Angst vor dem eigenen Sohn

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08. Dezember 2011, 08:53 Uhr

Schwerin | "Mein Sohn kann gut lügen. Er hätte Schauspieler werden können", sagt der Vater. "Mein Vater weiß nichts von mir, gar nichts", sagt der Sohn. Bis dahin hört sich der Dialog noch an wie ein typischer Generationenkonflikt. Doch diese Sätze sind gestern in einem Prozess am Schweriner Landgericht gefallen. Der 30-jährige Sohn muss sich dort wegen schwerer räuberischer Erpressung verantworten. Dafür drohen mindestens 5 Jahre Haft. Der Vater - das Opfer - sagte als Zeuge aus. Was er als Verwandter nicht muss, aber freiwillig macht. Beide Männer sehen sich nicht an. Nach seiner Aussage verlässt der Vater sofort den Saal. Das Tischtuch zwischen beiden ist, wie es scheint, zerschnitten. Wahrscheinlich hat die Tat im Mai das Fass zum Überlaufen gebracht.

Der Vater holte den Sohn in Schwerin vom Bahnhof ab. Erst gut eine Woche zuvor war der Sprössling aus dem Gefängnis entlassen worden, wo er eine zweijährige Haftstrafe absaß. Die Zeit bis zum ersten Besuch bei den Eltern habe er mit Wandern auf Rügen verbracht, sagt der angeklagte Sohn, der gestern ein Geständnis ablegte. Er habe keinen festen Wohnsitz gehabt, aber Aussicht auf Arbeit. Die Nacht vor Jobantritt wollte er zu Hause verbringen. Doch irgendetwas lief schief. Gut zehn Bier habe er getrunken. Ein bis zwei davon am Abend, heimlich, damit der Vater nichts merkt. Wenn er Alkohol trinke, überschreite er schnell mal eine Hemmschwelle, räumt der Sohn ein. "Wir haben uns über alles Mögliche unterhalten", sagt er vage. "Erst lief es erstaunlich gut. Doch dann kam alles wieder hoch". Jedenfalls sei er in die Küche gegangen, um sich Wasser zu holen. Zurück kommt er nicht mit einem Glas, sondern mit einem langen Küchenmesser. Das hält er dem Vater von hinten an die Kehle und fordert die Autoschlüssel. "Ich hatte Angst", erinnert sich der Vater. "Ich wusste, dass er jähzornig werden kann, wenn er getrunken hat. Aber so etwas hätte ich ihm nie zugetraut." So habe er die Schlüssel rausgerückt und seinem Sohn, der nicht mal eine Fahrerlaubnis hat, übergeben. Der sperrt seinen alten Herrn ins Schlafzimmer und braust davon.

Wenig später gelingt es dem Vater, sich zu befreien und seinen Sohn anzuzeigen. Der verunglückt noch in der Nacht auf der Autobahn. Andere Wagen waren nicht in das Geschehen verwickelt. Der Sohn- fast unverletzt, das Auto - Totalschaden. Seit Juni sitzt der 30-Jährige in Untersuchungshaft. "Ich hätte meinem Vater nichts getan", betont er. Eine Freundin habe er besuchen und das Auto später zurückbringen wollen. Der Angeklagte spricht auch über seine Alkoholsucht, über abgebrochene Therapien und seine Straftaten. "Sehr reflektiert", sagt der Rechtsmediziner Ulrich Hammer. In der frühen Distanz zum Elternhaus vermutet er eine Ursache für die Sucht. Er empfiehlt eine psychiatrische Begutachtung. "Ich sehe noch eine Chance für ihn. Es ist nicht alles verschüttet", betont der Arzt. Das Gericht will der Empfehlung folgen. Das Urteil wird frühestens im Januar erwartet.

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