LEBE!MANN : Sekundenglück

Für 50 Sekunden im freien Fall
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Für 50 Sekunden im freien Fall

Im Freifall beim Tandemfallschirmspringen legt man etwa 2.500 Meter in 50 Sekunden zurück. Ein Gefühl grenzenloser Freiheit.

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26. August 2019, 15:39 Uhr

Im Freifall beim Tandemfallschirmspringen legt man etwa 2.500 Meter in 50 Sekunden zurück. Das entspricht einer Fallgeschwindigkeit von 200km/h, 35 Meter pro Sekunde. Ein Gefühl grenzenloser Freiheit. Mut, Stolz, Kribbeln, Lachen und reine Freude. Ein Tandemfallschirmsprung ist vieles, aber niemals gewöhnlich.

Ich neige dazu, ein großes Mundwerk zu haben. Aber im Grunde genommen bin ich oft ein Angsthase. Am liebsten plane ich im Vorfeld genau, wie etwas abzulaufen hat. Ich bin gern vorbereitet und weiß, was im nächsten Moment passiert. Als es hieß, für die nächste Ausgabe des LEBE!MANNs machen wir einen Erfahrungsbericht zum Thema Tandemfallschirmsprung, habe ich sofort: „Hier, ich!“ geschrien. Ich rede schon ewig davon, einmal aus einem Flugzeug zu „springen“. Abends zu Hause dachte ich dann nur: „Was hast du dir da wieder eingebrockt? Bist du noch zu retten?“ Aber gut, kneifen ist auch nicht meine Art. Also hopp.

Es ist ein sonniger Tag im Juli, als ich mich auf den Weg zum Flugplatz in Neustadt-Glewe mache. Nach Außen wirke ich ruhig, im Inneren kribbelt es gewaltig. Mir ist zwar nicht flau im Magen, aber im Nachhinein glaube ich, lag es daran, dass ich mich mit Arbeit ablenken konnte. Auf dem Gelände angekommen lerne ich Axel Gotsche kennen, Mitglied im Fallschirmsportclub Neustadt-Glewe und ein wahrer Multiplikator, wie ich im Laufe des Tages lerne. Er ist wie ein Duracellhase. Stillstand ist ein Fremdwort für ihn.

Ein faszinierender Sport!

Axel führt mich über das Gelände, stellt mich Allen vor und zeigt mir den Flugplatz. Weil in diesen Tagen das AirBeat One Festival stattfindet, werden wir später auf dem Flugplatz in Parchim starten, aber hier in Neustadt-Glewe landen. Bis dahin ist aber noch Zeit. Ich soll in der dritten Gruppe des Tages springen. Genug Zeit mich einmal genau umzuschauen bzw. umzuhören. Ich will wissen was Menschen an diesem Sport fasziniert! Die Antworten sind im Tenor alle gleich: Es ist einfach einmalig krass/geil. Aber ein gewisser Dachschaden gehört auch dazu, und dieser Kommentar stammt nicht von mir, möchte ich an dieser Stelle anmerken. Fallschirmspringen verbindet technische und sportliche Elemente auf eine ganz besondere Art und Weise. Hinzu kommt die mentale Komponente, der Kick, den auch alte Hasen mit über 1.000 Sprüngen immer wieder erleben.

Meine Nervosität steigt. Ich versuche sie wegzuatmen. Klappt eher mäßig. Je näher mein Absprung rückt, desto ruhiger werde ich nach außen und mein Kopf fängt an Ping Pong zu spielen. Reiß dich zusammen Moni. Dann ist es soweit, meine Gruppe ist dran. Endlich erfahre ich, mit welchem Tandemmaster ich springen werde. Und den Hauptgewinn meiner charmanten, nervösen Erscheinung/ Begleitung hat gewonnen: Sascha Weiß. Ja aber wo ist er? Noch kurz auf der Toilette. Na das geht ja gut los. Und dann kommt er strahlend auf mich zu. Eine Frohnatur wie sie im Buche steht. Da ich im Vorfeld schon alle Tandemmaster mit ihren Schützlingen beobachten konnte, bin ich froh über mein Los. Sascha macht einen tiefenentspannten und sehr herzlichen und offenen Eindruck auf mich. Außerdem hat er schon zwei Verrückte vor mir heil auf die Erde zurück gebracht, dann wird er das mit mir ja auch hinkriegen. Im Nachhinein erfahre ich, dass mein Tandemmaster mit seinen 32 Jahren bereits deutscher Meister im Freestyle ist und seit achteinhalb Jahren hauptberuflich als Tandemmaster und Ausbilder arbeitet. Ich bin also in den besten Händen.

Nachdem wir uns kennengelernt haben, beginnt auch schon die Einweisung. Zuerst muss ich in einen unglaublich modischen und vorteilhaft en Einteiler schlüpfen. Ich werfe meine Eitelkeiten über Bord. Als nächstes erklärt er mir Schritt für Schritt, was uns bevorsteht. Mein Gehirn merkt sich Kopf auf die Schulter, vorne festhalten und genießen. Den Rest will er übernehmen. Na gut. Das bekomme ich doch bestimmt hin. Ach und bitte bei der Landung nicht vergessen die Beine zu heben. Ok. Das sollte doch auch noch machbar sein.

Also auf zum Flugzeug nach Parchim. Auf der Fahrt ist die Anspannung im Bus spürbar. Die alten Hasen sind gutgelaunt und lachen, wir Fußgänger sind geringfügig angespannter. Die Tandemmaster sprechen mit ihren Schützlingen, machen ihnen Mut und lenken sie ab. An ihnen sind wahre Psychologen verloren gegangen, schaffen sie es doch, dass wir unser Leben nach so kurzer Zeit in ihre Hände legen. Komischer Weise mit einem sehr positiven Gefühl. Und dann steht sie da, unsere Propellermaschine, die uns in elf Minuten auf 4.000 Meter bringen wird.

Eingekeilt wie Sardinen sitzen wir breitbeinig auf dem Boden des Flugzeugs. Nun gibt es kein Zurück mehr, denke ich als wir starten. Kurioser Weise freue ich mich darüber. Sascha geht mit mir erneut alle Schritte des Tandemsprungs durch. Noch zwei Minuten. Ich setze Kappe und Sprungbrille auf. Sascha schnallt mich an sich. Zwischen uns gibt es nun keinen Abstand mehr. Wir sind mehrfach gesichert, miteinander verbunden, eine Einheit. Kurz vor dem Absprung klatschen dann alle miteinander ab. Diese Haudegen strahlen vor Freude und auch das beruhigt mich. Nach den Solospringern sind wir die ersten, die springen sollen. Sascha deutet auf seinen Höhenmesser – 4.000 Meter. Das Rolltor der Cessna wird geöffnet. Ein letztes Grinsen auf den Gesichtern der Solospringer und - hopp - weg sind sie. Wir sind dran. Ich setzte mich auf Saschas Schoß und er rutscht nach vorn zur offenen Tür. Also gut: Festhalten, Beine unters Flugzeug, Kopf auf die Schulter. Sascha springt. Wir fallen.

Mein Körper stößt Adrenalin aus. Ich lache wie ein Kugelfisch mit aufgeblähten Backen, kann nicht aufhören. Ich kann den Freifall wahrnehmen und genießen, will die Augen nicht schließen, sondern diese Momente aufsaugen und auf meine Netzhaut brennen. Wie geil ist das denn bitte. Sascha hält den Daumen hoch. Die Frage an mich, wie es mir geht? Ganz klar Daumen hoch. MEGA! Ich kann nicht aufhören zu lachen. Mein Herz schwappt vor Freude über. Wir fallen durch ein Meer von Wolken und ich sehe die Erde. Was für ein Ausblick. 50 Sekunden dauert dieses Sekundenglück des Freifalls an. Bei 1.500 Meter zieht Sascha den Hauptschirm. Der Entfaltungsvorgang dauert drei Sekunden und etwa 300 Höhenmeter. Nun können wir uns auch wieder unterhalten. „Und?“ Was soll ich sagen? Ich bin unermesslich stolz auf mich und meinen Mut. Das ich in diese Propellermaschine gestiegen bin, um sie in 4.000 Metern Höhe wieder zu verlassen.

Noch jetzt, Tage nachdem ich dieses Erlebnis hinter mir habe, durchfährt mich Adrenalin, wenn ich darüber nachdenke und ich muss grinsen. Noch immer kann ich die Augen schließen, erlebe den Moment des freien Fallens und spüre, wie mein Puls beschleunigt. Ich bin trunken vor Glücksgefühl. Mein Fazit? Der Kopf ist völlig frei, purer Genuss. Reine Freude. Sekundenglück.

Prädikat: Unbedingt selbst ausprobieren!

Fallschirmsportclub Mecklenburg e.V.
Flugplatz Neustadt-Glewe
https://www.skydive-mv.de/
Tandemsprünge sind von April bis Oktober buchbar. Springerische Highlights sind auch 2020 wieder das Airbeat One und Usedom Boogie.

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