Interview mit dem Landeskonservator : „Es gibt einen neuen Dialog"

BrandenburgsLandeskonservator Thomas Drachenberg .
BrandenburgsLandeskonservator Thomas Drachenberg .

Brandenburgs Landeskonservator Thomas Drachenberg sieht neue Möglichkeiten für eine Kooperation mit seinen polnischen Amtsbrüdern

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11. Februar 2019, 05:00 Uhr

Es war eine Premiere: Kürzlich trafen sich alle deutschen Landesdenkmalpfleger mit ihren polnischen Pendants zu einer Tagung in Küstrin. Benjamin Lassiwe sprach darüber mit Brandenburgs Landeskonservator Thomas Drachenberg.

Wie ist denn die Situation der Denkmalpflege in Polen?
Thomas Drachenberg: In Polen gibt es 16 Wojewodschaften, und jede Wojewodschaft hat ein Denkmalamt. Dort werden die Inventarisation und die praktische Denkmalpflege koordiniert. Deswegen hängt es von der jeweiligen Wojewodschaft ab, wie es dem Denkmalschutz geht. Ansonsten hat unser Treffen ergeben, dass wir gleiche denkmalfachliche Auffassungen haben. Die Wirkungsbedingungen sind aber andere.

Was heißt das in der Praxis?
In Deutschland gibt es zum Beispiel das Instrument der Städtebauförderung. Da geben der Bund, das Land und die Kommune Geld hinein. Gleichzeitig fragt sich die Kommune, welchen Bau- und Denkmalbestand sie hat und wie sie ihn weiterentwickeln kann. Dadurch entsteht eine Kommunikation mit dem Bürger, mit dem Besitzer, dessen Bedarf auch eine Rolle spielt. Durch diese wirkungsvolle Kommunikation kommt man zu den sanierten Innenstädten, wie wir sie heute in Brandenburg beobachten können. So ein Netzwerk kennt man in Polen nicht. In Deutschland ist eine Stadt wie Guben in der Lage, mit der Städtebauförderung Industriebauten und Villen zu sichern. So etwas ist in Polen in der Art nicht möglich. Bei diesem Thema sind die polnischen Kollegen sehr interessierte Zuhörer.

Was kann denn die deutsche Denkmalpflege von Polen lernen?
In Polen wird mit viel Geduld und viel Improvisation Denkmalpflege gemacht. Aber mit dem gleichen fachlichen Anspruch, wie bei uns. Es nötigt mir hohen Respekt ab, dass die Kollegen trotz teils schwieriger Bedingungen den Mut nicht verlieren. Da wo wir sagen würden: „Das hat keinen Zweck", sagen die Polen: „Doch, das hat Zweck, wir versuchen es." In Polen können Sie erleben, wie der Besitzer eines historischen Schloss mit einem Bekannten allein das Schloss saniert.

In Westpolen stammen viele Denkmale aus der ehemals deutschen Zeit. Wie politisch ist die Denkmalpflege dort?
Nach dem zweiten Weltkrieg gab es die polnische Westverschiebung. Die ostpolnische Bevölkerung ist in das neue Westpolen gekommen, was früher einmal Ostdeutschland war. Es gab einen erzwungenen Bevölkerungswechsel. Die neue Bevölkerung musste erst einmal ihr Leben regeln. „Wo kann ich wohnen, wo kann ich in die Kirche gehen und wie kann ich meinen Lebensunterhalt sichern?", waren die Fragen, die damals zählten.

Sich mit alten Schlössern oder Herrenhäusern zu beschäftigen, war für viele Menschen völlig absurd, denn es war nicht die Heimat dieser Leute. Ihre Heimat war woanders. Heute sieht das anders aus: Heute beschäftigen sich junge Leute ganz unbefangen mit der Geschichte ihrer Orte, so wie die Jugendlichen, die in unserem deutsch-polnischen Fotoprojekt „Der junge Blick auf Altes“ in Schlössern und Herrenhäusern östlich und westlich von Oder und Neiße auf Spurensuche gegangen sind. Die polnischen Kollegen kommen ganz selbstverständlich in deutsche Archive um zu recherchieren und es entsteht ein Dialog, in dem es keine emotionalen Spannungen mehr gibt. Das war früher anders.

Kann die Denkmalpflege politisch missbraucht werden?
Die Denkmalpflege wird dann politisch missbraucht, wenn man verhindert, dass ein Denkmal alle seine Geschichten erzählen kann. Denn ein Denkmal ist ein Denkmal, weil die Substanz besondere Geschichten erzählt. Und weil die Menschen ihre eigenen Geschichten zum Denkmal erzählen.

Aber jedes Denkmal hat immer mehrere Geschichten: Nehmen Sie das Denkmal an der Autobahn, am ehemaligen West-Berliner Grenzübergang Dreilinden. Dort stand früher ein sowjetischer Panzer. Und der Panzer erzählte von der Angst der Westberliner vor den Russen, jedes Mal, wenn man da lang kam, gab es wegen des auf West-Berlin gerichteten Kanonenrohres ein kleines Unwohlsein – der Ostdeutsche kam da nicht lang...

Dann erzählt der Panzer die Geschichte der siegreichen Sowjetarmee und die offizielle Geschichte der DDR, dass der Sozialismus siegen wird.

Und seit 1992 steht auf dem Sockel nun ein rosafarbener russischer Schneepflug. Der steht in Erinnerung an die beiden rosafarbenen Panzer in Prag 1989 für die Geschichte der Umbrüche von 1989. Das sind viele Geschichten an einem Ort. Aber wenn ich verhindere, dass eine dieser Geschichten erzählt wird, missbrauche ich das Denkmal.

Wann ist ein Denkmal politisch instrumentalisiert?
Das ist immer dann der Fall, wenn ein einzelner Geschichtenerzähler versucht, die Erzählung zum Denkmal zu dominieren. Ein Beispiel ist das Wilhelm-Pieck-Denkmal in Guben. Da gibt es die Ehrung zum 100. Geburtstag Piecks. Das ist die offizielle DDR-Geschichte. Dann gibt es aber auch die Geschichte der Wehrpflichtigen, die dort alle Jahre zum „Ehrendienst“ in der NVA antreten mussten. Dann gibt es die Geschichte des Treffpunktes bei den staatlich gelenkten Demonstrationen – aber auch die Geschichte der Bürgerbewegungen, die sich genau dort 1989 getroffen haben.

Wenn ich jetzt sage: Wilhelm Pieck war ein Stalinist, und deswegen muss das Denkmal weg, dann verhindere ich, dass alle die übrigen Geschichten erzählt werden. Und dann ist das Denkmal politisch instrumentalisiert.

Unsere Vergangenheit können wir uns nicht aussuchen – wir müssen sie uns erzählen. Das ist gerade in der heutigen sich polarisierenden Gesellschaft wichtig.

Die politische Stimmung in Deutschland wie in Polen ist immer aufgeheizter. Fürchten Sie, dass die Denkmalpflege häufiger instrumentalisiert wird?
Die Denkmalpflege steht ja mitten im Leben. Wir versuchen, an Hand der historischen Substanz und vor allem am Original aus verschiedenen Zeiten das Material zur Verfügung zu stellen, damit die Menschen ihre Geschichte damit erzählen können. Gleichzeitig kann man manche Denkmale heute nicht unkommentiert stehen lassen, sie bedürfen einer Form der Vermittlung und Erklärung. Das nennt man Kontextualisierung. Wichtig ist, dass die verschiedenen Meinungen zum Denkmal gleichberechtigt geäußert werden können, und dann zu einer gesellschaftlichen Weiterentwicklung führen. Ich diskutiere meine Vergangenheit anhand meiner Gegenwart und daraus entsteht Zukunft. Nur eins darf nicht passieren: Dass ein Denkmal aus politischen Gründen vernichtet wird. Reiben dagegen darf man sich an Denkmalen gern. Aus Reibung entsteht neues.

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