Bützow : Ein Projekt mit Tiefgang

Fotos, Gebrauchsgegenstände und selbst ein Koffer aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg sind aktuell im Bützower Rathaus zu sehen. Die Gegenstände der Ausstellung „Geflüchtet, vertrieben, entwurzelt - Kindheiten in Mecklenburg 1945 bis 1952“ sind Teil des Projekts „Heimat – lost and found“, das Andrea Theis leitet.
Fotos, Gebrauchsgegenstände und selbst ein Koffer aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg sind aktuell im Bützower Rathaus zu sehen. Die Gegenstände der Ausstellung „Geflüchtet, vertrieben, entwurzelt - Kindheiten in Mecklenburg 1945 bis 1952“ sind Teil des Projekts „Heimat – lost and found“, das Andrea Theis leitet.

Seit einem Jahr läuft „Heimat – lost and found“ in Bützow – die künstlerische Leiterin Andrea Theis im Gespräch

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04. Januar 2020, 05:00 Uhr

Ein Jahr „Heimat – lost and found“ ist vorüber. Es gab die Gespräche mit der Eisdielengarnitur an öffentlichen Orten, eine Reihe von Fahnenworkshops und bis dato zwei Ausstellungen. Aber vor allem gab es viel Arbeit im Stillen, als Gespräche geführt wurden. Für das Großprojekt wurde Andrea Theis angestellt. Noch bis zum Sommer hat sie die künstlerische Leitung inne. Dabei setzt sie nach eigenen Angaben nicht aufs große Spektakel, es geht um Tiefe. Und dabei sollten Menschen unterschiedlichster Couleur einbezogen werden. Wie es 2019 lief und was uns 2020 erwartet, darüber sprach Redakteur Christian Jäger mit Andrea Theis.

All Ihr Arbeiten steht unter dem großen Begriff „Heimat“. Ist Bützow denn inzwischen schon Ihre Heimat geworden?
Rein formell habe ich gleich zu Beginn meinen Zweitwohnsitz hier angemeldet. Eine Heimat ist Bützow jedoch noch nicht für mich. Aber ich habe ein Zuhause hier. Die Stadt und ihre Menschen sind mir vertraut geworden. Ich kann mir Bützow im Moment nicht ohne mich vorstellen. Das heißt, ich möchte hier noch einiges tun und mich engagieren. Ich finde es sehr lebenswert und spannend hier. Persönlich bin ich derzeit eher in einer Situation der Heimatlosigkeit. Denn dadurch, dass ich hier so intensiv involviert bin, haben sich andere Verbindungen gelöst. Es ist schwer, Freundschaften über große Entfernungen dauerhaft zu pflegen. Die gehören für mich aber zum Beheimatet sein dazu.

Spielt es eine Rolle, dass die Stelle Mitte des Jahres ausläuft?
Nein, das spielt für mich keine Rolle. Über das, was danach kommt, denke ich nicht nach. Für mich zählt das Jetzt und Hier. Und das mit aller Intensität.

Was war denn Ihre Hauptarbeit?
Das Aufbauen von Beziehungen und das Gestalten von Situationen, in denen sich Menschen öffnen können.

Und wie leicht war das mit dem typischen Mecklenburger?
Vielleicht treffe ich nicht die typischen Mecklenburger, denn ich erlebe die Menschen, mit denen ich zu tun habe, als aufgeschlossen und humorvoll. Vielleicht machen die Schweiger einen Bogen um mich.

Wie fällt denn nach einem Jahr das Fazit aus?
Es war ein intensives Jahr mit mehreren Phasen der Projektarbeit. Dank Katja Voß und Sabine Prescher bin ich ziemlich schnell reingekommen. Die beiden haben Türen geöffnet und Kontakte hergestellt. Das war sehr wichtig. Und ab einem bestimmten Zeitpunkt bin ich selber gelaufen. Ich kann bislang ein sehr positives Fazit ziehen. Wir haben mit dem Projekt sehr unterschiedliche Menschen erreicht. Mit bestimmten Formaten haben wir bestimmte Altersgruppen direkt angesprochen. Auch Jüngere. Und zwar auf eine Art, mit der sie auch etwas anfangen können. Ich denke, wir haben uns dem Heimatbegriff in seiner Vielfalt ganz gut angenähert. Das Thema ist ja recht weit gefasst. Und meine Aufgabe ist auch, das zu kanalisieren und zu fokussieren. Aber das Wichtigste ist der Aufbau der Beziehungen. Dafür ist es notwendig, die Menschen da abzuholen, wo sie stehen.

Das klingt, als würden die Projekte mit Ihnen stehen – aber auch fallen?
Als Künstlerin spiele ich in einem solchen Projekt eine besondere Rolle, weil ich natürlich meine Persönlichkeit in die Art der Gestaltung – auch die Gestaltung der Beziehungen – mit hineinbringe. Das mag ein Schwachpunkt sein, kann aber auch eine Stärke sein. Wichtig ist ja, dass diejenigen, die teilnehmen und von sich etwas einbringen, Vertrauen haben. Die Chemie muss stimmen. Ideal wäre es, wenn Leute vor Ort nach dem Projekt Impulse und Aktionen aufgreifen und selbst etwas entwickeln, ich mich also überflüssig mache. Es wäre sehr schade wenn all die Energie, die hineingesteckt wurde, am Ende verpuffte.

Das englische „lost and found“ wurde von einigen kritisch bewertet. Das habe mit unserer Region und folglich Heimat nichts zu tun, Plattdeutsch wäre treffender. Wie hat sich diese Kritik entwickelt?
Anfangs bin ich hier und da mal angesprochen worden, jetzt aber gar nicht mehr. Ich übersetze das immer gleich, also verlorene und gefundene Heimat. Aber Plattdeutsch wäre auch kontraproduktiv gewesen, weil das Zugezogene nicht verstehen. Es ist schließlich ein integratives Projekt.

Und warum nicht einfach Deutsch?
Bei „lost and found“ gibt es eine internationale Idee. Geflüchtete zum Beispiel verstehen zum Teil anfangs nur Englisch. Und es gibt ja noch den Untertitel „Vom Ankommen, Weggehen und Hierbleiben“. Die Mischung von lokal und global finde ich sinnig. Es ist modern, aufgeschlossen, einschließend. Anfangs bin ich hier und da mal angesprochen worden, jetzt aber kaum mehr. Vereinzelt wird liebevoll drüber gewitzelt.

Welche Projekte sind denn besonders eingeschlagen?
Jedes auf seine ganz eigene Art. Bei Heimat vor Ort sind wir beispielsweise zu den Leuten rausgegangen. Damit sind wir an Menschen gelangt, an die sonst kein Rankommen ist. Es war sehr erhellend, was die Leute denken, die man im Museum nicht erreicht. Es waren sehr persönliche Gespräche.

Dabei erfuhren Sie auch Schicksale. Hat das etwas mit Ihnen gemacht?
Am meisten haben mich Zeitzeugengespräche im Vorfeld der aktuellen Ausstellung mitgenommen. Im geschützten Raum, zum Teil bei den Zeugen zuhause, sind viele Details auf den Tisch gekommen. Und die sind nicht bei mir in den Kleidern hängengeblieben. Manches ist mir sehr nahegegangen. Aber die Menschen stehen trotz allem nach wie vor im Leben und das ist sehr erstaunlich.

Was lief denn nicht wie gewünscht?
Durch den Wegfall von Sara Klapp war Krisenmanagement gefragt. Da haben wir Zeit verloren und es mussten auch Vorhaben gestrichen werden, die ich alleine nicht schaffen kann. Zudem hätten hier und da die Teilnehmerzahlen höher sein können. Zum Beispiel mit Heimat vor Ort in der Karl-Marx-Straße.

Wie wird es in diesem Jahr weitergehen?
Anfang März richte ich einen Raum im Krummen Haus ein. Dann soll die Phase zum Thema Heimatverlust durch Systemumbruch eingeläutet werden. Am Beispiel der VEB Möbelwerke Mundt. Dafür werden auch Zeitzeugen wichtig. Am 16. Mai wird dann die Schlussausstellung eröffnet. Zum Ende des Projektes wird eine Broschüre erscheinen, die ähnlich wie die Ausstellung, alles zusammenfasst.

Wie soll die Ausstellung denn aussehen?
Das kann ich Ihnen heute noch nicht verraten. Die Herausforderung liegt darin, die prozesshafte künstlerische Forschung der letzten zwölf Monate, das Flüchtige der Interaktionen und Gespräche, in eine künstlerische Form zu verwandeln, die berührt, angemessen dokumentiert und auch verständlich ist. Daran arbeite ich derzeit. Fest steht, dass die in den Workshops entstandenen tollen Fahnen ausgestellt werden. 

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