LEBE!MANN : Spuren im Raum

Anton Shults mit Hung-Wen Mischnick in 'Der Messias'
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Anton Shults mit Hung-Wen Mischnick in "Der Messias"

Anton Shults ist Tänzer am Volkstheater Rostock. Geboren in Russland, ist er über die Palucca Hochschule für Tanz in Dresden in die Hansestadt gekommen.

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26. August 2019, 15:39 Uhr

Seit fünf Jahren hat der humorvolle Vater eines zweijährigen Sohnes im Volkstheater ein festes Engagement. Rostock ist für ihn ein zweites zu Hause geworden. In der Tanzcompagnie hat Anton seine Frau Natalie kennen und lieben gelernt, konnte erste Erfahrung als Choreograf sammeln und schon bei unzähligen Produktionen auf der Bühne sein Können als Tänzer und Darsteller beweisen. Ein anderer Beruf kam für ihn nie in Frage.

Es ist ein warmer Freitagabend im Juli. Ein Gong ertönt und das wartende Publikum strömt in die Halle 207 am Rostocker Stadthafen – die Sommerspielstätte des Volkstheaters Rostock. Gleich soll sie beginnen, die Rhythm-and-Blues-Revue „Blues Brothers“. Mit dem dritten Gong leert sich der Vorplatz zusehends und ich erblicke die Tänzer, die ich zwei Tage zuvor noch beim Training im Rostocker Volkstheater beobachten durfte. Wie auch die anderen Gäste erklimmen sie die Stufen der Halle 207 und nehmen Platz. Anton sitzt zwei Reihen vor mir, sodass ich ihn gut beobachten kann. Das Licht geht aus und das Stück beginnt. Schnell verliere ich mich darin und werde erst wieder auf meine Umgebung aufmerksam, als zwei Reihen vor mir ein junger Mann im rot/ schwarzen Hemd im Sitzen zu klatschen und schunkeln beginnt. In einem Norddeutschen Theater, selbst bei einem musikalischem Stück wie diesem, ein eher ungewöhnlicher Anblick. Aber richtig, das ist ja Anton. Im nächsten Moment springt er auf und ist Sekunden später bei seinen Kollegen auf der Bühne, in seinem Element. Die nächsten zweieinhalb Stunden vergehen wie im Fluge. Ich bin begeistert und verlasse lächelnd die Halle 207. Wieviel Arbeit in solch einer Produktion steckt, habe ich fast vergessen.

Zwei Tage zuvor, Mittwochmorgen, kurz vor 10 Uhr. Der Ballettsaal füllt sich. Es herrscht eine ausgelassene und entspannte Stimmung. Die Tänzer dehnen und verrenken sich, wärmen sich auf. Dann betreten Trainingsleiterin Katja Taranu und Korrepetitor Ralph Zedler den Raum. Das Tagewerk kann beginnen. Fünf Tage die Woche, von 10 bis 11:30 Uhr wird trainiert. Anschließend wird bis 17 Uhr hart geprobt, Choreographien werden erarbeitet, Schritte und Hebungen perfektioniert, außer sie haben abends Vorstellung, dann verkürzen sich die Zeiten am Vormittag. Die neun Tänzer des Volkstheaters beherbergen sechs Nationen in ihren Reihen. So ist es nicht verwunderlich, dass die Sprache im Raum eine Mischung aus Englisch und Deutsch ist. Die mobilen Ballettstangen werden in die Mitte des Raums gerollt und los geht’s. Plié, Tendu, Fondu, Cloche, Dégagé – die Worte fliegen durch den Saal und die Tänzer reagieren ohne mit der Wimper zu zucken. Es ist eine eigene Sprache, die hier gesprochen wird. Beeindruckend. Mir schwirrt schon jetzt der Kopf.  Anton und Natalie erklären mir später, dass das Training an der Stange mit den Pliés in den fünf verschiedenen Positionen und verschiedenen Grundformen begonnen hat. Dabei kann jeder Tänzer seinen eigenen Fokus legen, erklärt Anton: „Wir unterscheiden uns sehr stark von klassischen Balletttänzern. Unser Umgang im Tanz ist, was Körper und Physis anbelangt, ein gesünderer. Wir achten viel darauf, wie es sich anfühlt und hören auf unsere Körper. Es geht nicht darum, schön auszusehen und seinem Körper dabei zu schaden.“ Klingt vollkommen logisch und ist dennoch nicht selbstverständlich in der Tanzwelt. Was professionelle Tänzer jedoch meist gemein haben, ist das frühe Eintrittsalter in diese Kunst. Anton hat mit drei Jahren begonnen zu tanzen. „Angefangen habe ich mit Standardtanz für Kinder, dann kamen Hip Hop, Jazz und andere Tanz-Stile in mein Leben. Und später durch meine Mutter auch der Zeitgenössische Tanz.“ Die Leidenschaft für den Tanz liegt bei Anton in der Familie. Sein Vater ist Tanzlehrer und seine Mutter Choreografin, seine Großmutter war ebenfalls Tanzlehrerin und sein Onkel ein Breakdancer. Da ist sein Werdegang nicht verwunderlich.

Mit 17 kam Anton nach Deutschland. Seiner Mutter wurde 2008 für Anton die Palucca Hochschule für Tanz in Dresden empfohlen, welche selbst in internationalen Kreisen sehr bekannt ist. 2010 wurde er dann zur Aufnahmeprüfung eingeladen. „Das war dann schon seltsam, weil uns im Vorfeld gesagt wurde, dass diese Schule größtenteils zeitgenössisch arbeitet. Für mich war es sehr schockierend und überraschend, dort auf so viele Balletttänzer in diesen engen Strumpfhosen zu treffen. Ich dachte nur, jetzt kannst du auch gleich die Koffer packen und nach Hause fliegen. Ich hatte bis dato, überhaupt keinen Balletthintergrund, null.“ Für russische Tänzer ein ungewöhnlicher Fakt, muss man doch als erstes an das Bolschoi oder andere große Bühnen denken. „Wo ich schon einmal da war, konnte ich ja auch vortanzen. Es einfach probieren. Ich glaube im Nachhinein, dass ich sie mit meinem Ausdruck im Zeitgenössischen Tanz beeindruckt habe. Und auf irgendeine Weise habe ich sie bestimmt auch mit meinen nicht vorhandenen Ballettkünsten verblüfft.“ Er lacht. Die Palucca Schule entschied Anton für ein Jahr als Gaststudent aufzunehmen, um seine Ballettfähigkeiten aufzubauen. „Im ersten Jahr hatte ich acht Ballettklassen pro Woche. Und Woche meint in dem Zusammenhang Montag bis Freitag. Das war wirklich schmerzhaft.“ Anton blieb an der Schule und machte dort seinen Bachelor. „Palucca war nicht so zeitgenössisch wie ich dachte, aber die Schule bietet eine gute Balance zwischen zeitgenössischem und klassischem Tanz an. So etwas kannst du in Russland einfach nicht finden. Wenn man in Russland professionellen Tanz studieren möchte, gibt es hauptsächlich klassische Ausbildungen, da der zeitgenössische Tanz noch nicht so weit entwickelt ist, wie in Europa. In Russland gibt es hauptsächlich Ballett.“

Nach seinem Studium führte ihn sein Weg nach Rostock. In der Hansestadt ist er seit fünf Jahren und hat bereits in vielen Produktionen mitgetanzt. Außerdem konnte er sich als Choreograf in dem Stück „Herz. Stand. Still“ beweisen. Hier choreografierte Anton einen eigenständigen Teil nach einem Werk von Edgar Allan Poe. „Für mich war das eine besondere Erfahrung. Mein Stück hinter der Bühne zu beobachten, dem Publikum zu lauschen, ihnen zuzuhören und zu sehen, wie sie reagieren. Das Beste war die Stille. Es wurde dunkel und das Publikum hielt inne. Dann ging das Licht wieder an und noch immer waren die Zuschauer mucksmäuschenstill. Ich hatte mein Ziel erreicht, sie reflektierten. Ich habe ihnen etwas gegeben, worüber sie nachdenken.“

Anton wird bald 26. Noch kann er auf der Bühne stehen und tanzen. Was die Zukunft bringt, weiß niemand zu sagen. Aber schon jetzt unterrichtet der humorvolle Familienvater Rostocker Tanzbegeisterte in Jazz Dance. „Ganz langsam spüre ich, wie sich meine Leidenschaft im Tanz zum Unterrichten und Choreografieren verlagert. Ich merke einfach, dass ich das, was ich in den letzten 20 Jahren gelernt habe, weitergeben möchte.“ Wann es jedoch soweit sein wird, steht in den Sternen. Schließlich gibt es auch Tänzer, die mit 50 oder 60 noch auf der Bühne stehen. Dem Publikum des Volkstheater Rostock wäre es jedenfalls zu wünschen, dass sie sich an den Tanztheater- Stücken mit und von Anton Shults noch lange erfreuen können.

Anton Shults´ nächste Premiere mit der Tanzcompagnie ist der „Der Garten der Lüste“, ein Tanztheater nach Hieronymus Bosch. Die Premiere findet am 2.11.2019 im Großen Haus des Volkstheaters Rostock statt.

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