LEBE!MANN : Heimat auf dem Meer

Die Korvette Magdeburg
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Die Korvette Magdeburg

Ein Tag auf der Korvette Magdeburg

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26. August 2019, 15:38 Uhr

Wie ist es auf einem Schiff zu leben? Wie läuft der Tag als Mitglied einer Schiffsbesatzung ab? Ich wollte Antworten auf diese Fragen finden und durfte dafür einen Tag auf der Korvette Magdeburg mitfahren. Oberbootsmann Sean David Krischollek nahm mich mit durch die verwirrenden Gänge des Schiffes und erzählte mir, was ihn auf rauer See von anderen Besatzungsmitgliedern unterscheidet.

Der Himmel ist bedeckt und grau, als ich den langen Steg des Bundeswehrstützpunktes in Eckernförde entlang laufe. Es ist früh. Zu früh für mich. Auf der Korvette Magdeburg, die am Ende des steinernen Steges im Wasser liegt, herrscht reges Treiben. Unsicher, ob ich einfach so an Bord darf oder nicht, bleibe ich vor dem Schiff stehen. Während ich warte, wird mir die Größe der Korvette erst richtig bewusst. Unmengen an Stahl, die seelenruhig im Wasser liegen. Bedrohlich und gleichzeitig anmutig.

„Kann man ihnen helfen?“, fragt ein Mitglied der Besatzung. Nach einer kurzen Erklärung meines Anliegens darf ich an Bord kommen. Eine Sicherheitseinweisung später, erwartet mich auch schon mein Gesprächspartner. Sean David Krischollek, 28 Jahre, Oberbootsmann und Elektrotechnik-Meister. „Mich findet man im Keller“, scherzt er, als er kurz über seinen Arbeitsbereich spricht. „Ohne mich fahren die hier aber keinen Meter.“ Mit seinen beiden Unteroffizieren ist der gebürtige Schweriner für die gesamte Elektronik des Schiffes verantwortlich. Über seinen Bildschirm steuert er die Energie für die vier Diesel- und zwei E-Motoren. Jeder einzelne der Dieselmotoren hat 10.000 PS und das spürt und hört man trotz des Ohrenschutzes auch, als wir zusammen davor stehen. Sean Krischollek zählt zur Bravo Besatzung der Korvette Magdeburg, die ihren Namen durch eine übernommene Patenschaft der hiesigen Stadt trägt. Der ursprüngliche Heimathafen ist Rostock, aber heute findet ein Manöver in der Eckernförder Bucht statt. Nachdem wir das Ablegen an Deck verfolgt haben, geht es in den Innenraum der Korvette. Wir öffnen eine Vielzahl von Türen und schnell bin ich mir nicht mehr ganz sicher, wo im Schiff ich mich überhaupt befinde. Neben seiner Tätigkeit als E-Meister ist der Oberbootsmann Unfallbeauftragter. „Jedes der rund 60 Besatzungsmitglieder hat mehrere Aufgaben, ansonsten würden nicht alle Positionen besetzt sein.“ So sind die Köche auch als Sanitäter ausgebildet.

Sean Krischollek zeigt mir zunächst die Messen – Die Aufenthaltsräume der Besatzung. Sie sind streng nach Dienstgrad unterteilt. Es ist ruhig, die Sitze sind bequem und an den Wänden hängt eine Vielzahl von Abzeichen anderer Nationen, die sie bei gemeinsamen Manövern geschenkt bekommen haben. Ein Fernseher hängt an der Wand, darunter steht eine Kaffeemaschine und der Kühlschrank ist bestens gefüllt. Hier lässt sich Zeit verbringen. Muss die Besatzung gezwungenermaßen auch. Im Einsatz sind sie mitunter vier bis fünf Monate unterwegs. So auch in diesem September, wenn die Korvette wieder aufbricht, um an der Küste des Libanon zu patrouillieren. Seine Partnerin wird er in der Zeit nicht sehen, außer wenn es an Weihnachten oder Silvester zu Familienzusammenführungen kommt. „Da braucht man natürlich eine starke Familie, die das mitmacht. Aber dieses Glück habe ich.“ So positiv läuft es aber nicht bei jedem. „Bei der Marine gibt es die höchste Scheidungsrate.“ Gänzlich getrennt von ihren Familien ist die Besatzung aber nicht. „Wir haben hier an Bord ein eigenes Netzwerk, mit dem wir Kontakt zu Freunden und zur Familie aufnehmen können.“ Sonderlich viel Zeit bleibt dafür aber nicht. Mir fallen die Abzeichen auf den Hemdsärmeln von E-Meister Sean Krischollek auf. Auf dem linken ist die Nintendo Figur Mario zu sehen. Er erklärt mir, dass es Brauch ist, sich diese Abzeichen selber designen zu dürfen. Und alle Heizer, zu denen er gehört, haben sich für Mario mit Blitz und Schraubenschlüssel entschieden. Im Laufe des Tages entdecke ich noch Tingel-Tangel-Bob aus den Simpsons auf den Armen anderer Besatzungsmitglieder. Auch das Abzeichen auf seinem rechten Arm hat eine besondere Bedeutung. Unter einem Bild der Korvette steht der Spruch: „Wir schaukeln das schon. “Eine Anspielung auf das starke Schwanken des Schiff es, wenn rauer Seegang herrscht. „Fast alle werden dann seekrank.

Ich bleibe da zum Glück von verschont“, erklärt er mir. Jede Menge Strapazen also, bei denen es die Besatzung trotzdem schaff t, freundlich miteinander umzugehen. „Wir haben hier schon ein gutes familiäres Verhältnis und das ist auch extrem wichtig, wenn du fünf Monate auf demselben Schiff leben willst“, berichtet der Oberbootsmann.

Der 28-jährige hatte die Möglichkeit so jung zum E-Meister der Korvette zu werden, weil er durch seine Ausbildung zum Elektroniker für Energiegebäudetechnik einen großen Mehrwert mitbrachte. Ursprünglich wollte er zur Luftwaffe, entdeckte dann aber seine Leidenschaft zur See. „Natürlich fahre ich auch heute noch gerne zur See“, versichert er mir. Überrascht bin ich von der Aussage, dass die Einsätze an den Küsten dieser Welt das Schönste seien, obwohl er monatelang nicht zu Hause ist. „Das ganze Üben ist natürlich wichtig und notwendig, aber die UNIFIL Einsätze sind so routiniert, dass man in der Zeit auch etwas für sich tun kann.“ Dazu zählt körperliche Ertüchtigung im Sportraum oder einfach mal an Land zu gehen.

Nichtsdestotrotz ist die Freude auf die Heimat natürlich immer riesig. Nachdem das Schiff final festgemacht, die Besatzungsmusterung abgeschlossen und das Einlaufbier ausgetrunken wurde, verschwinden alle in den Urlaub. Den gestaltet jedes Besatzungsmitglied ganz anders. Oberbootsmann Sean David Krischollek freut sich schon auf zwei Wochen in Ägypten. „Einfach ein bisschen tauchen und entspannen.“ Auch im Urlaub kann er also nicht ganz ohne das Meer.

UNIFIL: United Nations Interim Force in Lebanon
Die UNIFIL Einsätze dienen der Ausbildung der libanesischen Seestreitkräfte und der Überwachung des Schiffsverkehrs im östlichen Mittelmeer.

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