Ausstellung : Die Gärten der Klarheit

„Nachmittag im Garten“: So nannte Henri-Edmond Cross sein 1904 entstandenes Bild seines Gartens in Südfrankreich.
„Nachmittag im Garten“: So nannte Henri-Edmond Cross sein 1904 entstandenes Bild seines Gartens in Südfrankreich.

Museum Barberini zeigt in einer Ausstellung Werke des französischen Neoimpressionisten Henri-Edmond Cross

prignitzer.de von
28. November 2018, 08:19 Uhr

So zu malen, ist eine langwierige Mühsal. Pünktchen für Pünktchen hat Henri-Edmond Cross (1856 -1910) seine Bilder getüpfelt. Erst im Auge des Betrachters formen sich diese Mosaiken zu Landschaften und fließt das gerasterte Blau zu einem Meer zusammen – wenn man von den Gemälden ein paar Schritte zurück tritt. Aber warum plagte sich Cross mit dieser Fummelei? Das beantwortet das Potsdamer Museum Barberini nun mit einer hoch interessanten Ausstellung.

Cross hat die Pünktchen so aneinandergesetzt, dass sie sich gegenseitig hervorheben. Die Technik war etwas Neues, der Sinn dahinter war es nicht. Denn wie sich Komplementärfarben wechselseitig zum Leuchten bringen, hat schon Raffael vorgeführt, als er Papst Julius II. 1511 vor einer grünen Wand porträtiert, vor der das Rot des mützenartigen Camaruo und der kragenartigen Mozetta funkelt, als hielte jemand eine Kerze hinter ein Rotweinglas.

Cross reizt die Wirkung der sich gegenseitig verstärkenden Komplementärkontraste Pünktchen für Pünktchen aus, bis bei ihm die letzten Sonnenstrahlen des Tages die Pinien an der Cote d‘Azur zum Glühen bringen. Mitunter scheint es, als würde nicht das Licht auf die Bilder, sondern aus den Bildern ins Barberini leuchten. Mit so einer umfangreichen Schau wie dort wurde Cross in Deutschland noch nie gewürdigt. Mit mehr als 100 Arbeiten feiert diese Ausstellung die Wiederentdeckung eines Vergessenen. Dabei galt Cross in Deutschland vor mehr als 100 Jahren als Held der Moderne. Er gehörte zu jener Kunstrichtung, die der Sammler, Mäzen und Diplomat Harry Graf Kessler 1897 als das „Interessanteste und Zukunftsreichste“ bezeichnete, „das Frankreich jetzt zu bieten hat“. Kessler meinte damit den Neuimpressionismus der Pointillisten, der Pünktchenmaler, die ihre Motive quasi in Atome von Reinfarben zerteilten.

Tatsächlich hatte dieser Pointillismus seinen Ausgangspunkt in der Physik und der Vorstellung von atomaren Strukturen. So haben sich George Seurat und Paul Signac, die Väter des Neuimpressionismus, mit den farbtheoretischen Schriften des schottischen Physikers James Clerk Maxwell befasst und fragten sich,  wie Farben überhaupt wahrgenommen werden und was man tun müsste, um  diese Wahrnehmung besonders zu kitzeln.

Es ging als nicht mehr nur um Empfindung und das Abmalen der Natur, sondern um angewandte Wissenschaft. Deshalb betrachteten sich die Neoimpressionisten als der wissenschaftliche Zweig des Impressionismus. Und der belesenste dieser von der Physik inspirierten Maler war wahrscheinlich Henri-Edmond Cross. Er hat sich, was in dem vorzüglichen Ausstellungskatalog hervorgehoben wird, sogar intensiver mit Nietzsche befasst. Cross’ Bilder sind also mehr als poetische Landschaftswiedergaben. Mit ihnen visualisiert er seine Visionen von Harmonie. Durch das Punktieren verschmelzen seine Figuren  – mal sind es Frauenakte, mal Bäuerinnen, mal ein Faun – mit der sie umgebenden Natur. Ihre Konturen lösen sich in der Vegetation auf. Der Mensch fließt in seine Umwelt hinein, er lebt in Cross’ Bildern nicht gegen, sondern mit ihr.

Aus diesen Werken spricht eine gewisse Geistesverwandtschaft zur deutschen Lebensreformbewegung, die um 1900 ähnliche Lebens- und Bildideale wie Cross  propagierte. Trotzdem ist er bei uns fast vergessen. Weil die Nationalsozialisten seine Arbeiten aus den hiesigen Museen zerrten, weil sie seine Sammler und Fürsprecher wie Graf Kessler in die Emigration trieben. Und weil sich Cross’ Motive bald fremd anfühlen mussten. Denn wie sein Freund, der Lyriker Émile Verhaeren, feierte er seine Landschaften als Gärten neuer Klarheit. Doch nach dem Stellungskriegsgemetzel des Ersten Weltkrieges hatte die Landschaft als künstlerisches Sujet auf entsetzliche Weise ihre Unschuld verloren.

Bis zum 17. Februar 2019 ist die Ausstellung montags bis mittwochs von 10 bis 19 Uhr im Museum Barberini,  Alter Markt, Potsdam zu sehen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen