Tote-Hosen-Frontmann im Interview : Campino steht dazu: Er trägt Ganzkörpersocken

Campino bekennt sich zur Ganzkörper-Socke. Foto: imago/APress
Campino bekennt sich zur Ganzkörper-Socke. Foto: imago/APress

Campino im Interview: Der Tote-Hosen-Frontmann verrät Geheimnisse, die selbst der aktuelle Tour-Film nicht zeigt.

prignitzer.de von
23. März 2019, 00:01 Uhr

Berlin | Erst die Toten Hosen – dann alles andere. Die Band ist für Campino das Lebensprojekt. Ihren Alltag schildert Cordula Kablitz-Post in ihrer Dokumentation „Weil du nur einmal lebst“ (ab 28. März im Kino). Vor dem Start sprechen die Regisseurin und ihr Star über die irdischen Bedürfnisse einer Konzertcrew und die letzte Station aller Touren – das Düsseldorfer Gemeinschaftsgrab der Band.


Campino, die Rolling Stones haben die Berlinale vor elf Jahren nur unter der Bedingung besucht, dass in einem Zwei-Kilometer-Radius vom Hotel kein Baulärm zu hören ist – weshalb die Stadtschloss-Baustelle pausieren musste. Sie hatten gerade einen Hörsturz …

Campino: Baulärm ist für mich aber kein Thema, das höre ich eh nicht. Aber von den Stones kann man sich definitiv noch was abgucken, die Ansprüche sind sensationell. Veranstalter zeigen uns manchmal Catering-Listen anderer Künstler, damit wir was zu lachen haben. Manche lassen sich ihre Räume rosa streichen und schreiben vor, welche Blumen in die Vase kommen.

Irgendein Bonbon müssen die Hosen sich doch auch gönnen.

Campino: Früher haben wir idiotische Mengen Alkohol bestellt – mehr, als jeder normale Mensch trinken kann – und schön dafür gesorgt, dass abends alles weg war, damit die Leute so richtig beeindruckt waren. Auf Blumen legen wir keinen besonderen Wert, aber natürlich gibt es ein paar Dinge, die uns wichtig sind: Wenn Fortuna übertragen wird, wäre ein Fernseher schön.

Cordula Kablitz-Post: Eine Tischtennis-Platte braucht ihr auch.

Campino: Stimmt. Und eine gute Tournee-Küche; das hat aber mehr damit zu tun, dass wir 150 Leute verköstigen. Die Kantine ist der Dorfmittelpunkt. Wenn Leute, die körperlich schwer arbeiten, mit dem Essen unzufrieden sind, hast du ein großes Problem. Du kannst denen einmal eine Pizza vorsetzen. Bei der zweiten gibt es direkt einen Aufstand. Wir haben früh begriffen, dass gutes Essen für die Crew sehr wichtig ist. Die Möglichkeit der Auswahl zwischen drei Gerichten garantiert eine ruhige Tour, auch wenn wir selbst dann doch wieder nur Nudeln oder Kartoffeln essen.

Kablitz-Post: Das ist bei Filmteams genauso. Wir durften bei den Hosen mitessen – und waren extrem glücklich.

Sie selbst, Campino, scheinen manchmal ungenießbar zu sein. In der Doku sieht man Sie motzen und den Kameramann mit Shirts bewerfen – ich war unsicher, ob das nur Spaß ist.

Campino: Cordula, soll ich mal rausgehen, damit du antworten kannst?

Kablitz-Post: Bleib ruhig. Wir durften alles filmen, was auf der Tour passiert. Man weiß ja, dass diese Band viel Medienerfahrung hat. Daher war mir klar, dass wir unglaublich viel drehen müssen, bis sie die Kamera mehr oder weniger vergessen. Natürlich gab es dann auch Momente, an denen die Band genervt war und maulte, weil wir doch alles schon gedreht haben. Aber dann gab es Campinos Hörsturz, das Konzert in Chemnitz – lauter Ereignisse, die unplanbar waren und auch in den Film gehörten.

Campino auf der Bühne. Foto: Verleih
Verleih
Campino auf der Bühne. Foto: Verleih


Wer hat am meisten gebettelt, diese oder jene Szene im Endschnitt lieber rauszulassen?

Kablitz-Post: So was gab’s nicht. Das Vertrauen war groß.

Campino: Bei meinem Hörsturz wollte Cordula mit ins Krankenhaus; aber ich wollte mich nicht bei der Verkündung meiner Hörtest-Ergebnisse filmen lassen. Das war für mich existenziell. Da hört der Spaß auf. Eine der Grundregeln war, dass unsere Familien nicht auftauchen sollten. Sie wollen nicht in die Öffentlichkeit, die Frauen bzw. Freundinnen genauso wenig wie die Kinder. Mein Junge ist 14; wenn er in der Dokumentation zu sehen wäre, wäre es unheimlich schwer, spätere Paparazzi-Fotos verbieten zu lassen. Dann hieße es: Sie stellen ihn ja selbst zur Schau.

Eine Szene, die Punk-Puristen vielleicht rausgeschnitten hätten: Vor einem Konzert führt ein Assistent Ihnen verschiedene Hemden vor und empfiehlt das schwarze, das keine Schweißflecken zeigt.

Campino: Das war unser Physio Flo, der nebenbei auf Tour noch hundert andere Dinge macht. Wenn gute Laune herrscht, darf er mich gerne auf die Schippe nehmen. In stressigen Momenten hätte er niemals so einen Witz gemacht. Die Hemden-Kiste gibt es wirklich, auch wenn ich am Ende dann doch immer dasselbe nehme. Wobei – auf dieser Tour eben nicht: Die verschwitzten Sachen kommen natürlich jeden Tag in die Wäscherei, und diesmal haben die Deppen das Kunststück vollbracht, dass ihnen dreimal die verflixten Hemden eingegangen sind. Das sieht man auch in dieser Szene: Am Tag davor haben sie noch gepasst.

Über den Physiotherapeuten lese ich, dass er Ihnen Hightech-Stützstrümpfe für eine bessere Durchblutung andrehen wollte. Gehören die inzwischen zu Punk-Standard-Kluft?

Campino: Ich gebe es zu: Es gibt so eine Art Gummi-Anzug, in den ich mich vor Interkontinentalflügen zwänge. Viele Sportler benutzen so was ebenfalls, weil es den Kreislauf anregt und man nach einem Zwölf-Stunden-Flug fitter ankommt. Das ist wie eine Thrombose-Socke für den ganzen Körper. Nicht gerade sexy, aber effektiv.

Frau Kablitz-Post, warum sehe ich das nicht im Film?

Kablitz-Post: Ich wusste das nicht; wir haben aber eine Szene vom Bandagieren von Campinos Füßen im Film.

Campino: Aber das ist was ganz anderes. Wir würden die Anzüge nie irgendjemandem zeigen, weil wir darin wie eine Gymnastik-Gruppe aussehen. Weißt du, wo ich das anziehe? Direkt vor dem Abflug auf der Toilette.

Campino backstage: Szene aus dem Tote-Hosen-Film 'Weil du nur einmal lebst'. Foto: Verleih
Verleih
Campino backstage: Szene aus dem Tote-Hosen-Film "Weil du nur einmal lebst". Foto: Verleih


Es gibt andere Momente, in denen der Film mit dem Punk-Image spielt. Einmal moderieren Sie, Campino, den Song „Bonnie und Clyde“ mit einem Sparkassen-Überfall an …

Campino: … den es an dem Tag in der Stadt wirklich gab …

Und Sie sagen: Wir waren’s nicht. Wir haben ein Alibi. Könnten Sie stattdessen auch sagen: Wir überfallen keine Bank, wir sind schon reich?

Campino: Mir würde der Spruch nicht einfallen, aber nicht aus Angst vor dem Publikum. Da sind wir völlig schmerzfrei. Natürlich vertut man sich mal und lobt in der falschen Stadt den falschen Fußball-Verein. Aber von so was lebt ein Konzert.

Ist es kein Tabu mehr, als Punk Millionär zu sein?

Campino: Ich muss immer heulen, wenn ich am Kiosk die Zeitschrift „Business Punk“ sehe. So weit ist es also schon. Die Diskussionen über Kommerz und Verrat sind allerdings deutlich älter als die Toten Hosen. Und wir als Band haben seinerzeit selbst Jürgen Engler wegen Verletzung der Punk-Regeln kritisiert, als es ihn Richtung Neue Deutsche Welle zog. Zum Glück sind diese ewigen Grundsatzdiskussionen seit langer Zeit vorbei. Wir waren wie eine Sekte und haben streng nach den Gesetzen der Punkszene gelebt, bis man irgendwann von dem Dogma runtergekommen ist und alles für sich aufgearbeitet hat. Durch unsere Abkapselung hatte ich jahrelang unglaublich viel gute Musik verpasst: Johnny Cash, die Beatles, auch die Rolling Stones. Die Größe der Doors, Led Zeppelin – das habe ich alles eigentlich zu spät, aber dann doch sehr intensiv entdeckt.

Es bleibt merkwürdig, dass eine so anarchische Jugendkultur so dogmatisch war.

Campino: Wir waren innerhalb unserer Grenzen auch Spießer, Punk-Spießer, die sich selbst alles Mögliche verboten haben. Als Punk im Tennis-Club? Unmöglich! Tennis habe ich erst vor Kurzem zum ersten Mal in meinem Leben gespielt. Und es ist großartig! Ich sollte noch mal ganz neu in die Debatte einsteigen.

Wikipedia schreibt, dass Sie auf Pyro-Technik verzichten, um die Tickets bezahlbar zu halten. Stimmt das? Bestimmt die Preispolitik das Konzept?

Campino: Wir achten auf Eintrittspreise, das schon. Wir finanzieren unsere Touren auch nicht durch Werbung. Bei uns gibt’s keine Embleme von Getränkeherstellern auf den Tickets, und trotzdem sollen die Preise im unteren Segment unserer Spielklasse bleiben. Wir gucken, was zum Beispiel Grönemeyer, Die Ärzte, Rammstein oder Linkin Park verlangen; und da wollen wir dann die Unterkante sein, auch beim Merchandise: Man kann die eigene Gewinnspanne letztendlich selbst festlegen. Wir wollen eine für alle erschwingliche Band bleiben. Dafür spielen wir sehr viel häufiger hier, nicht wie so eine amerikanische Superband, die alle zehn Jahre tourt und dann jeden Euro mitnimmt. Viele unserer Fans waren schon auf zehn, zwanzig Hosen-Konzerten.

Kablitz-Post: Oder auf sechzig, siebzig.

Konzert gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus: Campino in Chemnitz. Foto: imago/epd/Wolfgang Schmidt
imago/epd/Wolfgang Schmidt
Konzert gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus: Campino in Chemnitz. Foto: imago/epd/Wolfgang Schmidt


In einer Filmszene treffen Sie Norbert Hähnel, der früher als „wahrer Heino“ mit Ihnen aufgetreten ist – und vom echten Heino dafür verklagt wurde. Heute macht Heino selbst Cover-Alben mit Ärzte- und Rammstein-Songs. Ist das altersweise oder schäbig?

Campino: Ich würde sagen, sein Management hat gewechselt oder die haben die Taktik geändert. Vielleicht denke ich kleingeistig, aber da bin ich Elefant. Ich weiß noch, wie sie sich damals verhalten haben. Es hagelte nicht nur mehrere Klagen; die EMI hat uns auch entlassen, weil Heinos Management gefordert hat: die oder wir. Man war ja leider bei derselben Plattenfirma. Er war damals wenig humorvoll. Seit ein paar Jahren schickt er immer neue Friedensbotschaften und will unsere Lieder auf seinen Platten singen. Es hat sich gedreht: Früher brauchten wir ihn, um in die Nachrichten zu kommen, jetzt braucht er uns (lacht).

Heino hat es mittlerweile in die DSDS-Jury geschafft …

Campino: … guter Mann. Da ist er genau der Richtige.

Sie müssen auch gefragt worden sein.

Campino: Für ziemlich jede Show, die du im Fernsehen siehst, bin ich irgendwann einmal angefragt worden. Alles, wo eine Jury sitzt. Für mich ist das nichts; ich maße mir nicht an, über andere Musiker zu urteilen – gerade mit meinem Werdegang. Wir waren in unserer Anfangszeit weit weg von zu Hause und weit weg von Talent. Wir wären in jedem Nachwuchswettbewerb durchgefallen und sind trotzdem was geworden. Ich bewerte keine Kollegen, und jeder der unter der Dusche singt, ist für mich ein Kollege. Was mir gefällt, feiere ich ab. Als Fan. Ansonsten halte ich mich raus.

Im Film denken Sie über Ihre Gesundheit nach und fragen sich: „Möchte ich lieber noch 20 geile Konzerte oder noch 20 Jahre mit meinen Mitmenschen reden?“ Zuerst denkt man: Klar, rhetorische Frage. Aber dann sagen Sie: „Das ist für mich nicht leicht zu beantworten.

Campino: Und im Film fehlt eigentlich noch ein Nachsatz, der im Trailer zu hören ist: „Ich find 20 Konzerte auch gut.“ Was mich beruhigt: Ich muss diese Entscheidung gar nicht treffen, das macht schon das Leben für mich. Mittlerweile ist mir klar, dass – egal, was noch kommt – das Projekt Tote Hosen das Wichtigste in meinem Leben ist, alles andere ordnet sich dem unter.

Und das bis in den Tod: Gibt es wirklich ein Gemeinschaftsgrab für die Band?

Campino: Die Ersten liegen schon drin.

Es sollen 17 Grabstellen sein, so groß ist die Band nicht. Wie kommt man, wenn ich das so fragen kann, da rein?

Campino: Man wird vom innersten Kreis angesprochen. Es gab auch schon Leute, die abgelehnt haben. Entstanden ist das aus einer albernen Idee rund um die Veröffentlichung unseres Albums „Unsterblich“; wir malten uns aus, wie es mal sein wird auf dem Friedhof. Es gab die Idee eines Garagentors als Grabstein, versehen mit dem Spruch: „Hier liegen die Jungs von der Opel-Gang.“ All so ein Blödsinn. Je mehr wir uns damit befasst hatten, desto weniger lustig und umso seriöser fanden wir es. Dann kamen die ersten Roadies, die mitmachen wollten, es nahm immer mehr Form an, und inzwischen habe ich da schon drei Grabreden gehalten. Irgendwie tut es gut zu wissen, neben wem man seine letzte Ruhe findet. Man wird da ja längere Zeit bleiben.

Logisch, da hilft ein gemeinsamer Musikgeschmack.

Campino: Auf jeden Fall! Mit der Schulklasse sind wir als Kinder am Wandertag immer zum Schneider Wibbel in die Altstadt gegangen. Das ist eine Lokalgröße aus der napoleonischen Zeit, an die noch erinnert wird. Und mir macht der Gedanke Spaß, dass die Schulklassen in 100 Jahren erst zum Schneider Wibbel fahren, und danach ist dann noch Zeit für die Toten Hosen auf dem Südfriedhof.

Und die Frauen? Die wollen doch nicht mal in die Tote-Hosen-Doku. Müssen Sie sich für die Ewigkeit zwischen Band und Familie entscheiden?

Campino: Die Frauen dürften mitkommen, aber sie drängeln sich nicht. Ich habe noch von keiner einzigen Lebenspartnerin gehört, die mit reinwill ins Grab. Was soll ich machen? Ich habe den Jungs ein Versprechen gegeben. Drei Weggefährten liegen dort schon. Es wäre mies von mir, wenn ich jetzt noch einen Rückzieher machen würde und mich woanders hinlege.

Biografien

Campino wird am 22. Juni 1962 in Düsseldorf als Andreas Frege geboren. Den Namen, unter dem er berühmt wird, bekommt er schon als Schüler nach einer Bonbon-Schlacht verpasst. Noch als Teenager wird er Sänger der Punk-Band ZK; 1983 gehört er zu den Mitbegründern des Nachfolge-Projekts Die Toten Hosen. Mit Songs wie „Hier kommt Alex“ wird die Band zu einer Größe des deutschen Punkrocks.

Campino erprobt sich auch jenseits der Musik, interviewt für den „Spiegel“ die damalige Jugendministerin Angela Merkel und spielt den Mackie Messer in der „Dreigroschenoper“. Mit der Schauspielerin Karina Krawczyk hat Campino einen gemeinsamen Sohn.

Die Regisseurin Cordula Kablitz-Post, Jahrgang 1964, verbindet schon eine lange Arbeitsbeziehung mit dem Frontmann der Toten Hosen: 2006 bringt sie sie Campino für die Arte-Reihe „Durch die Nacht mit…“ mit Klaus Maria Brandauer zusammen; 2009 porträtiert sie ihn für das ARD-Format „Deutschland, deine Künstler.“ Am 28. März kommt ihr Tourfilm „Weil du nur einmal lebst“ in die Kinos.

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