Augenzeugen berichten von dramatischen Szenen : Halle: „Ich wusste nicht, ob ich es herausschaffen würde“

Nach qualvollem Warten in der Synagoge wurden die Mitglieder der jüdischen Gemeinde mit einem Bus vom Tatort in Halle weggebracht.
Nach qualvollem Warten in der Synagoge wurden die Mitglieder der jüdischen Gemeinde mit einem Bus vom Tatort in Halle weggebracht.

Furchtbare Szenen spielen sich in Halle innerhalb weniger Minuten ab. In der Stadt herrscht Ausnahmezustand.

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09. Oktober 2019, 19:58 Uhr

Halle/Saale | Eigentlich will die junge Amerikanerin an diesem Mittwochmittag nur einen kurzen Spaziergang im Park hinter dem halleschen Wasserturm machen, um wieder wach zu werden.

Die frühe Zugfahrt von Berlin nach Halle hat die Frau, die zusammen mit anderen gläubigen Juden den höchsten jüdischen Feiertag „Jom Kippur“ in der Synagoge an der Humboldtstraße feiern will, erschöpft. Doch um kurz nach 12 Uhr mittags ist von der Müdigkeit auf einen Schlag nichts mehr übrig.

Eine Explosion, gefolgt von mehreren Schüssen, erschüttert das Paulusviertel. Innerhalb weniger Minuten richtet offenbar ein Einzeltäter ein furchtbares Blutbad an. Zur Identität der Opfer macht die Polizei zunächst keine Angaben. Neben den beiden Toten soll es noch zwei Verletzte gegeben haben.
 

Doch davon weiß die Amerikanerin noch nichts.

Ich habe ein Geräusch gehört, konnte es aber nicht zuordnen. Amerikanerin
 

Das sagte sie an der Einmündung zur Humboldtstraße, wo zwei junge Polizisten inzwischen ein Absperrband gezogen haben. Sie sind leicht bewaffnet, tragen keine Maschinenpistolen, Helme und extradicke schusssichere Westen, so wie ihre Kollegen, die am Nachmittag zu Hunderten nach Halle kommen.

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Täter schoss plötzlich auf Passantin

Noch weiß kaum jemand, wie ernst die Lage ist. Nur ein Student, 28 Jahre alt, tippt mit zitternden Fingern eine Nachricht nach der anderen in sein Handy. Was seine Freundin, die in der Humboldtstraße wohnt, ihm geschrieben hat, klingt unglaublich.

Die Synagoge der Jüdischen Gemeinde Halle/Saale. /dpa-Zentralbild/dpa
Jan Woitas
Die Synagoge der Jüdischen Gemeinde Halle/Saale. /dpa-Zentralbild/dpa

Der Mann zitiert die Worte seiner Freundin:

Sie hat gesehen, wie ein schwer bewaffneter Mann an der Tür zur Synagoge herumgewerkelt hat. Als eine Frau ihn ansprach, hat er auf sie geschossen. 28-Jähriger zitiert Freundin

Eine Postbotin ist zur Tatzeit gerade mit ihrem Briefwagen in der Paracelsusstraße unterwegs. Von dem brutalen Angriff nur wenige Meter entfernt sieht sie zwar nichts, die hohe Mauer des jüdischen Friedhofs verdeckt ihr die Sicht.   

Plötzlich hat es aber laut geknallt. Aus der Humboldtstraße kam eine Frau mit einem Kind auf dem Arm angerannt. Sie war völlig verstört. Wir haben uns dann in Sicherheit gebracht. Postbotin

Weiterlesen: Liveblog: Schüsse in Halle – Manifest des Täters aufgetaucht?

Schüsse auf einen Dönerladen

Der zweite Tatort liegt in einem Döner-Imbiss in der bei Studenten beliebten Ludwig-Wucherer-Straße, die unter Hallensern nur „LuWu“ genannt wird. Hier reihen sich hippe Eisdielen und vegane Restaurants aneinander, aber auch viele Kioske, Barbiere und Dönerläden, die zum größten Teil von Ausländern geführt werden.

Ein Zeuge, der gerade sein Fahrrad in einer Werkstatt abgeben will, bekommt den Angriff hautnah mit.

Es kam ein Auto angefahren, hielt mitten auf der Straße und ein Mann mit schusssicherer Weste und Helm stieg aus. Zeuge
 

Dann habe der Täter sich auf dem Auto abgestützt, angelegt und mehrmals in Richtung des Dönerladens geschossen, bevor er auf das Geschäft zugerannt sei.

In Todesangst auf Toilette eingeschlossen

Die dramatischen Szenen, die sich dann abspielen, muss Conrad Rößler, der sich zum Zeitpunkt des Angriffs in dem Imbiss Essen bestellen will, miterleben. Er schildert:

Als ich zum Fenster hinausgeschaut habe, habe ich gesehen, wie ein maskierter Täter auf den Laden zuging. Er hatte ein Gewehr dabei. Erst warf er eine Art selbstgebaute Granate, die aber an der Tür abprallte. Dann hat er das Gewehr gehoben und geschossen. Zeuge im Dönerladen
 

Alle seien panisch weggerannt. Er selbst habe sich auf der Toilette eingeschlossen und seiner Familie geschrieben. „Ich wusste nicht, ob ich es lebend herausschaffen würde, weil es immer wieder geknallt hat.“ Nach fünf bis zehn Minuten sei die Polizei gekommen und habe ihn nach draußen begleitet.

Dann hat mir einer erzählt, dass die Person, die hinter mir stand, es nicht geschafft hat. Zeuge im Dönerladen
 

Warnung über die App Katwarn

Um 12.48 Uhr gibt die Stadt Halle eine Warnung über die Katwarn-App heraus. Hallenser werden aufgefordert, Gebäude und Wohnungen nicht zu verlassen, von Fenstern und Türen fern zu bleiben. Zu diesem Zeitpunkt ist der Tatort in der Humboldtstraße noch immer eher dürftig abgesichert. Passanten bleiben stehen und haben freie Sicht zur Synagoge. Auf der Straße, unter einer blauen Plane, liegt die tote Frau, daneben steht ein Rucksack.

Über Funk fordern die Beamten Verstärkung für die Humboldtstraße an, doch noch rasen unzählige Polizeifahrzeuge am Wasserturm vorbei. Es seien möglicherweise noch Täter in dem Viertel unterwegs, heißt es von den Einsatzkräften. Über dem Quartier kreist der Polizeihubschrauber. Die Hallesche Verkehrs AG stellt im gesamten Stadtgebiet den öffentlichen Nahverkehr ein, auch der Hauptbahnhof wird voll gesperrt.  

Suche nach Sprengfallen an der Synagoge

Zwei Stunden nach dem Anschlag zieht die Polizei auch an der Synagoge schwer bewaffnete Beamte zusammen. Über Leitern klettern sie von der Paracelsusstraße auf das Gelände. Sie suchen nach möglichen Sprengfallen und erkunden die Lage.    

Einsatz in Halle: Polizisten mit Schutzhelmen übersteigen eine Mauer. /dpa-Zentralbild/dpa
Sebastian Willnow
Einsatz in Halle: Polizisten mit Schutzhelmen übersteigen eine Mauer. /dpa-Zentralbild/dpa

Danach nehmen sie telefonisch Kontakt zu den Personen auf, die sich in der Synagoge befinden. Ist jemand verletzt? Könnten sich weitere Täter auf dem Areal befinden?

Qualvolles Warten für die jüdischen Gemeindemitglieder

Für die 80 Mitglieder der Gemeinde werden es qualvolle Stunden des Wartens und der Ungewissheit. Am späten Nachmittag wird dann ein Linienbus zum Kreuzungsbereich geordert. Gleichzeitig riegelt die Polizei das Gebiet weiträumig ab. Gegen 17.30 Uhr ist die Evakuierung beendet.

Mitglieder der jüdischen Gemeinde und Besucher der Synagoge in Halle werden in Sicherheit gebracht. /dpa-Zentralbild/dpa
Sebastian Willnow
Mitglieder der jüdischen Gemeinde und Besucher der Synagoge in Halle werden in Sicherheit gebracht. /dpa-Zentralbild/dpa

Eine Frau, die in einem der Busse sitzt, schützt ihr Gesicht mit einem Briefumschlag. Ein anderer Mann winkt nach draußen, erleichtert, die furchtbaren Ereignisse überstanden zu haben. Eine Polizeieskorte begleitet den Bus in Sicherheit. Die wartenden Journalisten, darunter auch Kamerateams aus dem Ausland, bleiben ratlos zurück. Eine Stellungnahme der Behörden gibt es nicht. Kurz vor 19 Uhr gibt die Stadt Entwarnung. „Nach Einschätzung der Polizei liegt keine akute Gefährdung der Bevölkerung mehr vor.“

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