Analyse : Die Zukunft von VW: Es geht um mehr als Batterien

Autobau in Emden: Hier sollen bald nur noch Elektroautos hergestellt werden. Wenn VW ernst macht, kann der Konzern mit seinen riesigen Gewinnen der Vorjahre eine Elektrostrategie spielend finanzieren. Dann müssen die Kunden die Autos nur noch wollen. Foto: Jörg Sarbach/dpa
Autobau in Emden: Hier sollen bald nur noch Elektroautos hergestellt werden. Wenn VW ernst macht, kann der Konzern mit seinen riesigen Gewinnen der Vorjahre eine Elektrostrategie spielend finanzieren. Dann müssen die Kunden die Autos nur noch wollen. Foto: Jörg Sarbach/dpa

In dieser Woche hat VW seine Bilanz für das Jahr 2018 vorgelegt. Gleichzeitig präsentierte der Konzern seine Elektrostrategie. Beides geriet durchaus überzeugend, doch Risiken bleiben. Eine Analyse über die Lage von Deutschlands wichtigstem Unternehmen.

prignitzer.de von
16. März 2019, 08:57 Uhr

Schwerin | VW steckt im Umbruch und auch in der Krise. So viel ist sicher. Manchen Behauptungen dieser Tage aber gilt es deutlich entgegenzutreten. So hätte VW mit einem früheren und klareren Umsteuern auf den Elektrokurs mit ziemlicher Sicherheit keine besseren wirtschaftlichen Ergebnisse erzielt. Auch den offenkundig bevorstehenden Stellenabbau hätte das nicht vermieden - im Gegenteil.

Beleg Nummer eins ist, dass der Konzern trotz aller Belastungen im vergangenen Jahr mehr als 12 Milliarden Euro verdiente, wie er in dieser Woche bekanntgab. Rekord, und eine kaum zu glaubende Summe angesichts der Gesamtlasten aus der Abgasaffäre, die sich auf inzwischen rund 30 Milliarden Euro belaufen.

Beleg Nummer zwei ist, dass die Geschäfte bei der Sportwagenmarke des Konzerns, Porsche, nach wie vor besonders blendend laufen. Dort aber geht es noch mehr als bei den anderen Marken um viele Verbrenner-PS und nicht etwa um Watt.

Zwangsläufiger Wandel

Auch Stellenstreichungen, die der VW-Konzern plant, sind nicht die direkte Folge davon, dass das Management so lange wie möglich und auch mit verbotenen Tricks am Diesel als Brot- und Butter-Antrieb festhielt.

Mit rund 115.000 entfallenden Arbeitsplätzen in der deutschen Automobilproduktion rechnet das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit innerhalb der nächsten Jahre. Der Grund ist, dass Elektroantriebe wesentlich einfacher herzustellen sind als Diesel- oder Benzinfahrzeuge. Die angekündigten Sparmaßnahmen und der Ausbau automatisierter Prozesse in der Verwaltung sind daher nur Vorboten dessen, was zwangsläufig kommt und nicht an Mängeln im Management festzumachen ist.

Trotz allem ungemein erfolgreich

Man muss VW für all dies nicht dankbar sein. Zum Gesamtbild zählt aber schon, dass der Konzern trotz der Belastungen, die maßgeblich auch aus seinem Handeln erwuchsen, ungemein erfolgreich war und gute Gründe sah, sich in Sachen Elektromobilität nicht an die Spitze der Bewegung zu setzen.

Nun aber kommt es auf Veränderung an. VW geht sie durchaus kraftvoll an, wie bei der Bilanzvorlage deutlich wurde. Noch mehr Modelle, noch höhere Stückzahlen, das erste Werk bald nur noch für Elektroautos: Die Bremse ist gelöst.

"System VW"

Zu den Herausforderungen zählt dabei auch, was Aufsichtsrat Wolfgang Porsche grantelnd hervorhob: Das „System VW“ mit seinem außerordentlich einflussreichen Betriebsrat, das insbesondere in Wolfsburg greift und zu einer vergleichsweise geringen Rendite der Marke Volkswagen beiträgt.

Dieses System ist ein Relikt aus der Zeit des Wirtschaftswunders. Es muss nicht schlecht sein, ganz im Gegenteil. Und doch muss sich erst noch zeigen, dass es dem Umbau nicht im Wege steht, den VW in den kommenden Jahren leisten muss.

Herbert Diess, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG, bei der Jahrespressekonferenz in dieser Woche. Foto: Christophe Gateau/dpa
Herbert Diess, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG, bei der Jahrespressekonferenz in dieser Woche. Foto: Christophe Gateau/dpa

Elektromobilität ist dabei nur der eine Faktor – vielleicht nicht einmal der wichtigste. Autos der Zukunft werden rollende Computer sein. Kann VW da mithalten? Und, das ist der dritte Trend, sie werden in bestimmten Milieus und zahlreichen Nutzungssituationen schlicht nicht mehr gefragt sein. Während früher auch dem Öko seine Ente, der Strich-Achter oder ein Bulli heilig war, scheint das Auto als Ausdruck von Individualität und Agilität in Teilen der Gesellschaft von anderen Statussymbolen abgelöst worden zu sein.

Das Glück des Unternehmens sind die riesigen Gewinne. Mit ihnen im Rücken wird es ihm nicht schwerfallen, in seine Elektrostrategie und Digitalisierung zu investieren.

Image nicht zu kaufen

Ein passendes Image aber lässt sich nicht einfach so kaufen. Porsche hat ein solches für seine PS-starken Autos, Audi war der Renner unter leistungsorientierten Dienstwagenfahrern im mittleren Management. VW bot Autos für jede Lebenslage mit dem Versprechen eines guten Preis-Leistungsverhältnisses, Skoda richtete sich an die noch preisbewussteren Käufer.

Aber welche dieser Marken steht für Innovation?

Antriebe und Digitalisierung, Mobilitäts- und Imagewandel lauten daher die vier Herausforderungen, denen sich der VW-Konzern stellen muss. Immer nur an Batterien zu denken, wäre ein Fehler.

Zudem bestehen bei diesem Punkt durchaus Risiken. Es reden zwar alle von der Batterie – aber ist sie wirklich die beste Wahl? Manche Experten sehen es anders. Individueller, komfortabler Mobilität steht das umständliche Laden derzeit entgegen. Wasserstoffantriebe böten viele Vorteile – aber VW will nicht mehr warten, um zu beurteilen, ob sie sich durchsetzen – VW kann nicht mehr warten, eben weil es ja auch um sein Image geht. Gut möglich, dass dies in einer nüchternen Rückschau einmal als große Fehler betrachtet werden wird, ein viel größerer Fehler, als ein paar Jahre länger als nötig den Diesel gebaut zu haben.

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