Schwerin : Sein Kampf gegen den Zeitgeist

An dieser französischen Pendule von 1870 hat Uhrmacher Thomas Schrader zwei Wochenenden gesessen, um sie wieder gangbar zu machen. Der Schweriner hat viele seiner Kunden bereits überzeugt, nichts an Zeitmessern vorschnell wegzuwerfen.
An dieser französischen Pendule von 1870 hat Uhrmacher Thomas Schrader zwei Wochenenden gesessen, um sie wieder gangbar zu machen. Der Schweriner hat viele seiner Kunden bereits überzeugt, nichts an Zeitmessern vorschnell wegzuwerfen.

Uhrmacher Thomas Schrader bewahrt altes Handwerk und überzeugt auch junge Leute von der Technik.

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12. März 2018, 12:00 Uhr

„Bei allem technischen Fortschritt darf man nicht vergessen, die Vergangenheit zu bewahren“, sagt Thomas Schrader und schraubt mit Mini-Werkzeug am Inneren einer Armbanduhr, die Schrauben, Federn und Stege freigibt. Seine Arbeit verlangt Genauigkeit im Tausendstel-Bereich. Ein scharfes Auge sowie eine ruhige Hand. Und ganz viel Herzblut.

„Ich kann nichts wegschmeißen und gebe erst Ruhe, wenn eine Uhr wieder läuft, egal, wie groß oder klein sie ist“, betont der 56-Jährige, der das Handwerk noch zu DDR-Zeiten erlernt hat. Mit Argwohn beobachte er als Experte deshalb auch die Billigwaren-Flut aus Fernost. „Hier lässt die Qualität oft zu wünschen übrig, so dass es sich kaum lohnt, derartige Bling-Bling-Zeitmesser zu reparieren.“ Große Wunder oder gar eine Langlebigkeit dürfe man deshalb von in Asien produzierten Uhren auch nicht erwarten. „Als die ersten Uhren im 12. Jahrhundert erfunden worden sind, wurde bereits schon viel Wert auf die Langlebigkeit der Werke gesetzt.

Vor zwei Jahren hat sich der gebürtige Schweriner in der Goethestraße mit Geschäft und Werkstatt selbstständig gemacht. Und es geschafft, dass immer mehr seiner Kunden das Handwerkliche und die Werterhaltung schätzen. „Besonders zunehmend junge Leute ab 30 Jahren kommen zu mir und wollen alte Sachen restauriert haben. Sie bestehen auf das Original und keine Replikate.“ Sie erfreuten sich vor allem an einer sichtbaren Mechanik und dem Klang. „Eine Uhr wollen sie sehen, hören und spüren. Ich erzähle ihnen dann immer, dass es wichtig ist, Zeit erlebbar zu machen“, berichtet der Fachmann, der einen steigenden Trend zu alten Ruhla-Uhren, eine in der DDR begründete Marke, beobachte. „Die sind sehr begehrt, vor allem bei Sammlern. Aber auch bei Käufern, die die Schlichtheit und Verlässlichkeit schätzen“, so der Handwerker, der als Kind in einem magischen Zirkel gezaubert hat. „Zaubern muss ich heute auch oft, wenn beispielsweise einer Uhr Teile fehlen. So fertige ich Werkträger, Pendelaufhängungen sowie Schlagwerkteile selber. Je kniffliger eine Herausforderung , desto mehr knie ich mich da rein“, berichtet Thomas Schrader, dessen ganz großes Faible historische Uhren sind. So habe er zwei komplette Wochenenden damit verbracht, einer französischen Pendule aus der Zeit um 1870 wieder Leben einzuhauchen. „Dafür habe ich die über die Jahrhunderte verloren gegangenen Pendel neu angefertigt“, erklärt er, für den ein Geschäft ohne das Ticken der Uhren unvorstellbar sei. „Wenn es still um mich herum wäre, hätte ich den falschen Arbeitsplatz“, sagt Thomas Schrader und grinst dabei verschmitzt. Eben wie ein Lausbube, den man in einem Manne findet, der es gelernt hat, die Zeit zu schätzen. „Weil sie sich niemand kaufen kann. Sie behandelt alle gleich und bevorzugt keinen.“

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