Zwangsverpflichtet zum Brandschutz : Wenn Bürger unfreiwilllig Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr werden

Den Freiwilligen Feuerwehren in Norddeutschland gingen die Einsatzkräfte aus.
Den Freiwilligen Feuerwehren in Norddeutschland gingen die Einsatzkräfte aus.

Einige Gemeinden müssen ihre Bürger zum Dienst in der Feuerwehr verpflichten. In Grömitz liegt das am Mitgliedermangel.

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19. November 2019, 06:45 Uhr

Grömitz | Etwas verloren steht Thomas Marter in seiner Feuerwehrmontur auf dem Hof der Grundschule Grömitz. Um ihn herum üben Frauen und Männer der Freiwilligen Feuerwehr den Umgang mit Dreh- und Steckleitern. Im Gegensatz zu ihnen ist Marter nicht freiwillig hier. Er gehört zu den acht Männern, die die Gemeinde Anfang August zum Feuerwehrdienst verpflichtet hat, weil das Personalsoll durch Freiwillige nicht mehr gedeckt werden konnte. "Ich bin kein Feuerwehrmann, das ist definitiv nicht mein Ding", sagt Marter.

Brandschutz gewährleisten

"Auch ich bin nicht glücklich mit der Pflichtfeuerwehr", sagt Grömitz' Bürgermeister Mark Burmeister. "Aber wir als Gemeinde sind verpflichtet, den Brandschutz zu gewährleisten, und wenn es nicht genug Freiwillige gibt, müssen wir eben Bürger verpflichten." Insgesamt 16 Verpflichtungsbescheide hat die Gemeinde seit dem Sommer verschickt, acht Pflichtfeuerwehrleute haben inzwischen ihren Dienst angetreten.

Grömitz ist die vierte Gemeinde in Schleswig-Holstein, die Bürger zum Dienst in der Feuerwehr verpflichtet. Die erste war die Gemeinde List auf Sylt. "Wir waren 2005 bundesweit die erste Wehr nach 1945, die von einer Freiwilligen Feuerwehr zu einer Pflichtfeuerwehr umgewandelt wurde", sagt Wehrführer Matthias Stahl.

Pflichtwehren vor allem im Norden

Die gesetzliche Möglichkeit dazu haben die Gemeinden in allen Bundesländern. Am meisten Gebrauch wurde davon nach Angaben des Deutschen Feuerwehrverbandes bislang in Schleswig-Holstein gemacht. "Nach unserer Kenntnis gibt es noch vereinzelte Pflichtwehren in Mecklenburg-Vorpommern, in einigen Gemeinden in Niedersachsen und in Hessen gab oder gibt es entsprechende Überlegungen", sagt Silvia Darmstädter, Pressesprecherin des Verbandes.

Thomas Marter, Ingenieur und 'unfreiwilliges' Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Grömitz. Foto: dpa/Georg Wendt
picture alliance/dpa
Thomas Marter, Ingenieur und "unfreiwilliges" Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Grömitz. Foto: dpa/Georg Wendt


Pflichtfeuerwehrmann Marter ist nicht generell gegen Freiwillige Feuerwehren, deren Notwendigkeit leuchtet ihm durchaus ein. "Ich finde es toll, dass es sie gibt, aber für mich ist das eben nichts", sagt er. Für seinen Gemeindewehrführer Björn Sachau ist diese Haltung nicht verwunderlich. "Wenn die Leute Feuerwehr toll fänden, wären sie ja schon freiwillig eingetreten", sagt er. Aber das Problem der fehlenden Einsatzkräfte sei nun mal da und müsse gelöst werden.

Wer verpflichtet wird, muss das volle Programm durchlaufen – Truppmannausbildung, Übungen, Weiterbildung, Einsatzbereitschaft. Auch die Arbeitgeber können das nicht verhindern: Wenn ein Einsatz ansteht, dürfen Feuerwehrleute sofort den Arbeitsplatz verlassen. Bundesweit gibt es in Deutschland 23.000 Freiwillige Feuerwehren, mit knapp einer Million Mitglieder Tendenz sinkend. Laut Feuerwehrverband sind es jedes Jahr rund 1300 Mitglieder weniger.

Pendler sind ein Problem

Als Hauptursache dieses Problems sieht der Landesfeuerwehrverband Schleswig-Holstein neben dem demografischen und gesellschaftlichen Wandel vor allem auf dem Land die hohe Zahl der Berufspendler. "Die sind tagsüber für Einsätze nicht verfügbar, deshalb werden inzwischen immer gleich mehrere Wehren alarmiert in der Hoffnung, dass genug Kameraden zum Einsatz kommen", sagt Verbandsgeschäftsführer Volker Arp.

Andere Pflichtwehren hatten allerdings weniger das Problem eines Mitgliedermangels – in der Dithmarscher Gemeinde Burg zersprengte ein Generationenkonflikt die Freiwillige Feuerwehr. Und auch Friedrichstadt musste wegen eines internen Streits neue Mitglieder verpflichten. In SH gibt es seit Jahren wieder steigende Mitgliederzahlen, betont Holger Bauer, Sprecher des Landesfeuerwehrverbands. Von den vier Pflichtfeuerwehren in SH habe derzeit nur Grömitz ein Problem mit fehlenden Mitgliedern und inzwischen wieder Zuwachs.

Mit Löscheinsätzen könnten sich die meisten Zwangsrekrutierten abfinden. Doch der Feuerwehrdienst umfasst weit mehr. Zu den etwa 130 Einsätzen im Jahr kommen für die Grömitzer Feuerwehrkameraden jeweils zwei Übungsabende im Monat sowie weitere Übungen und Lehrgänge am Wochenende. "Man muss eine Menge Freizeit opfern", sagt Marter kritisch. Wenn es nicht genug Freiwillige gebe, müsse die Gemeinde eben Feuerwehrleute einstellen, schlägt er vor.

Ein Mann, der bereits vor zehn Jahren unfreiwillig zur Feuerwehr kam, ist Jacob Revenstorf. "Ich hab' das nur gemacht, weil ich nicht zur Bundeswehr wollte", sagt er. Doch dann habe er bei der Feuerwehr einen Aufgabenbereich gefunden, der ihm Freude mache, sagt er. "Heute bin ich Ortswehrführer von Grömitz und habe meinen Eintritt in die Feuerwehr noch keinen Tag bereut."

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