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Political Correctness bei Wahlen : Fortschritt oder Zensur?

vom
Aus der Onlineredaktion

Im Bundestagswahljahr wird der Kampf um politisch korrekte Sprache zuweilen sehr hart geführt

prignitzer.de von
erstellt am 12.Sep.2017 | 05:00 Uhr

Es scheint die neue Gretchenfrage für manche zu sein: Wie hältst du's mit der Political Correctness? Das Meinungsforschungsinstitut YouGov hat repräsentativ erfasst, wie Erwachsene in Deutschland dazu stehen, also was sie zum Beispiel über geschlechtergerechte Sprache denken (KollegInnen, Schüler*innen...) oder ob sie viel über ihre Wortwahl nachdenken, beispielsweise für Schokoküsse keinen der früher gängigen Begriffe benutzen, die als rassistisch und herabwürdigend gelten.

Auf die Frage „Wurden Sie von Ihrem Umfeld schon einmal darauf hingewiesen, dass eine Aussage von Ihnen nicht „politisch korrekt“ gewesen ist?“ antworteten zum Beispiel 62 Prozent „Nein, noch nie“. 22 Prozent „Ja, aber nur sehr selten“; der Rest sagte, dies sei „gelegentlich“ oder „schon öfter“ passiert oder machte keine Angabe.

In Bezug auf Minderheiten und Randgruppen stimmte aber die größte Gruppe (42 Prozent) der Befragten der eher lässigen Aussage zu „Ich nutze stets die Wortwahl, die mir gerade in den Sinn kommt. Über eine politisch korrekte Wortwahl mache ich mir keine Gedanken“.

Über Political Correctness wird immer wieder heiß diskutiert – besonders in sozialen Netzwerken. Eigentlich soll politisch korrekte – oder besser: respektvolle – Sprache helfen, Diskriminierung zu vermeiden. Doch viele regen sich über diese Bemühungen auf. Mit dem erstarkten Rechtspopulismus gibt es inzwischen auch einige Politiker, die die sogenannte Political Correctness zum Fluch stilisieren, die von einer Sprachpolizei reden.

Auch in der YouGov-Studie äußerten sich Befragte in diese Richtung. So gab ein Befragter zu Protokoll: „Mittlerweile geht mir das alles auf die Nerven. Das, was in meiner Kindheit richtig war, soll heute alles falsch sein.“ Wer „Neger“ sage, sei doch kein Rassist.

Das sehen viele natürlich anders: Tahir Della ist seit etwa 30 Jahren Aktivist – er spricht für die Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland (ISD), die sich für die Aufarbeitung kolonialer Spuren in Gesellschaft und Sprache einsetzt: „Debatten in Deutschland sind oft stark davon geprägt, dass die Mehrheitsgesellschaft definieren will, wie über Rassismus gesprochen wird. Die Perspektive der Betroffenen fällt dabei oft hinten runter.“ Della betont, Eigenbeschreibungen seien nie in Stein gemeißelt. Die Begriffe sind immer in Bewegung. Am einfachsten ist es, die Menschen selbst zu fragen, wie sie bezeichnet werden wollen.“ Schwarze Menschen zählen wie Frauen, Behinderte, Lesben und Schwule zu den gesellschaftlichen Gruppen, die im Laufe der Geschichte Rechte und Respekt erkämpft haben.

Doch die sogenannte Identitätspolitik – emanzipatorische Bewegungen unterdrückter Gruppen – gerät unter Druck. Mancher sieht in der angeblichen Übertreibung dieser Kulturrevolution hin zu weniger Diskriminierung die Gründe für den Aufstieg von Donald Trump oder Parteien wie der AfD.

Die Sprachwissenschaftlerin Nina Janich gehört seit vielen Jahren zu denen, die in Darmstadt das „Unwort des Jahres“ küren. „Nach der Unwort-Wahl höre ich immer öfter die vorwurfsvolle Klage, man dürfe gar nicht mehr sagen, was man denke. Das ist aber ein Missverständnis gegenüber dem, was zumindest wir Sprachwissenschaftler bezwecken: Wir wollen, dass man sich Gedanken darüber macht, wie öffentlich über das gesprochen wird, was die Öffentlichkeit betrifft.“

Der Soziologe Armin Nassehi hält die Sensibilisierung der Sprache für eine kulturelle Errungenschaft. Sprachpolitik dieser Art habe eine lange Geschichte. Moralische Überzeugungen seien oft über richtige Sprechweisen durchgesetzt worden, sagt der Münchner Wissenschaftler. Und aktuell? „Es gibt zurzeit einen Kulturkampf zwischen weltoffenen oder wenigstens ressentimentfreieren Milieus und jenen Milieus, die ihre Weltsicht vor allem in Form von Zugehörigkeiten und Ausschluss einrichten.“ Dieser Kulturkampf werde nicht nur, aber eben auch auf dem Feld der Sprache geführt.

 

Political Correctness

  Political Correctness (politische Korrektheit) ist ein Begriff, der in politischen Streitigkeiten vorkommt. Laut Duden handelt es sich um eine „Einstellung, die alle Ausdrucksweisen und Handlungen ablehnt, durch die jemand aufgrund seiner ethnischen Herkunft, seines Geschlechts, seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht, seiner körperlichen oder geistigen Behinderung oder sexuellen Neigung diskriminiert wird“.

Zur Herkunft: In den 1980er Jahren geriet an US-Universitäten der Lernstoff in die Kritik. Linke Kritiker warfen der gängigen Wissenschaft vor, oftmals nur die Sicht und Sprache alter weißer Männer zu berücksichtigen, es müsse aber auch die Perspektive der „Unterdrückten“, also etwa von Frauen und Schwarzen, einbezogen werden. In den 1990ern kam der Begriff auch in Deutschland auf.

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