Märkische Trauben : Lausitzer Weine mit „viel Körper“

Gärtner Sevcan schneidet bei der Rotweinlese am Königlichen Weinberg Potsdam Trauben der Sorte „Regent“ ab. Die dunklen Trauben werden zu trockenem Rotwein verarbeitet.
Gärtner Sevcan schneidet bei der Rotweinlese am Königlichen Weinberg Potsdam Trauben der Sorte „Regent“ ab. Die dunklen Trauben werden zu trockenem Rotwein verarbeitet.

Brandenburger Rebensäfte gelten als exotisch / Sie können es aber mit Traubensäften aus bekannten Regionen wie Rheinland Pfalz oder Hessen aufnehmen

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09. Oktober 2019, 05:00 Uhr

„Märkischer Erde Weinerträge - gehen durch die Kehle wie 'ne Säge“ - so sollen Studenten der Viadrina Universität in Frankfurt (Oder) im 16. Jahrhundert über den Brandenburger Wein gespottet haben. Was sie damals wohl meinten war die fehlende fruchtige Süße und Qualität des beliebten Traubensafts. „Weit gefehlt“, sagt Claudia Körner. Die Hobby-Winzerin muss es wissen, denn sie betreibt auf der Raunoer Hochebene nahe Senftenberg (Oberspreewald-Lausitz) einen der kleinsten Weinberge Brandenburgs.

Auf einer Fläche von 400 Quadratmetern baut die 65-Jährige sieben alte Rebsorten an. Die Stadt hatte der Senftenbergerin 2004 eine Fläche zur Verfügung gestellt, die sie urbar machte. Auf dem Gebiet holten bis 1989 noch Bagger im Tagebau Meuro die Braunkohle aus der Erde.

„Brandenburg hat über 2000 Sonnenstunden im Jahr, meines Wissens nach ist das durchaus mit Franken zu vergleichen“, sagt Körner. Wein brauche viel Sonne, damit sich der Fruchtzuckergehalt erhöhe und die gebe es genügend. Nach Angaben des Agrarministeriums bietet die kontinentale Lage im Sommer sogar einige Sonnenstunden mehr als in den bekannten Weinanbaugebieten Rheinhessen oder Rheinland-Pfalz.

Brandenburger Weine hätten durchaus „viel Körper“, sagt Körner. Was sie meint ist, dass der Traubensaft eben nicht nur einfach durch die Kehle rinnt, sondern, wie gute Weine, durch die vielen kostbaren Inhaltsstoffe länger in den Geschmacksnerven bleibt.

In diesem Jahr hat Claudia Körner ihren Ertrag um 35 Prozent steigern können. 330 Kilo Wein hat sie geerntet, darunter Sorten wie Frühmuskat, Angostenga und Tauberschwarz - eine Rotweinsorte. Im vergangenen Jahr waren es noch 120 Kilogramm. Zum Vergleich: Aus einem Kilo Trauben kann etwa eine Flasche Wein gewonnen werden. Stolz ist sie vor allem auf die selbstgebaute Wasser-Tröpfchenanlage, die über die Trockenheit der vergangenen Monate half.

„Wir wollen den Weinanbau mehr als Tradition betrachten“, sagt die 65-Jährige, die auch Vereinsvorsitzende der Senftenberger Weinfreunde ist. Im 12. Jahrhundert hätten die Zisterziensermönche den Weinanbau in das Land gebracht. Um 1416 sei der erste Wein in der Stadt erwähnt worden. „Vom Mittelalter bis Anfang 1980 wurde in der Region auf etwa 40 Hektar Wein angebaut. Dann kam der Bergbau“, beschreibt Körner den damaligen Rückgang des Weinanbaus. Heute bauten etwa 30 Brandenburger Winzer auf insgesamt 40 Hektar wieder Wein an.

Weinbauer Jürgen Rietze aus Luckau (Dahme-Spreewald) klingt auf die Frage nach seinen Anbauerfolgen verhaltener. In diesem Jahr hatte er noch andere Erntehelfer - die Waschbären. Überhaupt waren die vergangenen zehn Jahre Weinanbau nicht einfach für ihn, wie er berichtet. Im Jahr 2009 blieb nach einem schweren Winter keine Rebe übrig. Der Mitsechziger gab nicht auf und erweiterte seine Weinanbaufläche auf 0,7 Hektar. 2010 wurde er für sein Durchhalten belohnt und vom Berliner Weinführer für seinen Wein der Rebsorte Solaris prämiert, wie er nicht ohne Stolz erzählt. 2011 vernichtete einen Tag vor der Weinlese ein Hagelschlag einen Großteil der Ernte.

Rietze machte weiter - mit Erfolg. 2018 war sein bestes Jahr mit einem Ertrag von etwa 5000 Kilo Wein. Seine Sorten wie etwa die weißen Rebsorten Solaris oder Johanniter seien Neuzüchtungen und sehr widerstandsfähig gegen Pilzbefall, erklärt er. „So muss ich auch weniger mit Pflanzenschutzmitteln arbeiten.“ Nur gegen die Waschbären sind auch die Reben machtlos. „Die Tiere haben weiter geerntet“, resümiert Rietze. Deshalb und auch wegen der Fröste im April habe er in diesem Jahr nur einen Ertrag von 1500 Kilo erzielen können.

Hubert Marbach ist als Weinbauer etabliert in der Region. Als der Rheinländer vor über zehn Jahren nach Jerischke (Spree-Neiße) ins Neiße-Meixtal zog, entdeckte er auf einer historischen Karte einen eingezeichneten Weinberg mit Südlage. Ein Winzer hatte ihn im 19. Jahrhundert aufgegeben. Als Sohn eines Winzers machte Marbach Bodenproben, brachte zur Verbesserung der Bodenqualität Kalk und Stickstoff in die Erde. „Wolfshügel“ heißt sein Weinberg.

Bei der Bewirtschaftung hatte Marbach mal in der Ferne einen Wolf heulen hören. Auch seine Sorten Regent, Solaris, Johanniter müssen nicht oft gespritzt werden und sind widerstandsfähiger gegen Frost und Schädlingsbefall. „Ich versuche, nach ökologischen Maßstäben anzubauen“, sagt Marbach. Die Reben düngt er unter anderem auch mit Pferde- und Ziegenmist. Als Tribut an die Heimat hat er auch einen Riesling unter den Rebsorten.

Marbachs Weine werden in einigen Hotels und Restaurants der Region angeboten. Auch aus anderen Bundesländern kommen Anfragen - Wein aus Brandenburg klingt immer noch exotisch. Seine Winzerkollegen Rietze und Körner bieten wie andere Winzer der Region ihre Weine auf Festen, Ausstellungen und Märkten an. Sie wünschen sich noch eine stärkere Unterstützung von der einheimischen Gastronomie und mehr Bewusstsein für Regionalität.

Claudia Körner, die auch einen Lebensmittelladen betreibt, spricht darüber mit den Kunden. „Wir arbeiten intensiv daran und sprechen mit den Bürgern oft über regionale Produkte, damit das Geld hierbleibt und die Landschaft hier leben kann.“

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