Immer mehr Infizierte und Tote : Altenheime als tickende Zeitbomben in Corona-Krise

Das Coronavirus gefährdet insbesondere auch alte Menschen in Pflegeeinrichtungen.
Das Coronavirus gefährdet insbesondere auch alte Menschen in Pflegeeinrichtungen.

In immer mehr Altenheimen in Deutschland gibt es Corona-Infektionen und Tote. Verbände warnen vor einem Flächenbrand.

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29. März 2020, 17:57 Uhr

Berlin/Wolfsburg | Nach dem Tod von 15 Menschen mit Coronavirus-Infektion in einem Alters- und Pflegeheim in Wolfsburg wird dort händeringend gegen eine weitere Zuspitzung der Lage gekämpft. In dem Haus, in dem überwiegend Demenzkranke leben, sollen Infizierte strikt von negativ getesteten Bewohnern getrennt werden. Am Sonntag wurde der Tod von drei weiteren Bewohnern im Alter von 80, 86 und 88 Jahren gemeldet. Die Lage hatte sich am Freitag zugespitzt, als die Stadt acht Todesfälle meldete. Von etwa 165 Bewohnern des Hanns-Lilje-Heims waren am Samstag laut Gesundheitsamt 72 infiziert.

Bewohner und Pfleger betroffen

Experten warnen vor einem Flächenbrand. Die rasante Ausbreitung des Corona-Virus bringt immer mehr Menschen in deutschen Pflege- und Altenheimen in Lebensgefahr. Neben den Toten in Wolfsburg gibt es 12 Tote in einem Würzburger Pflegeheim oder mehr als 20 Infizierte in einer Seniorenresidenz im ostthüringischen Triptis. Auch in anderen Einrichtungen steigt die Zahl der Ansteckungen – bei Bewohnern und Pflegekräften. Auch die Hiobsbotschaften über zahlreiche Tote in italienischen und spanischen Heimen bestätigen die bedrohliche Situation.

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Die Heime als Zeitbomben

Seit Wochen warnen Patientenschützer und Pflegeverbände, dass die Politik sich zwar intensiv um Krankenhäuser und Medizin kümmere, die besonders gefährdeten alten und pflegebedürftigen Menschen in Heimen und häuslicher Pflege und ihre 600.000 Pflegekräfte aber allein lasse. Allein in den 11.700 vollstationären Pflegeheimen werden über 800.000 Pflegebedürftige betreut.

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"Dort, wo potenzielle Krankenhausfälle verhindert werden können – in der ambulanten und stationären Langzeitpflege – lässt man die Pflegenden allein und ohne ausreichende Schutzausstattung", kritisierte etwa der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) in der vergangenen Woche. "Der Schwerpunkt des Nachschubs für Schutzausrüstung lag offenbar bisher bei den Krankenhäusern und Arztpraxen." Ein Teil der Schwierigkeiten, die jetzt aller Voraussicht nach auf das Gesundheitswesen zukämen, sei hausgemacht und von den Entscheidungsträgern zu verantworten.

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Bedrückende Lage

"Die Nachrichten von infizierten Pflegebedürftigen und Pflegekräften sowie von Verstorbenen sind bedrückend", sagte auch der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, am Sonntag der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Es fehle an Atemschutzmasken, Desinfektionsmittel und Schutzkleidung. "Doch nichts geschieht, um diese Misere schnell zu beseitigen." Insofern seien Pflegeheime derzeit "ein hochgefährlicher Ort" für Mitarbeiter und Bewohner.


Brysch forderte von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), zusammen mit dem Robert-Koch-Institut Schutzpläne für Alten- und Pflegeheime zu verabschieden. Wenn es in der Pflege zu einem Flächenbrand komme, könne auch die Intensivmedizin die vielen betroffenen Menschen nicht mehr retten.

Wichtig sind aus Sicht der Patientenschützer auch vermehrte Tests. Beim Auftreten von grippeähnlichen Symptomen eines Bewohners oder einer Pflegekraft müssten sofort alle im Heim getestet werden. Wird das Corona-Virus nachgewiesen, müsse das Gesundheitsamt mit der Heimaufsicht das medizinische Management übernehmen. Notwendig sei eine Taskforce aus Krankenhausärzten und niedergelassenen Medizinern vor Ort. "Es kann nicht sein, dass in einer solchen Situation jeder Pflegebedürftige von seinem eigenen Hausarzt betreut wird. Da ist Chaos programmiert", erklärte Brysch.

Isolationsräume Mangelware

Dass die Politik den Pflegesektor zumindest im Blick hat, zeigt das vergangene Woche von Bundestag und Bundesrat verabschiedete Corona-Hilfspaket. Danach soll die Pflegeversicherung etwa den zusätzlichen Aufwand der Pflegeheime durch die Isolierung von Menschen, das Einrichten von Schleusen und für mehr Desinfektionen zu 100 Prozent übernehmen. Dies gilt etwa auch für zusätzliche Personalkosten, wenn bei einem Pflegedienst mehrere Mitarbeiter an Corona erkranken und der Normalbetrieb nicht aufrechtzuerhalten ist.

Fraglich bleibt aber, ob etwa Pflegeheime überhaupt über Räume verfügen, um Erkrankte zu isolieren, ob sie Schutzkleidung erhalten und ob sie Arbeitskräfte finden, die erkranktes Personal ersetzen können. Die Märkte sind leergefegt.

Die Bundespflegekammer forderte deshalb, dass auch freiberufliche Pflegekräfte auf Honorarbasis in Heimen und Pflegediensten eingesetzt werden können. Es gebe im Moment viele Selbstständige, die Seminare geben und denen die Aufträge wegbrechen, hieß es. Auch Pflegende, die in einem anderen Beruf arbeiten und die gerade in Kurzarbeit geschickt wurden, würden dringend im Gesundheitswesen gebraucht.

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