Projekt : Der detaillierte Blick von oben

Gemeinsame Sache: Das Geoforschungszentrum Potsdam mit Dr. Carsten Neumann (links) und die Heinz-Sielmann-Stiftung mit Dr. Matthias Wichmann wollen die Geodaten-Erfassung auf einen neuen Forschungsstand heben.
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Gemeinsame Sache: Das Geoforschungszentrum Potsdam mit Dr. Carsten Neumann (links) und die Heinz-Sielmann-Stiftung mit Dr. Matthias Wichmann wollen die Geodaten-Erfassung auf einen neuen Forschungsstand heben.

Geoforschungszentrum und Sielmann-Stiftung wollen mit der Kyritz-Ruppiner Heide ein kleines Stück Forschungsgeschichte schreiben

prignitzer.de von
10. Januar 2018, 05:00 Uhr

Deutschlands größtes Heidegebiet mitten in Ostprignitz-Ruppin ist trotz Sperrverordnung herzeigenswert – und das nicht nur für Naturfreunde. Denn die einmalige Landschaft ist zurzeit auch Untersuchungsobjekt für ein Projekt mit vielleicht wegweisenden Weichenstellungen für die Forschung der Zukunft. Ein kleines Büro im Geoforschungszentrum (GFZ) Potsdam mit angrenzendem Labor ist der Ort, wo der neue Weg der Wissenschaft beschritten wird. Dr. Carsten Neumann sitzt vor den Bildschirmen, die den typischen Kartenumriss des einstigen Bombodroms zeigen. Ein paar Mausklicks und Neumann kann von oben jede Pflanze ganz nah heranholen.

Eine Unmenge an Daten hat Neumann dafür mit den fundiertesten Methoden der Wissenschaft gesammelt. Da sind die Satelliten aus dem All, die jede Fläche auf dem Erdball abtasten. „Sie erlauben aber nur eine sehr grobpixelige Auflösung“, sagt Neumann. Deshalb kamen Drohnen hinzu, die mit bildgebenden Verfahren über die Heide geschickt wurden. Außerdem überflog ein Uni-Flugzeug mit hochmodernem Gerät das Gebiet. Nicht zuletzt gehen die Forscher selbst – mit Sondergenehmigung und Kampfmittel-Experten, versteht sich – und einem auf den Punkt die Erde abtastenden Gerät in die Heide. Dazu wurden insgesamt 57 Testflächen rund um den freigegebenen Weg zwischen Rossow und Neuglienicke ausgewählt.

Das Ziel ist für den Forscher so klar wie für den Laien kaum verständlich zu machen. Kurz gesagt: Dank der Potsdamer Forschung sollen später Daten über den Zustand der Pflanzenwelt in einem Schutzgebiet erhoben werden können, ohne es zu betreten: praktisch nur noch über Fernerkundung – sei es über hochauflösende Satelliten oder das spezielle Laborgerät auf Flugzeugen.

Derzeit ist das nicht möglich, da Messverfahren dazu noch nicht einheitlich und zuverlässig bestimmt sind. Dieses fachsprachlich „Kalibrieren“ genannte Ziel ist das, was Neumann am Ende geschafft haben will. Oder in seinen Worten: „Ich suche den Zusammenhang zwischen dem, was gemessen worden ist und dem, was wir vorfinden, wenn wir raus in die Heide gehen.“ Sechs Jahre läuft das Projekt – so lange, weil es nicht nur darum geht, ob ein Kraut dieser und jener Art auf einer Stelle gerade wächst. Denn die Sensoren der Geräte sind so ausgefeilt, dass auch der Zustand der Pflanze über einen bestimmten Zeitraum per Fernerkundung erfasst werden kann. „Das menschliche Auge kann vielleicht erkennen, ob eine Pflanze noch grün oder schon welk ist – und daraus Schlüsse ziehen“, sagt Neumann. Anders als das menschliche Auge können die technischen Hilfsmittel der Forscher mit ihren Sensoren viel detailliertere Daten erfassen: zum Beispiel welche Konzentration an essenziellen pflanzlichen Stoffen – Chlorophyll, Stärke, Zellulose – in dem Kraut vorkommt. „Wir haben am Ende mehr Informationen, als ein Feldbotaniker sehen kann“, sagt Neumann.

Solch ein Projekt kommt auch dem Ansinnen der Heinz-Sielmann-Stiftung sehr entgegen. Sie hat die Verantwortung für einen Großteil der Fläche im Süden des ehemaligen Bombodroms übernommen. Ihr Ziel ist der Erhalt der Natur – nach den Richtlinien der Europäischen Union. Dr. Matthias Wichmann von der Stiftung umschreibt das so: „Es handelt sich um Trockenheide. Dieser Landschaftstyp ist genau definiert: Wie viele Eichen pro Hektar stehen dürfen, dass es keinen Kiefernaufwuchs geben darf und keinen Ginster.“

Auch deshalb habe die Stiftung mit dem GFZ dieses weltweit einmalige Projekt angeschoben: „Wir wollen es irgendwann schaffen, mit Fernerkundungsdaten die Flächen genauestens untersuchen zu können, ohne hineingehen zu müssen“, sagt Wichmann. Nach diesen Fernerkundungsdaten wird dann der Handlungsrahmen ausgerichtet: an welchen Stellen Heidepflege dringend greifen muss. Wichmann erinnert auch an die spezielle Situation. Die Heide ist – bis auf die Route von Rossow nach Pfalzheim und von dort nach Neuglienicke – komplett gesperrt. Selbst Stiftungsmitarbeiter dürfen sich nur mit Sondergenehmigung abseits dieses Wanderweges aufhalten.

Neumann formuliert seine Ergebnisse gleich in Programmiersprache zu einem ausgefeilten Computerprogramm aus. Und Programmiersprache hat einen großen Vorteil: Sie kann überall auf der Welt verstanden werden. Die Ergebnisse des Vorzeigeprojekts der Sielmannstiftung und des GFZ sollen schließlich der Forschung auf dem gesamten Globus dienen. Ob die Llanos in Kolumbien oder Savannen in Westafrika – alles wird vielleicht dereinst so ergründet werden können wie es derzeit für die Heide getan wird – als erste Naturlandschaft.

Über das Projekt, das vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt sowie dem Bundesforschungsministerium gefördert wird, gibt es ständig aktualisierte Informationen auf der Internet-Webseite www.heather-conservation-technology.com. Sie ist englischsprachig. An einer deutschsprachigen Version wird gearbeitet.

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