Zu Gast in Karstädt : Es gehen zu viele junge Leute weg

Gastgeber der „Stiefel statt Pumps“-Aktion Nr. 3 war die SRB Westprignitzer Landtechnik GmbH Karstädt.
Gastgeber der „Stiefel statt Pumps“-Aktion Nr. 3 war die SRB Westprignitzer Landtechnik GmbH Karstädt.

Frauenpower der Prignitzer Länderinnen macht sich für ländlichen Raum stark

prignitzer.de von
25. Mai 2019, 05:00 Uhr

Frauenpower für ländlichen Raum – so kann man das Engagement der Prignitzer Länderinnen werten, die sich 2011 gründeten und seit 2015 als Ortsgruppe dem Brandenburger Landfrauenverband angehören. Ein Mosaikstein ihrer ehrenamtlichen Arbeit ist neben Brotbox-Übergaben mit Unterrichtseinheiten in den 1. Klassen die „Stiefel statt Pumps“-Aktionen. Sie startete vor drei Jahren und lädt dazu Frauen aus allen Bereichen der Prignitz ein.

„Anliegen ist, Einblicke in die Landwirtschaft zu geben, sich kennenzulernen, sich auszutauschen und zu netzwerken“, erklärte Länderin Ines Cord-Kruse vom Schweinezuchtbetrieb Cord-Kruse Lübzow. Nach Stationen auf den Bauernhöfen Oestreicher (Abbendorf) und Jäger (Blüthen) war jetzt die SRB Westprignitzer Landtechnik GmbH Karstädt Gastgeber von „Stiefel statt Pumps“ Nr. 3.

Mit Bärbel Röhncke steht eine Powerfrau an der Spitze eines Unternehmens, in dem fast ausschließlich Männer arbeiten. Die studierte Bauingenieurin wagte 2003 einen kompletten Neuanfang, gab ihren sicheren Job in der Kreisverwaltung auf. Gezwungenermaßen, denn in dem Jahr verstarb ihr Mann und die Frage stand im Raum, wie weiter mit dem Betrieb und den 24 Arbeitsplätzen. Bärbel Röhncke kämpfte sich durch, lernte ständig dazu, ergänzte den Betrieb mit weiteren Standbeinen, investierte u.a. 600 000 Euro in eine neue Werkstatt, knüpfte unternehmerische Kontakte bis nach Irland und Italien.

Aus 24 Mitarbeitern wurden 32, der gute Firmenname sorgt dafür, dass in der Lehrausbildung kein Mangel herrscht. „Wir haben ein Rundum-Paket geschnürt und sind ein Betrieb geworden, der sich sehen lassen kann“, unterstrich die Postlinerin nicht ohne Stolz. Davon konnten sich die rund 50 eingeladenen Frauen bei einem Betriebsrundgang überzeugen. Auch ehrenamtlich engagiert sich Bärbel Röhncke, ist u.a. 1. Vizepräsidentin der IHK Potsdam und Handelsrichterin am Landgericht Neuruppin.
„Wir haben viele tolle Betriebe in der Region, die noch bekannter gemacht werden müssen. Denn es gehen noch zu viele junge Leute weg. Ausbildungsmessen sind wichtig. Wichtig ist ebenso, noch mehr interessante Ausbildungsplätze für Frauen im ländlichen Raum zu schaffen. Jungen bleiben gern noch zu Hause, Mädchen aber sind Nestflüchter. Sind sie durch Ausbildung und Beruf weg, kommen sie kaum wieder, gehen uns mit der Familienplanung verloren“, so Bärbel Röhncke.

Sie und weitere Frauen stellten sich nach dem Betriebsrundgang in einer Podiumsrunde den Fragen von Länderin Bärbel Bethmann, Prokuristin der Bethmann Agrar GmbH & Co. KG. „Wir müssen klar machen, welche Innovationskraft in unseren Regionen steckt – Beispiele sind Kronotex Heiligengrabe oder Rolls Royce Dahlewitz. Haben doch Brandenburg und der ländliche Raum bei den Berlinern ein Image-Problem“, argumentierte Caroline von Wolff. Dass es auch anders geht, beweise die Tagesaugenklinik Groß Pankow mit ihrem hohen Qualitätsmanagement und überregional bestem Ruf. Bisher wurden hier 90 000 Operationen des grauen Stars vorgenommen. 2017 kam Groß Pankow auf die Top-Liste der besten Augenkliniken Deutschlands. „Wir haben eine sehr hohe Rückkehrquote unter den Mitarbeitern“, unterstreicht von Wolff.

Von Südafrika über München kamen sie und ihr Mann 1993 nach Groß Pankow, um am Aufbau der Augenklinik mitzuwirken. „Wir sind schnell heimisch geworden, waren doch viele Herausforderungen zu meistern. Wichtig ist auch: In der Stadt erlebt man, auf dem Land lebt man. Hier muss man sein Leben selbst gestalten.“

Punkten müsse eine ländliche Region mit einer funktionierenden Vereinslandschaft und Infrastruktur: von Sport, Straßen, Ärzten, existenzieller Breitbandversorgung – hier werde viel zu lange nur geredet – bis hin zur Bildungslandschaft, erklärte Annett Jura. „Doch haben wir stark bluten müssen. Es kann nicht sein, dass unser Oberstufenzentrum nur abgibt, Auszubildende bis nach Falkensee fahren müssen und sich deshalb woanders Ausbildungsplätze mit weniger Aufwand suchen. Von Falkensee bis zu uns ist es genauso weit“, so die Forderung von Perlebergs Bürgermeisterin an die Landesregierung, Randregionen nicht abzuhängen.

Eine Klinge für den ländlichen Raum schlug auch Jenny Porep, die sich in Perleberg als Geschäftsfrau selbstständig machte. „Wir müssen unser Bild positiv nach außen tragen und diese Werte auch an unsere Kinder weitergeben“, argumentierte die Seetzerin. Die Jung-Unternehmerin engagiert sich u.a. bei den Wirtschaftsjunioren Prignitz und holte mit der City-Initiative zweimal den Sieg im Wettbewerb der IHK Potsdam nach Perleberg.

„Ich bin ein Fan der Länderinnen und begeistert, wie viel Herzblut diese Frauen in ihren Beruf stecken und es trotzdem schaffen, sich ehrenamtlich so stark zu engagieren“, unterstrich Anja Kramer, Bürgermeisterin der Gemeinde Plattenburg. Auch Jaqueline Seemann, Bäckersfrau aus Karstädt, und Petra Zehfeld, Versicherungsfachfrau für Landwirtschaftsbetriebe, beide zum ersten Mal „Stiefel statt Pumps“-Gäste, waren sich einig: „Diese Frauenpower, die aufzeigt, was Landwirte leisten und die sich in die Politik einmischt, ist ganz toll.“ Für den Herbst planen die Länderinnen einen Workshop zu einem aktuellen Thema.

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