Amt Neuhaus : Scharfe Kontrollen an der „Grenze“

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Einen guten Grund brauchen derzeit Reisende mit auswärtigen Kfz-Kennzeichen für die Einreise nach MV. Sie müssen darlegen, dass sie nicht aus touristischen Gründen ins Land möchten.
Einen guten Grund brauchen derzeit Reisende mit auswärtigen Kfz-Kennzeichen für die Einreise nach MV. Sie müssen darlegen, dass sie nicht aus touristischen Gründen ins Land möchten.

Anwohner aus dem niedersächsischem Amt Neuhaus beschweren sich über Polizei in MV, die ihnen zum Teil die Durchfahrt verweigern soll

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25. März 2020, 18:00 Uhr

Im Rücken die Elbe - vor der Brust die Polizei aus Mecklenburg-Vorpommern: Die Anwohner aus dem Amt Neuhaus in Niedersachsen dürften sich zurzeit auf ihren Alltagswegen deutlich eingeschränkt fühlen. Nachdem Herbert Wittrock aus Neuhaus Anfang der Woche das Gespräch mit der SVZ gesucht hat, um auf die Situation aufmerksam zu machen, meldeten sich nun auch Leser über das soziale Netzwerk facebook: „Der Alltag für das Amt Neuhaus mit der Zugehörigkeit zum Landkreis Lüneburg gestaltet sich mit der Wohnsituation auf der Elbseite von Mecklenburg-Vorpommern zunehmend als schwierig“, schreibt uns eine Nutzerin. „Anwohnern aus dem Amt werden die Durchfahrten erschwert beziehungsweise sogar verboten.“ Zudem sei sie selbst schwanger und habe bei jedem Arzttermin das Gefühl, ein Schwerverbrecher zu sein. „Meine Ärzte sind nun mal alle in MV und entbinden möchte ich auch in MV. Leider haben wir LG am Kennzeichen, so dass es uns passieren kann , dass wir auf dem Weg zur Klinik unnötig aufgehalten werden. Das macht einem schon ein mulmiges Gefühl.“

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Auch der Bürgermeister kann über Vorfälle berichten, bei denen Anwohnern aus dem Amt Neuhaus die Fahrt durch MV verwährt wurde. Bereits Ende vergangener Woche habe er deshalb das Gespräch mit der Polizei gesucht. „In Mecklenburg-Vorpommern kontrolliert die Bereitschaftspolizei auf den Straßen. Wir haben mit der örtlichen Polizei in Boizenburg gesprochen und darum gebeten, dass sie mit den Kollegen spricht, über unsere geografische Lage.“ Dass es nun nach wie vor zu solchen Vorfällen komme, sei nicht förderlich und nicht akzeptabel. Die Kontrollen seien aufgrund der Anordnungen in MV in Ordnung, würden aktuell allerdings weit über das Ziel hinausgehen. „Es gab schon Gewerbetreibende, die mich gefragt haben, ob ich ihnen einen Passierschein ausstellen kann, weil sie bereits von den Beamten in MV abgewiesen wurden und nicht ihrer Arbeit nachgehen konnten.“ Das dürfe nicht passieren. Und deshalb möchte der Bürgermeister auch noch einmal das Gespräch mit der Polizei in Boizenburg suchen.

Eine Nachfrage der SVZ beim Innenministerium in Schwerin wurde unterdessen zurückgewiesen. Für die Kontrollen seien die jeweiligen Polizeiinspektionen zuständig. In diesem Fall wäre es die Polizeiinspektion Ludwigslust, die wiederum dem Polizeipräsidium Rostock untersteht. Dessen Sprecherin Yvonne Hanske: „Fakt ist, die Kontrollen werden weiter gehen. Wir können von hier aus nicht beurteilen, welche Aussagen dort getätigt wurden. Vielleicht galten sie auch nur als Ratschlag und sind falsch angekommen. Wir alle brauchen in dieser Situation eine maximale Frustrationstoleranz.“

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Kommentar von Robert Lehmann: "Bitte Kontrollen mit Augenmaß"

„Ertragen“ – Das ist ein zurzeit oft genutztes Wort. Wir müssen die aktuell geltenden Einschränkungen „ertragen“, und auch, dass sie kontrolliert werden. Allerdings wäre es durchaus hilfreich, wenn die Kontrollen, dort wo es möglich ist, mit Augenmaß durchgeführt werden. Ja, die Anwohner aus dem Amt Neuhaus sind seit 1993 wieder Niedersachsen, allerdings orientieren sie sich in ihrem Alltag noch immer nach MV, gehen hier einkaufen, zum Teil arbeiten oder zum Arzt. Und das muss auch weiterhin unproblematisch möglich sein. Eine andere alltagstaugliche Möglichkeit gibt es für sie nämlich nicht. Die Elbe trennt die Gemeinde vom übrigen Landkreis Lüneburg ab. Fingerspitzengefühl der Beamten darf man zudem mit einem Blick auf die Geschichte der Gemeinde erwarten. Scharfe Kontrollen waren hier zu DDR-Zeiten an der Tagesordnung und auf diese reagiert manch einer nun allergisch.
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