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Der Prignitzer

28. Mai 2016 | 17:58 Uhr

Reportagen aus dem Tschad : Medizin in der Mangelwirtschaft

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Das Krankenhaus von Abéché – mit aufgebaut vom Eldenburger Urban Britzius – arbeitet mit einfachsten Mitteln und ist dennoch eines der modernsten im Tschad

Seit zehn Jahren arbeitet der Eldenburger Urban Britzius für die Hilfsorganisation Help! im Tschad. „Am Arsch der Welt“ – wie er das afrikanische Land einst selbst bezeichnet hat – betreut er rund 14  000 Flüchtlinge im Lager Am Nabak nahe der sudanesischen Grenze. In der vergangenen Woche ist er wieder nach Afrika geflogen, und ich begleite ihn, um über seine Arbeit zu berichten. Ich werde mit Flüchtlingen sprechen, den Sultan treffen, Brunnen besichtigen, die Britzius mit seinem Team im Flüchtlingslager und in Dörfern baute.

 

Es ist ein Überfall. Peter Benz kommt aus dem OP. Heute ist Freitag und wir haben uns bei dem Anästhesisten im Krankenhaus von Abéché nicht angemeldet, stehen vor ihm und bitten um ein Interview. „30 Minuten gebe ich Ihnen, dann muss ich zum Freitagsgebet“, antwortet er knapp und ich spüre, dass er es weniger aus Interesse, sondern für Urban und Help tut, deren Projekte das Krankenhaus zu einem der modernsten im Land machten. Ich muss meine Badelatschen gegen grüne tauschen, von denen mehrere Paare auf dem gefliesten Boden stehen. Wer den OP-Bereich betritt, nimmt sich wahllos welche.

An einer weißen Tafel stehen die Namen der heutigen Patienten, aufgeteilt auf die drei OP-Säle. Darunter jeweils nur ein Arzt. „Eigentlich sollten es mehr sein, aber wir haben zu wenig Personal“, sagt Benz. Es fehlen Anästhesisten und Chirurgen. 1620 OP-Patienten hatten sie im vergangenen Jahr registriert. „Manche von ihnen kamen häufiger, wurden mehrmals operiert.“ Niemand könne exakt sagen, wie viele Behandlungen es tatsächlich gab, nur dass es von Jahr zu Jahr mehr werden.

Freitag ist kein OP-Tag, aber es herrscht Hochbetrieb. Am Wochenende ist geschlossen, doch auch das nur in der Theorie. Ärzte aus Europa, Kuba, dem Kongo und anderen Staaten operieren fast pausenlos. „Wir sind komplett überlastet.“ Erst vorgestern hatte es einen Unfall mit 17 Verletzten gegeben. Der chaotische Straßenverkehr fordert täglich Opfer. Die Zahl der Stichverletzungen sei unverändert hoch, aber Schusswunden gebe es weniger.

Zwei Millionen Euro hat Help in die Klinik investiert. „Das Geld kam zum richtigen Zeitpunkt, die Projekte wurden toll durchgeführt. Wir verdanken der Organisation viel“, sagt der gebürtige Schweizer und öffnet die Tür zu einem OP-Saal. Ein Junge wird behandelt. Ich sehe kaum medizinische Geräte, nirgendwo leuchten Lämpchen. Ein einziger Kollege assistiert. Abgesehen von den Lampen über dem Tisch und dem grünen Kittel des Arztes erinnert nichts an einen OP, wie wir ihn kennen. Auf dem Flur wird ein anderer Junge in den Aufwachraum geschoben. Dieser dient zugleich als Intensivstation, doch auch hier wirkt die Technik veraltet. Der Junge ist der einzige Patient.

„Allein für diese Station bräuchten wir neun Mitarbeiter im 24-Stunden-Rhythmus, aber wir haben nicht mehr als einen Kollegen gleichzeitig“, sagt Peter Benz. Wenn der Feierabend macht, kommen die Patienten auf die normale Station.

Auf einem Tisch liegt dunkel verfärbtes OP-Besteck. Benz sieht meinen fragenden Blick. „Das ist 40 Jahre alt.“ Ich verstehe 14, aber nein, es sind 40. Dagegen wirkt der auf dem Fußboden stehende Help-Koffer aus Bundeswehrbeständen mit der Aufschrift „Knochenbohrgerät“ geradezu modern. Immerhin sei die Stromversorgung stabil. Früher kam es vor, dass Benz während einer Operation hinauslief, den Generator anwarf.

In jedem zweiten Satz spricht er von Dingen die fehlen, von Wünschen, die er hat. Ich bitte ihn, die drei wichtigsten zu nennen: „Ein Röntgengerät.“ Das koste knapp 10  000 Euro und wäre hier Gold wert. 100 Spitalbetten, Kostenpunkt 90 000 Euro. Mit den jetzigen Betten sei es nicht möglich, die Patienten richtig zu pflegen. Ein vierter OP. Vom hiesigen Gesundheitsministerium erwarte er aber keine Hilfe. Das habe bisher lediglich Papierkörbe und Stühle finanziert. Alles andere stamme von internationalen Organisationen wie Help. Wenn dieses Krankenhaus eine Seele hat, heißt sie Benz, Peter Benz. Seit 1983 arbeitet er hier, heiratete und konvertierte zum Islam. Jetzt blickt er auf seine Uhr, aber noch bleibt uns ein wenig Zeit. Bevor wir weiter zu den vier Stationen mit je 40 Betten gehen, muss ich meine Kamera einpacken. Ärzte, Kinder, Technik darf ich fotografieren, mehr nicht in dieser streng moslemisch geprägten Region. Ich würde meine Ausrüstung riskieren und nicht nur die. „Hier wäre mancher schon beinahe gemeuchelt worden“, warnt mich der 61-Jährige und sagt das nicht im Scherz.

Links und rechts eines überdachten Innenhofes befinden sich Mehrbettzimmer. Die Patienten liegen auf Metallbetten mit einfachen Matratzen. Zwei große Kanister im Hof spenden Wasser, daneben stehen Mülleimer. In der Mitte des Platzes verläuft eine Rinne, in die gebrauchtes Wasser gekippt wird. Personal schiebt einen hüfthohen Rolltisch von einem Zimmer in ein anderes. Obenauf liegt blutdurchtränktes Verbandsmaterial.

Überall stehen und sitzen Angehörige. Es ist ein Kommen und Gehen. Jede Familie kocht selbst, es gibt keine zentrale Versorgung im Haus. Auf dem Gelände hat Help eigens dafür überdachte Kochgelegenheiten errichtet. Mit Besteck und Töpfen aus Aluminium gehen Angehörige durch braune Metalltüren in die dunklen Zimmer, welche wir nicht betreten.

Wieder blickt Peter Benz auf die Uhr. Von fern höre ich, wie der Muezzin zum Gebet ruft. Der Schweizer ringt mit sich. Ich reiche ihm die Hand, bedanke mich, aber da erzählt er weiter. Seit 2009 gab es keine Gelder mehr. Alles müsste längst erneut modernisiert werden. Auf Listen hat er notiert, was benötigt wird, aber noch habe er keinen Finanzpartner gefunden. Das sei deprimierend, gibt er zu und auch für die Tatenlosigkeit der hiesigen Regierung findet er passende Worte. Aufgeben will er dennoch nicht. „Man hat mich hierher gebracht und einfach vergessen“, sagt er zum Abschied.  

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erstellt am 21.Jan.2015 | 08:00 Uhr

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