Plattdeutsch erlebt eine Renaissance : "Hör doch up": Warum es mir peinlich war, platt zu sprechen

Marie Busse ist plattdeutsch aufgewachsen.  Foto: Michael Gründel
Marie Busse ist plattdeutsch aufgewachsen. Foto: Michael Gründel

Plattdeutsch ist meine Muttersprache. Lange war es mir aber peinlich, in der Öffentlichkeit mit meinen Eltern platt zu sprechen. Das hat sich im Lauf der Jahre geändert, inzwischen ist Platt für mich mehr als eine Sprache.

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10. Dezember 2019, 18:15 Uhr

Osnabrück | "Marie, wo muss ich dich abholen?", fragt meine Mutter. Ich antworte: "Ja". "Wo also?", hakt sie nach. Meine Antwort bleibt die gleiche: "Ja." Meine Freunde sitzen neben mir. Sie sollen auf keinen Fall erfahren, dass ich mit meinen Eltern Plattdeutsch spreche. Das würden sie aber zwangsläufig, wenn ich antwortete: "Ikk bin im zog und glieks do" (ich bin Zug und gleich da), also lieber nur "Ja" und "Nein" – und hoffen, dass ich abgeholt werde.

Warum meine Familie plattdeutsch spricht

Es war mir schlichtweg peinlich, plattdeutsch zu sprechen. Zumindest war es so noch vor zehn Jahren, als es solche Szenen zwischen meinen Eltern und mir regelmäßig gab. Als Teenager kannte ich niemanden in meinem Alter, der auch platt sprach – obwohl ich in einem Dorf im südlichen Cloppenburger Land aufgewachsen bin. Für mich hingegen ist es die Muttersprache. Die Entscheidung, mit mir und meinen Geschwistern ausschließlich plattdeutsch zu sprechen, haben meine Eltern nicht bewusst gefällt: Beide haben mit ihren Eltern platt gesprochen, bei ihrem ersten Treffen haben sie sich auf plattdeutsch unterhalten und ineinander verliebt, auf plattdeutsch haben sie sich zum ersten Mal gestritten. Und als sie dann eine Familie wurden, war es ganz natürlich, auch mit ihren Kindern plattdeutsch zu sprechen.

Probleme traten im Kindergarten auf

Probleme traten erstmals auf, als wir in den Kindergarten kamen. Vor der Einschulung warnten die Lehrer meine Eltern, dass wir Kinder im auf Hochdeutsch gehaltenen Unterricht nicht mitkommen würden, dass wir immer wieder einzelne Wörter verwechseln würden und die Sprachen nicht unterscheiden könnten. Und überhaupt: Plattdeutsch sei eine Sprache für Ungebildete.

Irgendwann war meine Mutter so verunsichert, dass sie einen Kinderarzt aufsuchte. Ihre Erfahrungen lassen sich wohl am ehesten mit denen von Eltern mit Migrationshintergrund vergleichen. Der Arzt sagte ihr das Gleiche, was er auch türkischen oder russischen Müttern erzählte: Kinder können ohne Probleme zweisprachig aufwachsen. Sprache ist Teil der jeweiligen Kultur und Lebensart – und deswegen wertvoll. Kinder unterscheiden die Sprachen intuitiv und vertauschen die Wörter der einzelnen Sprachen nicht. Einzige Voraussetzung: Meine Eltern mussten konsequent plattdeutsch mit mir und meinen Geschwistern sprechen und keine hochdeutschen Vokabeln einwerfen.

Nur das Wort "Naschen" kannte ich im Hochdeutschen nicht

Ich habe nie Wörter durcheinandergebracht. Ich wusste immer das der Stuhl in der Schule Stuhl heißt und zuhause nun mal Stohl. Das einzige Wort, das in meinem hochdeutschen Wortschatz fehlte, war "naschen". Das führte dazu, dass ich bis zur dritten Klasse konsequent auf alle Süßigkeiten verzichtet habe, wenn mich jemand fragte: "Willst du was naschen?" Ich wusste nicht, was das ist, und nachfragen wollte ich auch nicht.

Veränderung des Plattdeutschen

Vielleicht hätte ich mich weniger für meine Muttersprache geschämt, wenn Plattdeutsch schon damals in den Schulen gefördert worden wäre. Vielleicht hätte ich es dann nicht als Stigma empfunden, diese Sprache, die viele provinziell finden, zu sprechen. Dass sich dieses Bild in den vergangenen Jahren verändert hat, freut mich. Platt verliert das Image des Bäuerlichen. Plattdeutsche Theaterstücke handeln heute auch von Mord, Verlust oder psychischen Erkrankungen und nicht mehr nur von der letzten Ernte. Youtuber erreichen im Internet Zehntausende Menschen, wenn sie plattdeutsch sprechen. Und inzwischen fragen mich sogar Menschen, wie man dieses oder jenes auf Plattdeutsch sagt.


Mein Verhältnis zum Plattdeutschen hat sich entspannt; es ist heute, wo ich 27 bin, fast liebevoll. Das Platt fehlt mir sogar, wenn ich es nicht regelmäßig spreche. Als ich nach dem Abitur ein Jahr im Ausland verbrachte, habe ich bei Youtube hin und wieder plattdeutsche Lieder angehört. Und auch wenn die Schunkelliedern meist von der Seefahrt, der Ernte und der Liebe handeln, habe ich bemerkt, dass es für mich nicht nur um die Sprache geht, sondern um etwas Größeres: um Heimat.

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Niedersachsen will das Plattdeutsche stärker fördern

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