Schulen suchen Weg in das Digitalzeitalter : Lernen wie im Internetcafé

Die 16-jährigen Schülerinnen Emma und Katharina (r.) arbeiten an der Voltaire-Schule in Potsdam gemeinsam an Computer und Tablet.
Die 16-jährigen Schülerinnen Emma und Katharina (r.) arbeiten an der Voltaire-Schule in Potsdam gemeinsam an Computer und Tablet.

Die alte schwarze Schultafel hängt zwar noch in den meisten Klassenzimmern / Doch digitale Whiteboards sind auf dem Vormarsch

prignitzer.de von
11. Januar 2018, 05:00 Uhr

Im Oberstufenkurs von Deutschlehrer Björn Nölte sieht es eher aus wie im Internetcafé, weniger wie in einem Klassenzimmer: Die Schüler sitzen alleine oder zu zweit vor Computerbildschirmen, zusätzlich werden Tablets und private Handys eingesetzt. Als Aufgabe steht für die Schüler der Potsdamer Voltaire-Gesamtschule das digitale Tagebuch „Arbeit und Struktur“ zur Debatte, das der an einem Hirntumor erkrankte Autor Wolfgang Herrndorf von 2010 bis zu seinem Suizid im August 2013 verfasste. Die Schüler können zwischen einer eigenen Kurzgeschichte oder einer Erörterung wählen – und die Kriterien für die Benotung bestimmen.

Dafür kommunizieren sie über ein offenes Textdokument: Sprache, Grammatik, Rechtschreibung und Materialbezug werden von den Schülern als Kriterien für die Beurteilung anerkannt. Bei Kreativität legt die 18-jährige Bella Wendel ihr Veto ein: „Ich glaube nicht, dass man Kreativität bewerten kann“, begründet sie ihren Einspruch.

Die Schüler könnten auch per Abstimmung entscheiden, dass die Arbeit nicht bewertet wird. „Aber dann wiegen die Noten bei den anderen Arbeiten schwerer“, erläutert Nölte.

Transparentes Arbeiten aller Beteiligten ist oberstes Ziel im digitalen Klassenzimmer der Gesamtschule. In der Plattform „Moodle“ loggt sich der 16-jährige Theo Groth ein und kann Übungsaufgaben und Erläuterungen verschiedener Fachlehrer abrufen. Das hilft, Unterrichtsstunden sinnvoll auszufüllen, wenn der Lehrer krank ist und keine Vertretung kommt.

Im Klassenzimmer hängt eine digitale Tafel, doch die wird von Nölte in der Regel nur als Beamer genutzt, um die wichtigsten Arbeitsschritte für alle anzuzeigen. Diese Erfahrung hat auch der stellvertretende Schulleiter Benny Schurig gemacht, der Mathematik unterrichtet. „Ich nutze das interaktive Whiteboard wie eine normale Schultafel, um darauf zu schreiben“, sagt Schurig. „Für andere Anwendungen ist die Software sehr kompliziert. Das geht mit Tablets einfacher.“ An der Schule sind vier Räume mit Whiteboards ausgestattet, aber alle mit Beamer. „Das ist der Trend“, meint der stellvertretende Schulleiter.

Die Gesamtschule mit 850 Schülern verfügt über 40 Tablets für den Unterricht. Damit können Schüler auch Lernvideos erstellen, in denen sie die Lösung einer Aufgabe erklären. Wissen verfestigt sich, wenn man das Gelernte sprachlich und visuell erkläre.

In Medienkunde testen Schüler mit Tablets etwa Bildtechniken. So sollen Bilder mit unterschiedlichen Perspektiven und das Spiel mit Licht und Schatten oder Nahaufnahmen den Schülern vermitteln, wie sich mit verschiedenen Techniken die Wirkung von Bildern verändert. „Die Schüler haben in den sozialen Netzwerken ständig mit Bildern zu tun“, so Schurig. „Da ist es gut, wenn sie sich über die mögliche Wirkung von Bildern bewusst werden.“ Im Unterricht geht es ebenfalls um die Medien Buch, Zeitung, Film, Audio.

Auch an der Voltaire-Schule gebe es immer mal Fälle von Mobbing oder es werde ein Foto gepostet, das eine Mitschülerin in ungünstigem Licht zeigt, berichtet Schurig. „Schüler nutzen soziale Netzwerke auch, um sich zu beschimpfen.“ Jedoch seien diese Fälle nicht besonders häufig. „Wenn so etwas herauskommt, sprechen wir mit den Schülern“, so Schurig. „Dafür gibt es auch den Klassenrat, der einmal pro Woche tagt.“ In der Schule gibt es ab der 7. Klasse auch Workshops, in denen Medienpädagogen und Experten der Polizei über Gefahren im Internet aufklären.

Aus Sicht von Schurig bietet das digitale Klassenzimmer eine völlig neue Lernerfahrung. Zwar gebe es noch den klassischen Frontalunterricht, aber der funktioniere bei vielen Lernprozessen nicht so gut. „Der Lernprozess läuft individuell verschieden und in unterschiedlichen Geschwindigkeiten“, meint Schurig. „Der eine arbeitet eher textbasiert, der andere experimentiert lieber – diese individuelle Lernumgebung ist im digitalen Klassenzimmer am besten.“

Doch noch hapere es in den meisten Schulen an der Ausstattung mit Wlan, Breitband-Anbindung und digitalen Geräten, sagt der Direktor des Hasso-Plattner-Instituts, Christoph Meinel. „Die Schüler müssen in separate Rechner-Kabinette gehen, die meist nicht professionell gewartet und nicht auf neuesten Stand sind“, kritisierte er. „Es geht darum, dass in allen Fächern und in jedem Klassenraum mit digitalen Medien gearbeitet werden kann, so wie mit einem Schulbuch.“

Für die Ausstattung mit Computern, Tablets und Infrastruktur sind laut Bildungsministerium die Schulträger zuständig. Kinder und Jugendliche für die digitale Welt fit zu machen, reiche aber weit über die Bedienung von Endgeräten hinaus, sagt Bildungsministerin Britta Ernst (SPD). „Medienbildung soll und kann in allen Unterrichtsfächern stattfinden.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen