Multiresistenzen : Gefahren von Antibiotika

Nützlich, aber mit Vorsicht zu genießen: Bei der Einnahme von Antibiotika gibt es einiges zu beachten.
Nützlich, aber mit Vorsicht zu genießen: Bei der Einnahme von Antibiotika gibt es einiges zu beachten.

Zu lange Medikamenteneinnahme kann Risiken bergen – Reste sollten zurück in die Apotheke

prignitzer.de von
08. Januar 2018, 21:00 Uhr

Immer mehr Bakterien entwickeln sogenannte Multiresistenzen: Sie reagieren nicht mehr auf Antibiotika. Einige Mikrobiologen und Mediziner warnen sogar, dass eine „postantibiotische Ära“ begonnen habe.

Als eine der Strategien gegen das Multiresistenzproblem galt bisher, dass die Patienten ihre Antibiotikum-Packung restlos aufbrauchen. Als Erklärung wird meist angeführt, dass sich nur durch diese Konsequenz der Infekt komplett besiegen ließe und kein Keim übrig bliebe, der seine Resistenzen an seine Nachkommen weitergeben könnte.

Das klingt zunächst durchaus logisch. „Tatsächlich jedoch handelt es sich bei der Packungsgröße des Antibiotikums um eine Konfektionierung, die sich nicht mit dem individuellen Bedarf decken muss“, sagt der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie, Gerd Fätkenheuer. Es gebe nicht wenige bakterielle Erkrankungen, die schon nach wenigen Tabletten besiegt seien. „Bei einer unkomplizierten Harnwegsinfektion kann es sogar ausreichen, das Medikament nur einen Tag lang einzunehmen.“

Ein Antibiotikum bis zur letzten Einheit zu leeren kann also weit über das Ziel hinausgehen. Darüber hinaus fördert diese Strategie sogar die Ausbildung von Resistenzen, anstatt sie einzudämmen. „Denn ein Antibiotikum wirkt ja nicht nur auf das Bakterium, das man eliminieren will“, so Fätkenheuer, „sondern auch auf viele andere Erreger.“

Wenn also etwa Streptokokken bei einem Patienten zur Mandelentzündung geführt haben, gibt man ihm dagegen ein Antibiotikum wie etwa Penicillin. Doch dieses Medikament wirkt eben auch auf diverse andere Bakterienstämme, die etwa im Darm oder auf der Haut sitzen und sich davon weniger beeindrucken lassen. Im Gegenteil: Sie werden unter dem selektiven Druck der Antibiotika sogar immer robuster. Denn ein Teil von ihnen überlebt die medikamentöse Attacke und gibt das „genetische Wissen“ dazu an die Nachkommen weiter, was naturgemäß umso qualifizierter ist, je länger die Therapie gedauert hat. Was im Falle der Halsentzündung bedeuten könnte, dass man zwar die Streptokokken eliminiert, doch dafür andere multiresistente Bakterienstämme aufgebaut hat, die nicht nur für den Patienten, sondern auch für Menschen in seiner Umgebung zum Problem werden können.

Auch die ausgeklügelte Balance der Darmflora geht mit der längeren Einnahme von Antibiotika verloren. Bakterienstämme wie die Bacteroidetes, Firmicutes und Proteobacteria gehen zurück, und ihr Platz wird von Arten wie den Fusobacteriae übernommen, was laut einer aktuellen US-Studie das Risiko von Darmkrebs steigen lässt. Die Forscher um Andrew Chan vom Massachusetts General Hospital in Boston werteten das Darmkrebs-Screening und die Arzneimitteleinnahme von mehr als 16 500 Krankenschwestern aus und stellten dabei fest, dass bei denen, die über zwei Monate oder länger Antibiotika erhalten hatten, zu 36 Prozent häufiger Darmpolypen entdeckt wurden als bei Frauen, die in dieser Zeit keine Antibiotika eingenommen hatten.

Fätkenheuer warnt jedoch die Patienten vor dem eigenmächtigen Absetzen des Medikaments, wenn sie glauben, dass der Keim besiegt ist. „Und es gibt auch keine pauschale Faustregeln für die Einnahme, die zur verlässlichen Orientierung taugen würden“, so der Infektologe. Patienten und Ärzte sind vielmehr gefordert, flexibel auf den Verlauf von Behandlung und Erkrankung zu reagieren. Der Arzt könne sich in seiner Einschätzung durch einen Bluttest helfen lassen, bei dem Procalcitonin (PCT) gemessen wird, die Vorstufe des Schilddrüsenhormons Calcitonin.

Bei Gesunden ist sie kaum oder gar nicht nachweisbar, doch ihr Wert geht steil nach oben, wenn durch bakterielle Gifte nicht nur die Schilddrüse, sondern auch Leber- und Fettzellen angeregt werden, das Vor-Hormon auszuschütten. Wissenschaftler der Universität Basel haben jetzt die wissenschaftliche Datenlage zu dem PCT-Test ausgewertet und kommen dabei zu dem Schluss, dass er eine Antibiotika-Therapie um rund 30 Prozent verkürzen kann. „Ärzte können eine erfolgreiche Behandlung schneller gefahrlos stoppen, wenn in ihre Bewertung auch die Kenntnis des PCT-Wertes einfließt“, resümiert Studienautor Philipp Schütz vom Kantonsspital Aarau in der Schweiz. Fätkenheuer hält diese Einschätzung allerdings „für ein bisschen zu optimistisch“.

Doch egal, ob mit PCT-Test oder ohne – sofern ein Antibiotikum frühzeitig abgesetzt wird, sollte man den Rest nicht aufbewahren, sondern in der Apotheke zurückgeben. „Wenn es eine Grundregel für die Anwendung von Antibiotika gibt“, sagt Fätkenheuer, „dann die, dass ein Patient sie niemals von sich aus einnehmen sollte.“ Denn er wählt dann möglicherweise ein falsches Mittel für seine Krankheit – und das ist noch viel gefährlicher, als dass man ein richtiges Mittel zu lange einnimmt.

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