Neubrandenburg : „Brandzimmer“ findet positive Resonanz

Porzellan-, Terrakotta- und Natursteinscherben im Brandzimmer der Kunstsammlung Neubrandenburg.
Porzellan-, Terrakotta- und Natursteinscherben im Brandzimmer der Kunstsammlung Neubrandenburg.

Mit dem „Brandzimmer“ weist die Stadt auf die Zerstörung Neubrandenburgs 1945 hin. Dabei soll auch der Zusammenhang mit der damaligen umfangreichen Kunstsammlung hergestellt werden.

prignitzer.de von
11. Februar 2019, 07:54 Uhr

Neubrandenburg Der Raum ist graphitschwarz, nur schmale Glasbehälter mit Porzellanstücken und -scherben sind beleuchtet. An den Wänden züngeln Flammen aus Bilderrahmen oder einem Fenster: „Wir wollen die Zerstörung Neubrandenburgs 1945 und den Zusammenhang mit der damaligen Kunstsammlung erlebbar machen“, erläutert Kunsthistorikerin Elke Pretzel. Das scheint mit dem „Brandzimmer“ gelungen: „Wir bekommen viele positive Reaktionen bei Führungen und von anderen Gästen.“

Mit der Rauminstallation des Kölner Künstlers Simon Schubert erinnern die Neubrandenburger seit drei Monaten an einen ungeklärten Fall vermisster Kulturgüter Ostdeutschlands. Seit 1945 gelten 99 Prozent der umfangreichen alten Sammlung als „kriegsbedingt verschollen.“ Die alte Neubrandenburger Kunstsammlung ab dem Jahr 1890 hatte mehr als 10 000 Bilder, Porzellanteile und Skulpturen. Sie war 1945 im früheren großherzoglichen Palais untergebracht, dass Neubrandenburg vor 100 Jahren vom Adel übernommen hatte. Die Witwe des letzten Sammlungsleiters Walter Günteritz hatte der Stadt erst Anfang der 1990er Jahre übermittelt, das Anfang April 1945 „alles verladen und nach Westen abtransportiert wurde.“ Wohin - blieb unklar. Die Frau und der damalige Sammlungsleiter waren nach 1945 auch nach Westen geflohen, wo sie bei Darmstadt lebten.

Neubrandenburgs Innenstadt wurde 1945 fast völlig zerstört. „Wir haben eigentlich nur drei Fotos von damals und keine genauen alten Inventarlisten, um bei Funden nachweisen zu können, dass ein Stück nach Neubrandenburg gehörte“, beschreibt Pretzel die Situation.

Auch der Zufall hilft

Trotzdem wurde die verschollene Sammlung 2006 an das  „Lost Art-Verzeichnis“ des Zentrums für Kulturgutverluste Magdeburg gemeldet, wo kriegsbedingt vermisste Kulturgüter verzeichnet sind.

Doch auch heute hat die Kunstsammlung noch Gutes von der Frau des damaligen Sammlungsleiters: Sie hat ihr Erbe in eine Stiftung eingebracht, von deren Erlös die Neubrandenburger für Kunstzwecke noch profitieren.

Und der Zufall half auch in puncto Porzellan: 2006 wurden Teile der Porzellansammlung bei archäologischen Grabungen für den Bau einer Tiefgarage am Markt gefunden, wo das Palais 1945 ausgebrannt und eingestürzt war. Davon wurden inzwischen 16 Porzellanfiguren mit Hilfe aus Meißen restauriert. Über eine Spendenaktion werden Porzellanmedaillen verkauft, und so wurden 16 000 Euro dafür eingenommen.

Künstlerisches Neuland betreten

Vor vier Jahren hörte Schubert von der bewegenden Geschichte der Neubrandenburger Sammlung. Nachdem er 2016 eine vorübergehende Installation ähnlich dem „Brandzimmer“ geschaffen hatte, kam die Idee für ein bleibendes „Brandzimmer“ auf.

Mit dieser Idee haben die Neubrandenburger künstlerisch Neuland betreten. Erstmals im Nordosten wird Kriegsgeschichte zusammen mit der Lage der Kunst nach 1945 nachvollziehbar. „Viele Gäste berichten, dass sie das brennende Palais von damals förmlich vor sich sehen, wenn sie die Papierkunst Schuberts betrachten“, erzählt die Kunsthistorikerin. „Das Opfer der Venus“ und „Die Kugelspielerin“ sind nur zwei Figuren, die wieder zusammengesetzt wurden, und als restaurierte Porzellane neben vielen Scherben zu sehen sind. „Die Vernichtung der alten Kunstsammlung ist untrennbar verbunden mit dem großen Stadtbrand von 1945, einem der einschneidendsten Ereignisse der Stadtgeschichte“, erklärt Oberbürgermeister Silvio Witt (parteilos).

Der Brand präge das Aussehen der Innenstadt bis heute, woran das „Brandzimmer“ erinnere. Die Neubrandenburger Stadtgeschichte sei voller Brüche. „Dessen sollten wir uns bewusst sein.“ Da das „Brandzimmer“ so viel Resonanz findet haben Pretzel und der Kölner Künstler schon ein weiteres Vorhaben. Ein Nachbarraum soll mit anderen Papierfaltkunstwerken Schuberts zu einem weiteren Kunstkabinett in Sachen „historische Kunstsammlung“ gestaltet werden - im Jahr 2020.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen