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Ernährungstrend : Hat der Babybrei ausgedient?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Empfehlung ist klar: Mit sechs Monaten bekommt das Baby Brei, ab einem Jahr festes Essen. Ein Ernährungstrend aber stellt die Weisheit auf den Kopf.

prignitzer.de von
erstellt am 17.Jun.2017 | 16:00 Uhr

Darf es ein Bissen weich gekochte Möhre sein? Oder doch etwas Omelett? Oder lieber ein Stück Fisch? Wer junge Eltern mit Baby bei den Mahlzeiten erlebt und dabei den üblichen Brei erwartet, dürfte sich mittlerweile häufiger mal wundern. Anstelle von püriertem Gemüse, das ab und an mit Fleisch oder Fisch angereichert und löffelweise an das Kind verfüttert wird, sucht sich das Kind selbstständig aus einem kleinen Angebot aus, was es gerne essen möchte. Mit der Hand darf es das Essen ertasten und ausprobieren und das Brokkoli-Röschen selbstständig in den Mund schieben.

Anhänger des britischen Ernährungstrends Baby-led weaning – zu Deutsch „babygesteuertes Abstillen“ – lassen das Kind selbst bestimmen, wann es welche Lebensmittel zum ersten Mal ausprobiert. Dabei wisse es instinktiv, welche Nährstoffe ihm gerade fehlen, so die These. Wenn es nicht mehr essen möchte, kann es seinen restlichen Hunger mit Muttermilch oder Milchflasche stillen.

Hebammen bieten spezielle Kurse an, in zahlreichen Internetforen werden Tipps zum Fingerfood für Babys ausgetauscht. So sollte das Baby Interesse an Lebensmitteln zeigen, die Nahrung selbst zum Mund führen und mit wenig Unterstützung eigenständig sitzen können. Auch der Zungenstreckreflex, mit dem feste Nahrung wieder aus dem Mund befördert wird, sollte verschwunden oder zumindest stark abgeschwächt sein. Meist sind Kinder mit etwa sechs Monaten reif genug, um Beikost aufzunehmen. Zudem sollte das Essen in handliche Größe geschnitten sein – ein Stück Brokkoli, ein Stück Kohlrabi und Kartoffel böten eine gute Basis.

Doch das Ernährungskonzept ist umstritten. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte lehnt es ab. Für eine gute Versorgung sei ein ausgewogenes Nahrungsmittelangebot wichtig, sagt Bundessprecher Herrmann Josef Kahl. „Dieses kann bei Säuglingen, die von der ,Hand in den Mund’ leben, auf der Strecke bleiben.“ Ein Mangel könne zum Beispiel bei Eisen entstehen, denn schon kurze Zeit nach dem Abstillen sei der Eisenspeicher des Kindes praktisch leer. „Wenn das Kind dann nur an einem Stück Fleisch saugt, bekommt es kaum Eisen“, warnt der Kinderarzt. Zudem hätten motorisch ungeschickte Kinder das Nachsehen. Wer das Brokkoliröschen alleine kaum in den Mund geschoben bekommt, esse unter Umständen weniger als er eigentlich bräuchte, um satt zu werden. Außerdem bestehe die Gefahr, sich zu verschlucken.

Der deutsche Hebammenverband kann die Ängste nicht nachvollziehen. Wenn die Hinweise ausreichend beachtet werden, sei das Risiko, dass sich das Kind verschluckt, nicht höher als bei anderen Methoden auch. In der Wissenschaft ist man unentschieden. So fanden Forscher der Universität von Nottingham heraus, dass Baby-led Weaning zu gesünderen Essgewohnheiten führt und die Kinder später seltener unter Übergewicht leiden als jene, die konventionell mit Brei gefüttert wurden. Eine Untersuchung der Universität von Glasgow wiederum ergab, dass diese Beikostform zu Mangelerscheinungen führen könne.

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