Wangelin : Große Freude, riskantes Hörerlebnis

Stimmkino im Lehmhaus des Wangeliner Gartens: Almut Kühne und Gebhard Ullmann
Stimmkino im Lehmhaus des Wangeliner Gartens: Almut Kühne und Gebhard Ullmann

In der preisgekrönten Konzertreihe „Jenseits der Stille“ überzeugten Almut Kühne und Gebhard Ullmann

Avatar_prignitzer von
27. Januar 2020, 05:00 Uhr

Zweierlei gab es an diesem Abend zu hören. Zunächst einmal war es die Ansprache Warnfried Altmanns. Zur Erinnerung: Der Saxophonist und Wahlwangeliner ist der Patron der Konzertreihe „Jenseits der Stille“ im Lehmhaus des Wangeliner Gartens. Das andere war das Konzert des Duos Almut Kühne (Gesang) und Gebhard Ullmann (Tenorsaxophon, Bassklarinette).

Zum Ersten: Das Publikum erlebte einen vor Freude strahlenden Altmann. „Diese musikalische Reihe ist von höchster Stelle ausgezeichnet worden“, berichtet er in seiner Ansprache. Von bundesweit mehreren hundert Bewerbern wurden etwa sechzig mit dem „Applaus“ geehrt, einem Preis für unabhängige und nicht primär kommerziell orientierte Veranstalter aktueller Musik. Im Berliner Festsaal Kreuzberg überreichte die Bundeskulturbeauftragte Monika Grütters höchstselbst den „Applaus“ an die Wangeliner. Aus MV kam nur ein weiterer Gewinner. Die meisten Auszeichnungen gingen offenbar nach Berlin und Bayern.

Altmann mag Freude und Genugtuung angesichts dieser Ehrung seiner Arbeit empfunden haben. Denn ausgerechnet die freie Improvisationsmusik, die sich aus dem Free Jazz entwickelte, zum Programmschwerpunkt seiner Konzertreihe zu küren, war und ist ein Wagnis. Deshalb auch die Offenheit, mit der er vor dem Publikum gestand, wie traurig es ihn mache, dass nicht mehr Menschen die Konzerte besuchten.

Immerhin mischten sich am vergangenen Konzertabend auch unbekannte Gesichter unter die Gäste. Altmann freute es. Aber gerade sie waren nun aufgefordert, sich auf das einzulassen, was aus Erfahrung auch in der Szene selbst als riskantes Hörerlebnis bezeichnet wird. Denn die freie Improvisation führt auf den einfachen Klang zurück, auf ein Ur-Hörerlebnis, wenn man so will, jenseits der Harmonielehre, jenseits der Musikgeschichte. Das zimbelt, kracht, quietscht, rauscht, haucht, macht klingeling. Der Phantasie scheinen dabei keine Grenzen gesetzt.

Gebhard Ullmann kennt der Wangeliner Konzertorganisator seit Jahrzehnten aus seiner Magdeburger Veranstaltungreihe „Jazz in der Kammer“ und den von ihm organisierten Magdeburger Jazzfestival. Der groß gewachsene Musiker spielte lässig, locker und souverän mit seinen Instrumenten, der alte Jazzer aber schien immer noch präsent. Warum auch nicht? Längst sind Anklänge an konservativere Formen in der Szene nicht mehr verpönt. Aber erfüllte diese kammermusikalische Form der Improvisation, wie Altmann das Konzert nannte, den vielleicht wichtigsten Anspruch des Genres, nämlich Dialog zu sein? Dialog der Musiker, die in jedem Augenblick hochkonzentriert auf die Partner achten müssen? Die ausgebildete Sängerin Kühne zauberte im Höchstmaß saubere Klänge, ja, ein ganzes Stimmkino herbei, zeitweise mochte man sich in diese Klangwelt hineinlegen wie in den sinnlichen Genuss eines guten Essens. Quietschlaute, große Tonsprünge, plötzliche Wechsel in der Stimmfärbung. Ullmann aber hätte sensibler, innerlicher auf seine Partnerin eingehen können. Ganz entscheidend: Zu oft wurde die Stimmkunst der Sängerin von Saxophon oder Klarinette dominiert, dann waren die leisen, zarten Pastelltöne Almut Kühnes kaum noch zu hören. Gelohnt aber hat sich das Hörexperiment dennoch. Wir lauschten in jedem Fall sehr guten Musikern und einem Exempel der freien Improvisation. Das reine Klanghören, verriet die Sängerin im Gespräch, habe selbst sie erst erlernen müssen.



zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen