Uckermark : Schwindel erregender Job

Paul Sömmer, Leiter der Naturschutzstation Woblitz, ist in der Uckermark auf einen alten Strommast geklettert, um drei junge Fischadler aus ihrem Nest zu holen. Die Tiere wurden dann am Boden vermessen, beringt und gewogen und anschließend wieder in das Nest gesetzt.
Paul Sömmer, Leiter der Naturschutzstation Woblitz, ist in der Uckermark auf einen alten Strommast geklettert, um drei junge Fischadler aus ihrem Nest zu holen. Die Tiere wurden dann am Boden vermessen, beringt und gewogen und anschließend wieder in das Nest gesetzt.

Greifvogelexperte Paul Sömmer beringt junge Fischadler in der Nähe von Templin. Tiere sind auf ausgediente Masten als Nistplatz angewiesen

prignitzer.de von
12. Juli 2018, 05:00 Uhr

Mit routinierten Bewegungen schlüpft Paul Sömmer in den Blaumann, schnallt sich ein Geschirr mit Seilen um und erklimmt zügig einen ausgedienten, rostigen Strommast. Auf der etwa 25 Meter hohen Konstruktion nahe Templin (Uckermark) thront ein Adlerhorst. Der Naturschützer und Greifvogelexperte hat es schon länger beobachtet und ist sicher: Das Fischadlerpaar hat Junge.

Zum Missfallen der in luftigen Höhen kreisenden und rufenden Altvögel nimmt der 60-Jährige die drei Mini-Adler mit sicheren Bewegungen aus dem Horst und lässt sie vorsichtig in einem Leinensack zur Erde herab. Danach steigt er selbst behände wieder hinab. „Drei Junge sind guter Durchschnitt. Nach etwa 50 Tagen sind die flügge“, freut sich Sömmer. Am Boden beringt er die etwa 35 Tage alten und bereits erstaunlich mobilen Jungvögel. An den rechten Fuß kommt die Kennzeichnung der Vogelwarte Hiddensee mit einer gestanzten Nummer.

Links wird ein Ring angebracht, der via Fernglas die Identifizierung des jeweiligen Tiers ermöglicht. „Wir wollen ja beobachten, wie es sich entwickelt“, sagt Sömmer. Zudem werden Flügellänge und Gewicht gemessen.

Alle Daten trägt er sorgfältig in eine Horstkarte ein. Die ganze Prozedur dauert nur wenige Minuten, um möglichst wenig zu stören. Im Auftrag des Brandenburger Landesumweltamtes (LfU) erfasst Sömmer seit Jahren den Bestand von Fischadlern. „Ich mache das nicht allein, sondern arbeite mit vielen ehrenamtlichen Horstbetreuern zusammen“, sagt er.

Den Horst auf dem alten Mast gebe es schon seit Jahrzehnten. Fischadler seien sehr standorttreu. Ruhe, ein fischreiches Gewässer in der Nähe und vor allem eine Nistmöglichkeit auf dem höchsten Punkt in der Landschaft – dann lassen sich die Tiere gern nieder.

Allerdings gebe es in der freien Natur kaum noch natürliche Nistmöglichkeiten, kritisiert Sömmer. Es fehle beispielsweise an alten hohen Bäumen, die andere deutlich überragen. „Deswegen sind die Tiere auf solche künstlichen Plätze wie die ausgedienten Masten angewiesen“, erklärt der Naturschützer.

In der Tat gebe es diesen Trend, dass Adler in Brandenburg weniger auf Bäumen denn auf künstlichen Nisthilfen brüten, bestätigt LfU-Sprecher Thomas Frey. „Das mangelnde Nistplatzangebot ist ein weitaus größeres Problem als möglicherweise fehlende Nahrung in der Nähe“, sagt er. Allerdings sei der Bruterfolg auf künstlichen Nisthilfen höher und beständiger, belegten Untersuchungen.

Die fehlenden hohen Bäume seien ein Problem für Fischadler, Störungen durch den Menschen das andere, glaubt Sömmer. „Die Zivilisation hinterlässt Spuren, Rücksichtnahme gibt es nicht mehr“, sagt der Naturschützer verärgert und zeigt auf zwei Jagdkanzeln an den Feldrändern. 300 Meter Mindestabstand seien vorgeschrieben, die beide Konstruktionen nicht einhielten. Lokal gebe es eine Abnahme der Bestände durch Störungen durch den Menschen, bestätigt der Ministeriums-Sprecher. Diese würden allerdings durch den landesweit positiven Trend kompensiert.60 bis 70 Fischadler beringt Sömmer pro Jahr. Gefährlich ist diese Arbeit in Schwindel erregender Höhe nicht nur auf Strommasten.

Befinden sich die Nester auf Bäumen, muss Sömmer mithilfe von Steigeisen nach oben. Der 60-Jährige ist auch schon mehrfach von empörten Altvögeln attackiert worden. Neben jungen Fisch- und Seeadlern beringt der gebürtige Berliner auch den Nachwuchs von Wanderfalken. Diese auf Bäumen brütende Greifvogelart war Ende der 1980-er Jahre in der Mark nahezu ausgerottet, hauptsächlich durch sogenannte Agrochemikalien, die in der DDR-Landwirtschaft eingesetzt wurden. Mittlerweile gebe es durch gezielte Wiederansiedlung eine neue Population in Brandenburg, sagt Thomas Frey.

Wenn er nicht gerade zu Horsten hochklettert, betreut Sömmer in einem Wald zwischen Lychen (Uckermark) und Himmelpfort (Oberhavel) die Naturschutzstation Woblitz, in der verletzte Greifvögel gesund gepflegt und wieder ausgewildert werden. Aktuell zählen dort Uhu, Schrei- und Fischadler, Waldohreule und Wanderfalken zu seinen Schützlingen. Waren Stromschläge früher häufig Ursache von Verletzungen, sind es heute vor allem Windräder und der zunehmende Straßenverkehr.

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