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Angler von Fangbeschränkungen betroffen : Das Fünf-Dorsche-Problem

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Erstmals sind auch Angler von Fangbeschränkungen in der Ostsee betroffen. Limit von fünf Fischen pro Tag bremst Tourismus.

Die aufgehende Sonne von achtern, tuckert der Kutter „Storkow“ nach dem Passieren der Rostocker Hafenausfahrt in Richtung Westen. In den Hotels beiderseits der Warnow-Mündung liegen die meisten Ostsee-Urlauber noch im Tiefschlaf. Für die sechs Fahrgäste an Bord des fast 70 Jahre alten Schiffes hingegen war die Nacht kurz.

Voller Erwartung stehen sie nun im Morgengrauen an der Reling, eingehüllt in wetterfeste Monturen, die Strickmützen gegen den frischen Meereswind tief in die Stirn gezogen. Es geht hinaus zum Dorschangeln. „Wenigstens einer wäre gut – für die Pfanne und natürlich für's Ego“, sagt Andreas. Der Geschäftsmann aus München macht mit der Familie im Hinterland der Ostsee Urlaub und gönnt sich nun als Hobbyangler einen Solo-Tag auf dem Meer.

In der westlichen Ostsee leben nach aktuellen Berechnungen des Rostocker Thünen-Instituts für Ostseefischerei rund 20 Millionen Dorsche. Grundlage für diese Zahl und die Bestimmung der jährlichen Fangquote ist die wissenschaftliche Aufarbeitung von Daten aus der kommerziellen und der Freizeitfischerei sowie den zahlreichen eigenen Forschungsfahrten, sagte Institutschef Christopher Zimmermann. Bei diesen Fahrten werde besonders auf die jungen Tiere geachtet. „Im Gegensatz zu den Fischern müssen wir genau die fangen, weil sie die Fangmöglichkeiten für das kommende Jahr bestimmen.“ Aus diesen Daten wird zusammen mit Zahlen anderer Ostsee-Anrainerstaaten berechnet, wie viel Fisch zu Beginn eines Jahres da sein wird und wie viel entnommen werden kann. Ziel der Quote müsse es sein, dass am Ende des Jahres der Bestand weiter in einem guten Zustand ist oder sich rasch erholen kann. Der mögliche Fehler in der Statistik liege bei bis zu 25 Prozent. Aktuell werde daran gearbeitet, Größen wie das Nahrungsangebot in die Berechnungen einfließen zu lassen, sagte Zimmermann.

<p>Angler an Bord der „Storkow“versuchen ihr Glück.</p>

Angler an Bord der „Storkow“versuchen ihr Glück.

Foto: Büttner
 

Nicht alle Angler, die nach dem Ende der Laichzeit nun von Rostock, Wismar oder Sassnitz zum Dorschfang hinausfahren, sind so bescheiden. Fünf Männer aus dem Münsterland haben die Ausfahrt mit der „MS Storkow“ ebenfalls gebucht. Ihre Ausrüstungen lassen auf reichlich Erfahrung im Hochseeangeln und ambitionierte Ziele schließen.

„Wer hierher kommt, lange Fahrstrecken in Kauf nimmt und gutes Geld für das Hotel hinblättert, der will natürlich auch was fangen“, sagt Kapitän Lothar Schlicker. Doch nicht allein seine Ortskenntnis in den Fanggründen vor Warnemünde und das sprichwörtliche Anglerglück entscheiden darüber, wie umfangreich der Fang dann am Abend ist.

Seit diesem Jahr gelten zum Schutz der arg strapazierten Dorschbestände in der westlichen Ostsee erstmals auch Beschränkungen für Angler – zusätzlich zu den Fangquoten für Berufsfischer. Maximal fünf Dorsche von mindestens 35 Zentimetern Länge darf ein Petrijünger am Tag fangen. Die Beschränkung gilt auch, wenn der Nebenmann an Bord weniger fängt.

Boote mit Dorschanglern  auf der Ostsee
Boote mit Dorschanglern auf der Ostsee Foto: Büttner
 

„Da überlegen viele, ob sich die lange Anfahrt überhaupt lohnt“, sagt Schlicker und öffnet auf seinem Bordcomputer die Datei mit den aktuellen Anmeldungen. Bis zu zwölf Angler könnte er täglich mitnehmen. Doch das Wort „ausgebucht“ findet sich in der Regel nur an den Wochenenden. Gut zwei Drittel der Angler, die vor der Küste Mecklenburg-Vorpommerns ihr Glück versuchen, reisten bislang aus anderen Bundesländern oder auch aus der Schweiz an.

Seit die Fangbeschränkungen im Herbst publik wurden, haben sich die Absagen spürbar gehäuft. Auf etwa 30 Prozent schätzt Schlicker den Buchungsrückgang. Von 50 Prozent gar spricht Kapitän Andreas Retzlaff, der seine Touren von der gleichen Anlegestelle gegenüber dem Rostocker Überseehafen startet.

Auch er sieht in den Fangbeschränkungen den Hauptgrund für den Nachfrageschwund. „Die wenigsten Angler holen bei uns am Tag wirklich fünf Fische aus der Ostsee. Aber das ist wie mit Lotto-Spielen: Wenn der Jackpot groß ist, kaufen besonders viele Menschen ein Los. Die Aussicht auf den Haupttreffer motiviert. Das ist einfach Psychologie“, sagt Retzlaff.

<p>Dorschfang</p>

Dorschfang

Foto: Büttner

Wie er zweifelt auch Schlicker die Hochrechnungen des Rostocker Thünen-Instituts für Ostseefischerei an, die der Fangbeschränkung für die westliche Ostsee zugrunde liegen. Nach Erhebungen der Forscher waren 2015 dort etwa 160 000 Angler an insgesamt etwa einer Million Tagen unterwegs. Bei durchschnittlich drei Dorschen je Fangtag und Angler berechneten die Wissenschaftler eine Gesamtfangmenge von rund 3000 Tonnen. Nach Angaben des Dorsch-Spezialisten Uwe Krumme entsprach dies der Anlandemenge der deutschen Berufsfischer vor der neuerlichen Quotenabsenkung.

Die EU-Fischereiminister hatten sich im Oktober vorigen Jahres darauf verständigt, die Fangmenge in der westlichen Ostsee zwischen Kieler Bucht und Bornholm für 2017 um 56 Prozent zu kürzen. Den deutschen Fischern werden in dem Fanggebiet nun 1194 Tonnen Dorsch zugebilligt. Gleichzeitig wurden auch den Anglern erstmals Grenzen gesetzt.

„Die Angler hatten jahrelang Glück, dass sie gewissermaßen unter dem Radar fuhren. Aber der sehr schwache Dorsch-Jahrgang 2015 hat die Politik zu drastischen Maßnahmen gezwungen“, erläutert Krumme. Der Bestand sei schon seit vielen Jahren überfischt. Nur mit deutlich verringertem Fischereidruck könne sich der Dorsch in der westlichen Ostsee auch schnell wieder erholen. Die Politik sei bestrebt, die Lasten für den Wiederaufbau des Bestandes gleichermaßen auf Berufs- und Freizeitfischerei zu verteilen. „Es geht um nachhaltige Bewirtschaftung. Schließlich wollen Fischer und Angler auch in zehn oder zwanzig Jahren Dorsch aus der Ostsee holen“, sagt Krumme.

Doch angesichts der Fangbegrenzungen, hoher Kosten für den Unterhalt der Kutter, für Versicherungen und für die regelmäßig zu erneuernden Zertifikate hegt Kapitän Schlicker zunehmend Zweifel, dass seine Zunft noch lange durchhält. Sein Geschäft habe im Vorjahr rund 8000 Euro Gewinn abgeworfen. Neben den rückläufigen Buchungen drohten nun auch noch höhere Liegekosten am stadteigenen Kai das Ergebnis weiter zu schmälern. Der Bescheid der Stadtverwaltung über eine saftige Gebührenerhöhung von fast einem Drittel sei gerade gekommen. „Man könnte den Eindruck gewinnen, dass man uns nicht mehr will“, resümiert Schlicker.

<p>Kapitän Lothar Schlicker am Steuer seines Kutters </p>

Kapitän Lothar Schlicker am Steuer seines Kutters

Foto: Büttner
 

Vor 17 Jahren hängte er seinen Beruf bei einem Wohnungsunternehmen an den Nagel, setzte den alten Kutter für viel Geld instand und trat in die Fußstapfen seines Vaters, einst Fischer auf Rügen. Dabei betone die Landespolitik doch immer, wie wichtig Angeltourismus sei.

Die 45 Anbieter von Angeltouren und die fischreichen Seen im Hinterland locken rund 300 000 angelnde Gäste im Jahr in den Nordosten. Davon profitieren auch Hotels, Gaststätten und Fachhandel. „Und die 17-Meter Kutter gehören auch zum maritimen Bild der Hafenstädte. Wären sie weg, dann gäbe es vielleicht noch drei fest vertäute Fischbrötchen-Kutter“, meint Bernd Fischer, Geschäftsführer des Landestourismusverbandes.

Mecklenburg-Vorpommern hatte 2005 den Touristen-Fischereischein eingeführt, der ohne Prüfung vergeben wird. Bis zu 10 000 Menschen pro Jahr erwerben laut Fischer diese Erlaubnis, viele, um zum Dorschangeln auf die Ostsee zu fahren.

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erstellt am 20.Apr.2017 | 05:00 Uhr

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