FC Hansa Rostock : Ein Fußball-Team wird umgesiedelt: So kam Rostock zur Oberliga

DDR-Nationaltorwart Dieter Schneider spielte für Hansa Rostock – er erlebte den Umzug von Empor Lauter im Oktober 1954 als Fünfjähriger.
DDR-Nationaltorwart Dieter Schneider spielte für Hansa Rostock – er erlebte den Umzug von Empor Lauter im Oktober 1954 als Fünfjähriger.

In einer Nacht-und-Nebel-Aktion kam Rostock 1954 zu seiner Oberliga-Mannschaft

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22. Oktober 2019, 20:00 Uhr

Ende Oktober 1954 rollen ein Zug und ein Bus nach Norden. Von Lauter im Erzgebirge nach Rostock an der Waterkant. Elf Fußballer und ihre Familien müssen umsiedeln, denn der weiße Fleck auf der Oberliga-Landkarte stört die Sportmächtigen der DDR.

Fünf Tage nach dem fünften Geburtstag beginnt für Dieter Schneider das größte Abenteuer seiner Kindheit: Als der Bus im Erzgebirgs-Dorf Lauter in aller Herrgottsfrühe losrollt, ist der Junge hellwach und begeistert. „Einen Tag vorher haben mir meine Eltern gesagt: Wir fahren an die Ostsee! Natürlich war ich aufgeregt und habe mich gefreut. Dass es kein Zurück gab, das habe ich ja nicht gewusst“, erzählt Dieter Schneider im Gespräch in seinem Wohnort Warnemünde.

Aus Empor Lauter wurde Empor Rostock

Für Klein-Dieter war damals eher der Weg das Ziel, die Reise ans Meer war spannend. Für die Familie Schneider begann damals, am 25. Oktober 1954, eine neue Zeitrechnung, ein neues Leben - in Rostock. Vom kleinen Dorf in die große Stadt. Ostsee statt Berge. Vater Rudolf Schneider war Fußballer, er kickte in der DDR-Oberliga für die BSG Empor Lauter. Über Nacht wurde aus dem damals 32-Jährigen ein Spieler des SC Empor Rostock - Vorgänger des erst im Dezember 1965 gegründeten FC Hansa Rostock.

Was war passiert? Weil damals gleich acht sächsische Vereine in der Oberliga mit 14 Mannschaften spielten, beschlossen die DDR-Mächtigen die „Delegierung“ nach Rostock. Denn der Norden war ein großer weißer Fleck auf der DDR-Fußballkarte. In der Hansestadt war gerade das neue Ostseestadion fertig geworden, doch die drei Nordbezirke Rostock, Schwerin und Neubrandenburg hatten keine einzige Oberliga-Mannschaft. Berlin und Babelsberg waren Mitte der 1950er-Jahre die nördlichsten Fußball-Bastionen der DDR.

15 Spieler folgten der „freiwilligen Zwangsumsiedlung“

Schließlich wurde es eine Art „freiwillige Zwangsumsiedlung“, die Spieler und ihre Frauen durften sich Rostock vorher anschauen. Eine neue Wohnung, Einkaufsmöglichkeiten, Urlaubsplätze, das Geld stimmte – 15 Spieler wurden mit Versprechungen geködert, elf zogen später um.

Auch Frank Espig war damals fünf, sein Vater Walter stürmte für Empor Lauter. Doch anders als Rudolf Schneider ging der Kapitän damals von Bord. „Das ging alles plitz-plotz, die Mannschaft war noch im Trainingslager, am Sonntag darauf spielte sie schon als Empor Rostock“, erinnert sich Frank Espig. „Alle waren geschockt“, so Espig, der heute in Schneeberg wohnt. „Ich selber habe nichts mitbekommen, meine Eltern haben auch nichts erzählt. Wir sind ja auch geblieben, und die Sache war dann gestorben.“ Gemerkt hat der Bub natürlich trotzdem etwas.

Die Espigs und die Schneiders wohnten im selben Haus. „Und neben uns war plötzlich ein Zimmer leer“, erzählte Frank Espig, der zwischen 1966 bis 1979 für Wismut Aue kickte, nur während seiner Armeezeit Anfang der 70er zwischenzeitlich für Vorwärts Löbau spielte. Der Libero erzielte zwar nur zwei Treffer – darunter war aber das 1000. Punktspieltor für die „Veilchen“ aus dem Erzgebirge. Walter Espig schloss sich damals der BSG Motor Zwickau an – elf seiner ehemaligen Mitspieler, dazu Betreuer und Trainer stiegen in den Zug nach Rostock. Weil sich die Nacht-und-Nebel-Aktion in Lauter doch noch herumsprach, gab es wütende Proteste: Einwohner sprangen auf die Gleise, die Abfahrt verzögerte sich um Stunden.

Rostock erbte alle Punkte und Tore

Nach acht Oberliga-Spieltagen der Saison 1954/55 war Empor Lauter sogar Spitzenreiter, doch das Heimspiel in Schwarzenberg am 24. Oktober (1:0 gegen Rotation Babelsberg) sollte das letzte sein. Rostock übernahm alle Punkte und Tore, Empor Lauter war über Nacht aus allen Statistiken verschwunden. Doch mehr als Platz neun sprang am Saisonende für die sächselnden Hanseaten nicht heraus.

Für Dieter Schneider begann eine aufregende Zeit. „Wir sind ja zuerst in ein Hotel gezogen. Das war ein Abenteuer!“, sagte der einstige Torhüter, der dreimal für die DDR-Auswahl spielte. „Bei der Einschulung wusste ich dann: Es dauert wohl länger in Rostock und ist etwas Ernstes.“

Die Schneiders wohnten dann in der Langen Straße, anfangs vermisste Klein-Dieter seine erzgebirgische Heimat, seine Freunde – und die gewohnte Sprache. „In der Schule hat mich keiner verstanden. Ausdruck fünf! Die haben sich totgelacht“, erzählte Schneider, der in den Sommerferien mit seiner Mutter immer zu Oma und Opa nach Lauter fuhr.

„Heimweh kannte ich nicht“, versicherte „Schnatz“ (Schneider), dem an der Küste eigentlich nur eine Sache gefehlt hat: „In Lauter konnte ich mehr toben, mich richtig ausleben. Das ging in Rostock nicht.“

Versöhnung erst nach 50 Jahren

Bei Hansa wurde Schneider junior zum Stammspieler, 279 Oberliga-Spiele absolvierte er von 1968 bis 1986 für den letzten Ost-Meister. Bei den Olympischen Spielen 1972 in München stand der Sachse im Aufgebot der DDR-Mannschaft, die Bronze gewann. Er kam aber nicht zum Einsatz. Gemeinsam mit Frank Espig spielte Schneider in der Junioren-Auswahl der DDR. Am vergangenen Sonntag wurde Kult-Keeper Schneider 70 Jahre alt; für Hansa bestritt er 393 Pflichtspiele – die Nummer vier unter den Rekordspielern des Clubs. „Dass viele Spieler und Familien damals nach Rostock gingen, das hat man uns nie verziehen“, berichtete Schneider, „wenn wir in Aue spielten, gab es ,Verräter‘-Rufe.“ Erst 50 Jahre später haben sich die „Alten“ – Lauterer und Rostocker – versöhnt.

Espig und Schneider, nun beide schon 70, sind dem Fußball treu geblieben – als Fans ihrer Mannschaften. Dieter Schneider war nach seiner aktiven Karriere noch Platzwart im Ostseestadion, sein Sohn ist heute Greenkeeper in einem Rostocker Hotel. Beide haben wohl einen grünen Daumen. Stolz erzählt Schneider in „Guido’s Coffeebar“, seinem Stammcafé am Kirchenplatz in Warnemünde: „Auf meinem Rasen kannst du Golf spielen.“

Anstoß bei Windstärke 8 und 15.000 Leute schauen zu - So berichtete die SVZ über Rostock Empor

Das Gastspiel eines sächsischen Oberligisten beim Klassenfeind in Westberlin fand die Sportredaktion der Schweriner Volkszeitung 1954 offensichtlich aufregender als den ersten Heimauftritt von SK Empor Rostock, der damals einzigen Oberliga-Truppe aus dem Norden der Republik. „Wismut besiegte Union 06 klar mit 6:1“ prangte am 15. November als Titelschlagzeile auf der Sportseite der SVZ.

Die Elf aus Westberlin habe die Überlegenheit des Oberliga-Vertreters SK Wismut Karl-Marx-Stadt anerkennen müssen, wird in dem Beitrag geschwärmt. Die kickenden Wismut-Kumpel seien ihrem Gegner in technischer Hinsicht und auch in der Kondition eine Klasse voraus gewesen.

Dem Debüt des frisch an die Küste zwangsumgesiedelten Oberliga-Spitzenreiters im Ostsee-Stadion widmet man sich erst 30 Zeilen später etwas weniger euphorisch unter der Überschrift „Empor Rostock dem Sieg näher“. Dabei war die Partie gegen Chemie Karl-Marx-Stadt alles andere als eine laue Nummer.

Im Stadion wehte eine steife Brise. Die Kicker hatten laut Spielbericht mit Windstärke 8 und weiteren Widrigkeiten zu kämpfen. „Das Spiel erforderte von den Aktiven höchste Kraftanstrengungen, da der Boden durch den vorangegangenen Regen aufgeweicht war...“, erfuhren die Zeitungsleser seinerzeit. Und dass Empor in seiner neuen Heimatstadt vor 15 000 Zuschauern auflief.

Zum Sieg reichte es beim ersten Auftritt im Ostseestadion nicht. Laut SVZ-Bericht machten zwar „besonders die Rostocker Flügelstürmer Zwahr und A. Biallas der Hintermannschaft von Chemie Karl-Marx-Stadt schwer zu schaffen“. Aber: „...Latte und Pfosten hielten mehrmals torverheißende Schüsse auf.“ Bei seinem ersten Auftritt kam der Oberligist von der Küste über ein 0:0 nicht hinaus.

Die Meisterschaft konnte der zwischenzeitliche Liga-Spitzenreiter aus der Hansestadt am Ende nicht gewinnen. Der Meistertitel in der Oberliga-Saison 1954/55 ging an SC Turbine Erfurt. Die Rostocker Empor-Fußballer belegten nach 26 Spieltagen mit 26:26 Punkten den neunten Platz. Udo Roll

 
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