Besucherandrang in Kletzke : Hier geht es um die Wurst

Marcus Hildebrandt (l.) und Azubi Hannes, der demnächst auslernt und übernommen wird, produzieren die begehrte Rostbratwurst.
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Marcus Hildebrandt (l.) und Azubi Hannes, der demnächst auslernt und übernommen wird, produzieren die begehrte Rostbratwurst.

Vom Ferkel bis zur Rostbratwurst – Landfleischerei Hildebrandt gewährt Einblick in Produktion ihrer hausgemachten Spezialitäten.

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08. April 2019, 12:00 Uhr

Wie die Alten sungen, so handwerkeln heute die Jungen. Auf das Fleischerhandwerk, welches Jürgen Hildebrandt ausübt, trifft diese sprichwörtliche Abwandlung voll zu. Nicht ganz vielleicht, denn moderne Technik hat inzwischen körperlich schwere Arbeit abgelöst, auch wenn ohne Muskelkraft eine Rinderhälfte kaum zu zerlegen ist. Maschinen zerkleinern, mischen, mengen und portionieren grammgenau – dennoch, ohne die Hand des Meisters bzw. Gesellen läuft nichts. Für das gewisse Etwas sorgt dann noch die Gewürzmischung – natürlich eine Eigenkreation Hildebrandts, die von Generation zu Generation weitergeben wird, für Außenstehende aber ein Geheimnis bleibt.

Ein Bild, wie Fleischerhandwerk heute funktioniert, das kann man sich am Sonnabend in Kletzke machen. Ohne Übertreibung, das kleine Dorf wird förmlich von Besuchern überrollt. Die Kameraden der Feuerwehr sorgen aber dafür, dass alles seinen geordneten Gang nimmt. Im Festzelt rückt man immer enger zusammen, vor allem wenn hier das Geschehen aus der Produktion live übertragen wird. Denn die Platzkarten direkt am Kutter, dem Fleischwolf oder der Wurstfüllmaschine sind schnell vergeben. Einer der Glücklichen ist Andrej Tittkau. 14 Jahre ist er jung, wohnt in Maulbeerwalde und berichtet stolz, dass er sich hier auch schon eine Praktikumsstelle und einen Ferienjob gesichert habe. Sein Berufswunsch sei zwar Lokführer, „Fleischer im Nebenerwerb, das reizt mich aber schon“.

Gespannt erfolgen auch die Sprösslinge der Familie Cord-Kruse, wie aus dem Fleisch der Schweine aus dem Betrieb ihrer Eltern letztlich Brät für die Hildebrandtsche Rostbratwurst wird. Übrigens, jene erhielt erst kürzlich eine Goldmedaille beim Qualitätswettbewerb des Fleischerverbandes Nordrhein-Westfalen. Für Bennitt (19) und Justin (8) steht außer Frage – „wir werden Bauer“. Schwester Luise (4) hingegen liebäugelt mit der Königin.

10 bis 15 Schweine pro Woche werden in der Kletzker Fleischerei geschlachtet und zu Wurst nach hausmacher Art verarbeitet. Die Tiere selbst kommen faktisch aus einem Stall um die Ecke. Denn im Lübzower Familienunternehmen Cord-Kruse werden die Ferkel geboren, aufgezogen und wenn sie die 150 Kilo erreicht haben, ihr Fleisch richtig ausgereift ist, wie der Schlachter sagt, dann werden sie in Kletzke geschlachtet und daraus Wurst gemacht. Im hauseigenen Laden und auf den Märkten, wo der Kletzker Fleischer regelmäßig vertreten ist, wissen die Kunden seine Produkte zu schätzen. „Da weiß man, wo es herkommt, was man kauft und was man hat“, bringt es die Oma des fünfjährigen Oskar aus Pritzwalk auf den Punkt.

Schier begeistert von dem Angebot, mal einen Einblick direkt in die Produktion zu bekommen, ist Manfred Gehrmann aus Weisen. „Das ist die beste Werbung für das Handwerk und das braucht sich wahrlich nicht zu verstecken.“

Seit nunmehr vier Generationen geht es bei den Hildebrandts im wahrsten Sinne des Wortes um die Wurst. Otto I., wie der Ururgroßvater des heutigen Inhabers in der Familie genannt wird, hatte sich 1891 in Kletzke niedergelassen. Als Viehhändler zog er durch die Orte und nebenbei produzierte er in der kleinen Scheune am Haus, die er für die Schlachtung und Verarbeitung herrichtete, in kleinen Mengen Hausgeschlachtetes, um über den Winter zu kommen. Schnell reichte der Platz nicht mehr, ein Haus wurde gebaut. Die Decke des Rohbau brach, Otto I. verunglückte dabei tödlich. Sohn Emil, gerade mal 18 Jahre alt, der im elterlichen Betrieb das Handwerk gelernt hatte, musste in des Vaters Fußstapfen treten. Anfang der 1950er Jahre übernahm dann dessen Sohn, Otto II., den elterlichen Betrieb. Selbst ging er da noch in der Lehre beim Perleberger Fleischer auf dem Großen Markt. Geselle und dann Fleischermeister – als solcher führte er mit seiner Frau Liesa und Angestellten bis 1991 die Kletzker Fleischerei. Kein leichtes Unterfangen bei der Kontingentierung zu DDR-Zeiten und den Druck im Nacken, sich einer PGH anzuschließen. Er hielt durch und sein Sohn Jürgen schickte sich an, es dem Vater gleich zu tun. 1982 begann er die Lehre bei Fleischermeister Vader, drei Jahre später stieg er in den elterlichen Betrieb ein. Inzwischen steht mit Marcus die nächste Generation zumindest in den Startlöchern. „Ich kann und will aber erst noch so manches von meinem Vater lernen“. Betriebswirtschaft hat der 29-Jährige studiert, macht jetzt noch seinen Master und parallel dazu eine Fleischerausbildung im elterlichen Betrieb. Eine spannende Konstellation, gesteht er.

Handwerk ist für Jürgen Hildebrandt Leidenschaft und von dieser ist auch sein Sohn beseelt. Am Sonnabend haben sie mit Erfolg versucht, dem Kunden zu demonstrieren, was Handwerk alles vermag. Und dazu hatten sie sich mit der Landbäckerei aus Krampfer, der Hofkäserei aus Ziegendorf und der Fischräucherei aus Quitzöbel praktisch Kollegen mit ins Boot geholt. Für Kurzweil und Spaß sorgten der 1. Prignitzer Klößchen-Drehwettbewerb, die Aktion in der Partyküche, der Theaterverein „Sagenhaft“ mit seinem Sketch, Hüpfburg und die Feuerwehr. Kurzum, jeder kam auf seine Kosten und viele hatten anschließend ganz schön schwer zu tragen.

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