Böller, Steine und ein Brandsatz

<strong>Udo Funk und seine Frau Monika</strong> zeigen auf die Rußwolke, die der Brandsatz hinterlassen hat. Das zerstörte Giebelfenster ist mit einer Holzplatte gesichert.<foto>Lars Reinhold</foto>
Udo Funk und seine Frau Monika zeigen auf die Rußwolke, die der Brandsatz hinterlassen hat. Das zerstörte Giebelfenster ist mit einer Holzplatte gesichert.Lars Reinhold

prignitzer.de von
28. Mai 2013, 07:12 Uhr

Lenzen | Im Kalender von Udo Funk sind die Angriffe gegen sein Haus in der Hamburger Straße detailliert vermerkt: In der Nacht zum 1. April explodiert der Briefkasten. Vom 6. auf den 7. April fliegen ein Stein und eine unbekannte Masse durch ein Wohnzimmerfenster. Zwischen dem 13. und 14. April liegen das Bad- und das Giebelfenster in Scherben, der neue Briefkasten ist ebenfalls zerstört. Die Nacht vom 17. zum 18. Mai bringt einen Anschlag mit Farbe auf das Gebäude, am 22. Mai gegen 2.30 Uhr früh fliegt offenbar ein Brandsatz gegen die Giebelseite und in der Nacht zum 27. Mai gehen alle drei Fenster auf der Vorderseite des Hauses zu Bruch. Was ist los in Lenzen?

Unterschriften für Durchsetzung der Tempo-30-Zone

"Wir sind vor knapp einem Jahr hierher gezogen, wollen das Haus denkmalgerecht sanieren und hier leben", sagen die Funks. Die Hintergründe für die Taten vermuten sie in ihrem Engagement für die Einhaltung der Tempo-30-Zone, die in der Hamburger Straße vor ihrem Haus ausgewiesen ist. "Nachdem Eingaben bei der Stadt, dem Amt Lenzen Elbtalaue und dem Petitionsausschuss des Landtages nichts gebracht haben, sind wir im Frühjahr von Haus zu Haus gegangen, haben rund 130 Unterschriften für die konsequentere Durchsetzung der 30 Stundenkilometer gesammelt und viel Zuspruch erhalten", so Udo Funk. Die plötzlichen extremen Anfeindungen können sich beide nicht erklären. "Es gibt hier Menschen, die uns nicht mögen, aber denen gehen wir aus dem Weg. Mit vielen anderen kommen wir gut klar."

Kritik richtet das Ehepaar auch in Richtung Polizei und Verwaltung. So seien Spuren anfangs nicht ordnungsgemäß gesichert worden, Polizisten auf Nachfragen unfreundlich geworden. Erst durch direkten Kontakt zum Kriminaldauerdienst und zur Schutzbereichsleitung seien die Ermittlungen intensiviert worden. "Bei dem Farbanschlag am 18. Mai hat Lenzens Bürgermeister Steinkopf trotz Aufforderung, dies zu unterlassen, eigenhändig Scherben und Farbe entfernt und somit Beweismittel vernichtet. Dementsprechend habe ich auch gegen ihn bei der Polizei Anzeige erstattet", so Funk.

Steinkopf weist den Vorwurf Zurück. Er habe lediglich die Scherben beseitigt, um Gefahren für andere abzuwenden. "Wenn sich hier ein Radfahrer den Reifen zerschnitten, oder, schlimmer noch, ein Kind verletzt hätte, dann wäre das aus meiner Sicht ein viel größeres Problem gewesen." Die Scherben, also die von Funk angesprochenen Beweismittel, hätte er schließlich der Polizei ausgehändigt. Generell beurteilt Steinkopf die Situation nüchtern: "Es gefällt mir nicht, dass so etwas in Lenzen passiert, allerdings kann ich das Problem auch nicht lösen. Ich denke, so wie man in den Wald hinein Ruft, so schallt es heraus. Mit der vorhergehenden Bewohnerin des Hauses gab es diese Probleme nicht."

Was das Verhältnis der Funks zu ihren Nachbarn angeht, sind die Meinungen in der Hamburger Straße kontrovers. "Ich halte sie für regelrecht gefährlich, permanent wird man verbal angegriffen und beleidigt", sagt eine Frau, die ihren Namen nicht nennen möchte. Schon bei der Unterschriftenaktion - die grundsätzlich begrüßenswert gewesen sei - sei das Paar sehr fordernd vorgegangen und habe kaum Widerspruch akzeptiert. Fleischer Wilfried Schmelzer, dessen Geschäft schräg gegenüber vom Haus der Funks liegt, spricht offen. "Ich habe sie zweimal wegen Beleidigung angezeigt. Sonst habe ich mit ihnen nichts zu schaffen und sehe zu, dass das so bleibt." Von Selbstjustiz, wie sie aktuell offenbar geschehe, hält er aber nichts. "Das muss die Polizei klären."

Anzeigen auch gegen Familie Funk

Die hat inzwischen sechs Anzeigen wegen Sachbeschädigung, Körperverletzung, Verleumdung und Bedrohung aufgenommen. "In diesem Zeitraum wurden in etwa eben so viele Strafanzeigen gegen die genannte Familie gefertigt, unter anderem wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr, Beleidigung und Verleumdung sowie Körperverletzung", so Polizeisprecher Toralf Reinhardt. Ein Zusammenhang zwischen den Sachbeschädigungen könne nicht ausgeschlossen werden, zum Brandsatz dauern die kriminaltechnischen Untersuchungen an. Weiterhin seien die meisten Beteiligten zu den Sachverhalten gehört worden, konkrete Tatverdächtige zu den Angriffen auf das Haus gebe es nicht. Eine Strafanzeige gegen Christian Steinkopf dementierte die Polizei gestern.

In Bezug auf die Einhaltung der 30er-Zone informierte Reinhardt darüber, dass bei 454 gemessenen Durchfahrten lediglich 17 geringe Geschwindigkeitsverstöße festgestellt wurden.

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