Sanfter Tourismus am Wasser : Neuanfang im Nirgendwo

Martin Richter-Sinnig (r.) legt mit einem Wohnfloß am Bootssteg an.
Martin Richter-Sinnig (r.) legt mit einem Wohnfloß am Bootssteg an.

Weite, Wasser und sonst nichts / Die Natur in Nordostbrandenburg bietet Chancen für sanften Tourismus und wirtschaftlichen Neuanfang

prignitzer.de von
14. Juni 2018, 05:00 Uhr

„Sternenhimmel, 1000 Seen, schlechter Handyempfang“ - beschreiben die niederländischen Besitzer vom „Naturcamping am Ellbogensee“ bei Großmenow, Niek Kuijs und seine Frau Marianna von Schmidt auf Altenstadt, ihre Wahlheimat bei Fürstenberg (Oberhavel). Dort sind Nichtstun und Trödeln Konzept.

In Nordholland arbeitete Niek als Heilpraktiker und Marianna in der Stadtverwaltung Amsterdams. Bei einer Fahrradtour stießen sie vor zwölf Jahren auf den Platz am Ellbogensee, der zum Verkauf stand. „Die Natur und Ruhe, wir wollten bleiben“, erinnert sich Niek. 2007 kauften die heute 67-Jährigen die zwölf Hektar große Kiefernwald-Oase auf der Landesgrenze von Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern im ostdeutschen Nirgendwo und tauschten ihr geregeltes Leben gegen ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang ein. „Drei Jahre wussten wir nicht, ob es gut geht, nach fünf Jahren waren wir über dem Berg.“

Mit Tochter Coralie und Schwiegersohn Douwe Tromp packten sie an und fügten dem Refugium einen Sanitärpavillon und einige Holzhäuschen hinzu. Für Kinder gibt es Raum zum Toben und jede Menge Kletterbäume. „Sie können ihr eigenes Spiel wiederentdecken, ohne Animation“, sagt Niek. Lärm mache das nicht. „Um elf ist Schluss.“ Nachtruhe. „Dann sind nur noch Naturgeräusche erlaubt wie Lachen oder Schnarchen.“

Am Anfang ihres „zweiten Lebens“ stehen Kristin Sinnig und Martin Richter-Sinnig, Mitte vierzig und Eltern zweier Töchter von fünf und sechs Jahren. Sie ist Köchin und Waldorfpädagogin aus Thüringen. Er kommt aus Berlin und verkaufte Unterhaltungselektronik, bis er sich die Frage nach dem Sinn des Lebens stellte. 2010 lernte er um zum Wildnislehrer und kaufte sich zum Wohnen einen Zirkuswagen.

Gemeinsam gingen Sinnigs nach Fürstenberg und hoben auf einem alten Industrie- und Militärgelände an der Siggelhavel, 2017 ihr Unternehmen „Wilde Heimat“ aus der Taufe. Naturerlebnisse für gestresste Städter, Familien, Individualisten, Sportfans wollen sie ab diesem Sommer anbieten.

Der Naturcampingplatz entsteht gerade, erste Gäste schlugen schon ihre Zelte auf. Flöße Marke Eigenbau, Kanus und Kajaks sind bereits auszuleihen. Neue Wasserfahrzeuge sollen angeschafft, ein Sanitärgebäude und ein paar Ferienhäuschen errichtet werden. Nur beobachtet von Eisvogel, Seeadler, Milan oder Fischotter lässt sich per Boot gemütlich die Gegend erkunden und über Havel und Stolpsee bis nach Himmelpfort paddeln.

Nicht weit vom Himmelpforter Weihnachtsmann-Postamt findet sich die Naturschutzstation Woblitz. Mit Hilfe des Vereins Aquila werden dort verletzte Greifvögel und Eulen gepäppelt und Wanderfalken erforscht. Mitarbeiter Paul Sömmer erzählt, dass die auf Bäumen und Häusern brütenden Wanderfalken bis 1990 in der Region ausgerottet waren. Heute lebten in Mecklenburg, Brandenburg und Berlin wieder 60 Brutpaare.

Zurück im Boot ist der Ferienpark Brennickenswerder in der Uckermark bald erreicht. Die Idylle zwischen Großem Lychensee und kleinem Mellensee erweist sich als weitläufige Oase mit 20 Blockhäusern, Strand und Steg. Die Ferienanlage entstand nach dem Krieg, wechselte mehrfach die Besitzer. 2005 kauften 20 Stammgäste das Areal und stellten Verwalter ein. Seit 2015 sind das Alexandra und Ronny Kletke, eine studierte Hotelfachfrau und ein Ökonom.

Kletkes kamen mit Sohn (13) und Tochter (4) in die Uckermark. Im strukturarmen Landstrich siedeln sich gerade Wölfe an. Wegen der Ruhe zog es Kletkes hierher. Der Familie zuliebe hätten sie ihre Jobs an den Nagel gehängt und sich auf Brennickenswerder beworben. Bereut hätten sie das nie. Praktisch rund um die Uhr kümmern sie sich nun um Urlauber, verleihen Räder und Kanus, legen abends Steaks aus der Region auf den Grill. „Wir sind angekommen.“

Von Himmelpfort geht es die Havel nach Süden bis zur Wassermühle Tornow. Errichtet um 1873 und seit einem halben Jahrhundert außer Betrieb kaufte Bauingenieur Hubert Schneider 1995 das verfallene Industriedenkmal, um es zu retten. 2007 begann die Sanierung der Mühle, 2010 wurde sie als Hotel mit Restaurant, Hofladen und Kaffeerösterei wiedereröffnet. Eigner ist heute Sohn Christian Schneider, gelernter Koch und Betriebswirt. „Typisch Brandenburger Küche, regional, saisonal, weltoffen“, beschreibt er die Gerichte. Havelzander aus Himmelpfort mit Ackergemüse zum Beispiel. Zwölf Beschäftigte zähle die Mühle am Tornower Fließ. Daneben betreibt Schneider die Floßvermietung „rentafloss“, die 2009 als „neuartiges Produkt“ den Landestourismuspreis Brandenburgs erhielt. Die Metropole Berlin ist weit weg, doch der Jungunternehmer zeigt sich selbstbewusst: „Wir sind Berlins neuer Speckgürtel.“

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