Tee, Zucker, Salz und Spaghetti gab es zu kaufen, aber nicht mal Eier und kein frisches Fleisch. Jede in einer bunten Zeitschrift beschriebene Diät wirkt dagegen wie Völlerei. Still lausche ich seinen Worten, hole mir ein kaltes Bier aus dem Kühlschrank und empfinde mein Hotel auf Zeit gar nicht mehr spartanisch.


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erstellt am 26.Jan.2015 | 12:00 Uhr

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