Zoobesuch statt Kanzleramt : Promi-Geburtstag vom 15. Februar 2020: Berthold Huber

Ex-IG-Metall-Chef Berthold Huber wird 70. /dpa
Ex-IG-Metall-Chef Berthold Huber wird 70. /dpa

Sechs Jahre lang war Berthold Huber Chef der IG Metall, der mächtigsten Gewerkschaft Deutschlands. In der Krise nach der Lehman-Pleite wurde der schmale Schwabe zu einem entscheidenden Akteur.

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15. Februar 2020, 00:01 Uhr

Für seinen 70. Geburtstag hat Berthold Huber einen Besuch des Frankfurter Zoos mit seiner Enkelin geplant. Abends werde er noch mit seiner Familie essen gehen, sagt der frühere IG-Metall-Chef, zu dessen Ehren noch vor zehn Jahren Angela Merkel (CDU) zum Dinner ins Kanzleramt geladen hatte.

2010 war Huber auf dem Höhepunkt seines Einflusses, nachdem er sich in der Weltwirtschaftskrise 2008/2009 zum Chefpragmatiker der deutschen Wirtschaft entwickelt hatte.

Abwrackprämie, verlängerte Kurzarbeit, Bürgschaften für klamme Unternehmen sowie ein moderater Tarifabschluss, den Huber undogmatisch mit seinem langjährigen Verhandlungspartner Martin Kannegiesser vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall aushandelte: Die IG Metall hat in der Krise nach der Lehman-Pleite großen politischen Einfluss gewonnen.

Ergebnis des korporativen Krisenmanagements war das «German Jobwunder»: Die Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie konnten ihre Fachkräfte halten und unerwartet schnell wieder aus der Talsohle herausfinden. «Ohne Frau Merkel wäre das nicht gegangen. Und ohne den damaligen Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) auch nicht», sagt Huber heute.

Gute sechs Jahre nach seinem Abschied von der Gewerkschaftsspitze (2007-2013) verfolgt der Sozialdemokrat das Geschick der deutschen Industrie und ihrer Arbeiterschaft noch sehr genau, wenngleich er die schwierigen Aufsichtsratsmandate bei den Flaggschiffen VW und Siemens längst aufgegeben hat. «Die heutige Situation ist mit 2008/2009 gar nicht vergleichbar», sagt Huber. «Wir stehen vor einer großen Transformationsaufgabe, stecken aber nicht in einer allgemeinen Wirtschafts- und Finanzkrise.»

Wie sein Nach-Nachfolger Jörg Hofmann zeigt er sich tief besorgt über fehlende Konzepte vor allem kleinerer Zulieferer für die Digitalisierung und die Zeit nach dem Verbrennungsmotor. Den allzu schnellen Konzepten von Werkschließungen und Produktverlagerungen müsse die Gewerkschaft die eigene Stärke und bessere Lösungen entgegensetzen, um möglichst viel Beschäftigung zu halten. «Man muss sich einmischen. Wir brauchen den fairen Wandel», erklärt Huber. Mit den Arbeitgebern will die Gewerkschaft aktuell über gemeinsame Tarifstrategien verhandeln. Das findet Huber gut, greift aber auch im Hintergrund nicht ein.

Huber will möglichst viel Zeit mit der Familie verbringen, bei der er nach eigener Einschätzung noch ein gewaltiges Zeit- und Zuwendungsdefizit abzubauen hat. «Ich war ja eher ein Schatten, nie anwesend.» Huber lebt mit seiner Ehefrau in Oberursel bei Frankfurt, hat in den vergangenen Jahren auch die meisten Ehrenämter abgegeben. Neben den beiden 16 und 20 Jahre alten Kindern aus dieser Beziehung hat Huber noch eine ältere Tochter, die vor eineinhalb Jahren die erste Enkelin in die Familie geboren hat. Seine Freizeit verbringt Huber mit «Musik aller Richtungen», Literatur und gutem Journalismus. «Ich bin ein ewiger Leser», sagt er über sich selbst.

Co-Management statt Klassenkampf - dieses Motto hat das Gewerkschafterleben des Schwaben geprägt. Angefangen hatte Huber als sozialistischer Weltverbesserer - geprägt von 68er-Zeitgeist und Lehrlingsbewegung wurde er als Betriebsrat im Kässbohrer-Werk Ulm aber auch sehr schnell mit konkreten betrieblichen Problemen konfrontiert. Nach 14 Jahren im Betrieb änderte der Werkzeugmacher mit Abitur sein Leben noch einmal radikal und begann ein Studium der Philosophie und Geschichte an der Goethe-Universität Frankfurt.

Noch heute zitiert Huber gerne Karl Marx, um in der praktischen Gewerkschaftsarbeit aber dann doch lieber pragmatische Meilensteine wie das «Pforzheimer Abkommen» zu setzen, das seit 2004 die Flächentarifverträge flexibler macht, wenn ein Unternehmen in Schwierigkeiten geraten ist. Wirtschaftspolitisch stehen Huber und sein Nachfolger Detlef Wetzel für die Weiterentwicklung des rheinischen Kapitalismusmodells, wie der Gewerkschaftsforscher Wolfgang Schroeder analysiert hat. Gemeinsam bauten Huber und Wetzel die Gewerkschaft kräftig um und sicherten ihr weiteres Mitgliederwachstum.

Einen tiefen Einschnitt hat der von der Universität zurückgekehrte Gewerkschaftsfunktionär erlebt, als er aus dem Westen entsandt wurde, um die IG Metall im Gebiet der früheren DDR mit aufzubauen. «Der real existierende Sozialismus hatte Verwüstungen im Wirtschaftssystem und bei den Menschen hinterlassen.» Er habe damals beschlossen, sich aktiv an der Suche nach besseren Lösungen zu beteiligen. «Ich bin dort vom theoretischen Sozialisten zu einem realen Reformer und überzeugten Verfechter der Mitbestimmung geworden.»

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