Neubabelsberg : In den Villen der Alliierten

Sich einfach mal treiben lassen: Villen gibt es am drei Kilometer langen Griebnitzsee einige. Entdecken kann man sie unter anderem mit einem Hausboot. ⋌ Foto: Oliver Gerhard/SRT
Sich einfach mal treiben lassen: Villen gibt es am drei Kilometer langen Griebnitzsee einige. Entdecken kann man sie unter anderem mit einem Hausboot. ⋌ Foto: Oliver Gerhard/SRT

Eine geführte Tour folgt den Spuren von Truman, Stalin und Churchill in Potsdam

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05. April 2020, 05:00 Uhr

Ein Hausboot fährt Schlangenlinien. Jachten schippern vorbei. Laut schallt die Stimme eines Kanutrainers über das Wasser. Dichte Wälder säumen den drei Kilometer langen Griebnitzsee auf der Berliner Seite; am Potsdamer Ufer schimmern Villen zwischen hohen Bäumen hindurch. Ein Postkartenidyll! Und ein Bild, das bis zum Mauerfall undenkbar schien: Die Villenkolonie Neubabelsberg war Sperrgebiet, der Zugang zum See durch Mauern und Zäune abgeriegelt.

„Beverly Hills vom Griebnitzsee“

„Die meisten Spuren aus Mauerzeiten sind inzwischen verschwunden, aber die Reste kann ich euch noch zeigen“, sagt Robert Freimark, der Guide einer Radtour durch das Viertel. Sein Markenzeichen ist die Farbe Blau. Mit seinem leuchtend blauen Rad, blauen Satteltaschen, blauem Shirt, blauen Schuhen und blauem Helm wird ihn die Gruppe nicht aus den Augen verlieren. Es geht durch das „Beverly Hills vom Griebnitzsee“.

Unterbrochen von DDR-Zeiten, lebten hier immer die Reichen und Prominenten: Sportler wie Max Schmeling, Filmstars wie Lilian Harvey, Industriebosse wie Günther Quandt, Schriftsteller wie Erich Kästner und Politiker wie Konrad Adenauer, der in der Siedlung elf Monate lang die Wirren nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten aussaß.

Die Geschichte der Siedlung begann 1874 mit dem Bau der ersten Sommerhäuser auf dem Gelände einer kaiserlichen Maulbeerplantage: zweistöckige Villen mit Gärten zum See und privaten Bootshäusern. Nicht nur die Natur war damals ein Verkaufsargument: „Wenn man hier als Großindustrieller, Künstler oder Militär lebte, hatte man immer auch Kontakt mit Seiner Majestät“, sagt Freimark.

Schließlich kam Kaiser Wilhelm in seiner Kutsche durch, wenn er ins Neue Palais oder nach Berlin unterwegs war.

Fast alle historischen Gebäude sind saniert

Gemächlich radelt die Gruppe durch die Karl-Marx-Straße, einst Kaiserstraße. Prächtige Villen reihen sich aneinander, mit ineinander verschachtelten Dachlandschaften, Gärten und Parks mit Blumenrabatten. Heute sind fast alle historischen Gebäude saniert, ein Prozess von drei Jahrzehnten, denn die Kolonie fiel nach Kriegsende in einen Dornröschenschlaf, als das Sperrgebiet eingerichtet wurde. Doch im Juli und August 1945 stand sie noch einmal kurz im Licht der Weltöffentlichkeit: als Unterkunft der Verhandlungsführer während der Potsdamer Konferenz.

Robert Freimark führt in den Park eines Neorenaissancebaus mit Loggia und weitem Blick über den See: Das Anwesen wurde damals für US-Präsident Harry S. Truman beschlagnahmt. Die Amerikaner nannten es „Little White House“. Bei Truman selbst soll es dagegen Assoziationen an den Bahnhof von Kansas City geweckt haben; er kritisierte die zusammengewürfelte Inneneinrichtung. „Kein Wunder“, sagt der Guide, „Plünderer hatten die originalen Möbel in den See geworfen und die Bibliothek verbrannt.“

Weil die Villa mit ihrem modernen Anbau heute der Friedrich-Naumann-Stiftung gehört, ist der Park öffentlich zugänglich – eine Ausnahme inmitten der abgeschotteten Privatgrundstücke. Beim Weiterradeln gleitet eine bunte Mischung der Baustile vorbei: ein Schweizerhaus, eine Backsteinvilla, Townhouses, kleine Schlösschen. In der Virchowstraße liegt ein Traum in Pastell: Haus Seefried wurde 1915 vom jungen Mies van der Rohe erbaut. Es erinnert jedoch eher an Schloss Sanssouci als an klassische Bauhaus-Architektur. Während der Konferenz der Siegermächte logierten darin Winston Churchill und sein Nachfolger Clement Attlee. Heute ist es der Wohnsitz von Hasso Plattner, dem Mitgründer des Konzerns SAP.

Blick auf Schloss Babelsberg

Zurück in der Karl-Marx-Straße, beschatten hohe Bäume die Villa Herpich, die sich Josef Stalin als Residenz ausgewählt hatte. Robert Freimark erzählt, welche Auswüchse der Verfolgungswahn des Sowjetführers hier annahm: „Aus Angst vor einem Anschlag ließ er alle Zimmer leer räumen und sogar die Holzvertäfelung herausreißen. „In seinem Raum stand wohl nur ein einfaches Feldbett.“

Nun ist es nicht mehr weit bis zum Park Babelsberg – Gelegenheit für eine Brotzeit am Seeufer: Auf einer Wiese am Wasser kommt der Picknickkorb zum Einsatz, der zusammen mit der Tour bestellt werden kann. Bei Obst und Brot, Käse und Oliven genießt man den Blick auf Schloss Babelsberg. Zwischen den Bäumen schimmert die Glienicker Brücke durch, unter der ein Ausflugsdampfer nach dem anderen Richtung Norden schippert.

„Und jetzt zeige ich noch die letzten Reste der Mauer, wie versprochen“, sagt Robert Freimark und biegt in die Stubenrauchstraße, die einst an der Grenze endete. Eine Reihe von Hainbuchen deutet den Verlauf noch an. Geblieben sind sechs Mauersegmente, das Fundament eines Wachturms und Gedenktafeln für drei Maueropfer. Das Sperrgebiet in Neubabelsberg wurde zu DDR-Zeiten zwar streng überwacht, doch die „Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf“ durfte trotzdem rund ein Dutzend der Villen nutzen. Bis zur Wende durchliefen hier mehr als 2000 Schauspieler, Regisseure, Kameraleute und andere Filmschaffende die Ausbildung. Nach der Wiedervereinigung musste die Uni schließlich nach und nach weichen – für das Revival des „Beverly Hills vom Griebnitzsee“.

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