Führung durch das Chaos

Zu der Prignitzer CJD-Wohnstätte für Autisten in Seefeld soll noch 2009 eine weitere in Marienfließ hinzukommen.
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Zu der Prignitzer CJD-Wohnstätte für Autisten in Seefeld soll noch 2009 eine weitere in Marienfließ hinzukommen.

An Autismus leidenden Menschen in Brandenburg soll ab sofort wirksamer geholfen werden. Zu diesem Zweck gründeten das Christliche Jugenddorfwerk (CJD) Prignitz, die Samariteranstalten Fürstenwalde und des Potsdamer Oberlinhaus gestern einen Kooperationsverbund.

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14. Juli 2009, 01:57 Uhr

Potsdam | Pfarrer Matthias Fichtmüller kippt den Inhalt einer Streichholzschachtel auf den Tisch und erinnert an eine ähnliche Szene im Film "Rain Man", in dem Dustin Hoffman präzise die Zahl der Streichhölzer nennt. Der Streifen von 1988 zeige eindrucksvoll, wozu ein Autist in der Lage sein kann. Lutz Behrendt, Jugenddorfleiter des CJD Prignitz, konkretisiert das Bild eines außerordentlich vielfältigen Spektrums, mit der autistisch kranke Menschen dem Alltag begegnen. Sie empfänden ihre Umgebung als Chaos, nähmen die Umwelt anders wahr - eine Reizüberflutung, die sie überfordere, in sich versinken lasse und mitunter auch zu aggressivem Verhalten führe. Aber solle deren Endstation die Psychiatrie sein?

Dagegen will sich jetzt das Netzwerk der kompetenten Partner aus dem Land wenden, die auf ihren Arbeitsfeldern bereits mehrjährige Erfahrungen gesammelt haben. Bei der Integration von Autisten in den Schulen, bei der Betreuung in speziellen Wohnstätten, bei der ambulanten Zusammenarbeit mit den Eltern und nicht zuletzt bei Erfahrungsaustausch und Weiterbildung der Mitarbeiter.

In den meisten Fällen, so Renate Frost von den "LebensWelten" in Fürstenwalde, würden Autisten in Förderschulen oder Schulen für geistig Behinderte integriert. Das berücksichtige nicht die Spezifik des Krankheitsspektrums. Für Hör- und Sehgeschädigte gibt es spezielle Schulen. Autistische Schüler gebe es etwa genauso viele, etwa 330 im Land Brandenburg - aber keine an das individuelle Krankheitsbild angepasste Ausstattung mit entsprechend qualifizierten Lehrern oder Betreuern. Hier erwarte sie auch eine Reaktion vom Bildungsministerium.

Über die Notwendigkeit besonders ausgestatteter Wohneinrichtungen sprach Jörg Stricker, der im CJD Prignitz den Bereich Behindertenarbeit leitet. In Seefeld bei Pritzwalk betreut das CJD zur Zeit acht Autisten. "Man muss die Betreuung sehr individuell anlegen. Von den 16 Mitarbeitern wir viel Einfühlungsvermögen, Kenntnis und Erfahrung verlangt." Stricker beschreibt, dass sich ein Autist zum Beispiel sträuben könne, ein Zimmer zu betreten, bis man feststelle, dass der Teppichboden Schuld ist.

In dem neuen Verbund wollen die diakonischen Einrichtungen ein Beispiel dafür schaffen, wie man Autisten in Zukunft deutlich mehr und für sie erforderliche Aufmerksamkeit widmen wird. In der Prignitz soll 2009 noch eine weitere Wohnstätte entstehen. Im Klosterstift Marienfließ wird im diakonisch-sozial geprägten Umfeld ein nicht mehr benutztes Gebäude hergerichtet. "Wir werden dort ebenfalls acht Plätze schaffen und einen Teil der erfahrenen Kollegen aus Seefeld in der Anfangsphase dort mit einsetzen", erklärt Stricker. Und Behrendt betont: "Wir wollen die Häuslichkeit nicht ersetzen. Unser Ziel ist immer, die Menschen für ein eigenständiges Leben zu befähigen."

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