Raufboldqualitäten : Promi-Geburtstag vom 12. September: Sigmar Gabriel

Sigmar Gabriel wird 60.
Sigmar Gabriel wird 60.

Den einen gilt er als eines der größten politischen Talente der SPD, den anderen als sprunghaft und unberechenbar. Jetzt wird Sigmar Gabriel 60. Er hat bereits seinen Rückzug aus der Politik eingeleitet.

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12. September 2019, 00:01 Uhr

Es ist erst ein paar Tage her, da listete Sigmar Gabriel eine ganze Reihe von Charakterisierungen für einen Politiker auf: «Querulant des Nordens, Quartalsirrer, Enfant terrible, Paradiesvogel, Knallfrosch, Selbstdarsteller, Egomane, Zyniker, Abzocker, Windei, Schuft.» Nein, Gabriel sprach nicht über sich selbst.

Die Bezeichnungen galten FDP-Vize Wolfgang Kubicki, dessen neues Buch der frühere SPD-Chef und Außenminister vorstellte. Doch er ließ durchblicken, dass ihm diese für seine eigene Person keineswegs fremd sind. Er könnte noch ein paar mehr solcher Beschreibungen über sich selbst hinzufügen, ergänzte er.

Politischer Raufbold wäre auch ganz passend, denn als solcher hat sich Gabriel in seiner politischen Laufbahn immer wieder erwiesen - gegenüber Gegnern, aber immer wieder auch den eigenen Leuten gegenüber. An diesem Donnerstag (12. September) wird er 60.

In die Politik findet Gabriel 1976 schon als Schüler über die sozialistische Jugendorganisation «Die Falken» und später als Student (Germanistik, Politik, Soziologie für das Lehramt in Gymnasien) im Kreistag und Stadtrat seiner Heimatstadt Goslar, wo er bis heute wohnt. 1990 zieht er erstmals in den niedersächsischen Landtag in Hannover ein. Als Gerhard Glogowski, der Gerhard Schröder als Ministerpräsident beerbt hat, über eine Affäre stolpert, wird Gabriel 1999 Regierungschef.

Seine Raufboldqualitäten zeigt er auch in diesem Amt. So prescht er im August 2000 mit einer Schulreform in die Öffentlichkeit, von der seine Kultusministerin Renate Jürgens-Pieper beim Friseur überrascht wird, als eine Journalistin sie anruft und wissen will, was sie davon hält. Als im Landtagswahlkampf 2003 die Umfragewerte immer schlechter werden, versucht Gabriel, mit der Forderung nach einer Vermögensteuer («1 Prozent Vermögensteuer für 100 Prozent Bildung») Wahlkampf gegen SPD-Kanzler Schröder zu machen. Er scheitert kläglich. Die bis dahin allein regierende SPD verliert 14,5 Prozentpunkte und stürzt in die Opposition ab.

«Der Ball ist rund. Und Rückspiel ist in fünf Jahren», sagt Gabriel in der Wahlnacht. Doch dazu kommt es nicht. Er wechselt die Liga, geht nach Berlin, wird Umweltminister (2005-2009), SPD-Vorsitzender (2009-2017) und Wirtschaftsminister (2013-2017). Für seinen Freund Martin Schulz verzichtet er Anfang 2017 auf Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur und übernimmt das Außenministerium.

Dies ist das Amt, das ihm von allen vielleicht am meisten Spaß macht. Keine 14 Monate ist er Chefdiplomat, 5 Monate davon sogar nur kommissarisch. Und trotzdem erzeugt er mehr Wirbel als mancher seiner Vorgänger in einer ganzen Wahlperiode.

Gabriel entwickelt seinen ganz eigenen Stil: eine vollkommen undiplomatische Außenpolitik oder auch sehr politische Diplomatie - je nachdem, von welchem Standpunkt aus man es betrachtet. Für kleinteilige, langwierige Verhandlungen etwa über die Ukraine-Krise fehlt ihm die Geduld. Dagegen liebt er die klare Ansage auf offener Bühne ohne Rücksicht auf Verluste. Damit löste er auch schon mal einen diplomatischen Eklat aus. So wirft Gabriel Saudi-Arabien im November 2017 «Abenteurertum» vor - die Regionalmacht im Nahen Osten beruft daraufhin ihren Botschafter in Berlin ab.

Nach der Bundestagswahl 2017 macht Gabriel sich bis zuletzt Hoffnungen, das Amt behalten zu können. Als Parteichef Schulz - die Freundschaft ist da längst zerbrochen - es haben will, zeigt er sie wieder, seine Raufboldqualitäten. In einem Interview erzählt er, seine Tochter Marie habe ihn mit dem Satz getröstet: «Papa, jetzt hast du doch mehr Zeit mit uns. Das ist doch besser als mit dem Mann mit den Haaren im Gesicht.» Später entschuldigt sich Gabriel dafür.

Über seinen Nachfolger Heiko Maas sagt er noch vor der Amtsübergabe gönnerhaft: «Er wird das exzellent machen.» Heute äußert er sich öffentlich nicht mehr zur Arbeit seines Parteikollegen, dafür aber weiter ungebremst zur Außenpolitik.

Einmal kann er sich fast wieder im alten Job fühlen. Bei einem als «Privatreise» deklarierten Besuch in Nordkorea im vergangenen März wird er hochrangig von der dortigen Führung empfangen - wenn auch nicht von Machthaber Kim Jong Un persönlich. «Nachdem Donald Trump sich zweimal mit dem Diktator dort getroffen hat, finde ich, kann man mal gucken», begründet er den ungewöhnlichen Ausflug.

Mit dem Vorsitz der Atlantik-Brücke hat der Mann aus Goslar jetzt wieder einen außenpolitischen Posten inne – auch wenn er sich bisher nicht als glühender Transatlantiker hervorgetan hat.

Für den Bundestag will Gabriel nicht wieder kandidieren, das hat er schon angekündigt. Hören dürfte man trotzdem weiter von ihm. Dass er bei der Vorstellung des Kubicki-Buches dessen «unbändigen Willen, sich von niemandem was vorschreiben zu lassen», so rühmte, war fast schon eine Ansage.

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