Mecklenburg-Vorpommern : Erster MV-Landtagspräsident Rainer Prachtl wird 70 - und hat ungewöhnlichen Wunsch

Rainer Prachtl (CDU), erster Landtagspräsident in Mecklenburg-Vorpommern von 1990 bis 1998, steht im Andachtsraum im Dreikönigshospiz, wo er ehrenamtlich arbeitet. Am 15. Januar wird der katholische Christ 70 Jahre alt.

Rainer Prachtl (CDU), erster Landtagspräsident in Mecklenburg-Vorpommern von 1990 bis 1998, steht im Andachtsraum im Dreikönigshospiz, wo er ehrenamtlich arbeitet. Am 15. Januar wird der katholische Christ 70 Jahre alt.

Im Zuge der friedlichen Revolution engagierte sich Rainer Prachtl für den Aufbau der Demokratie - und wurde erster Landtagspräsident in Schwerin. Sein besonderes Augenmerk gilt dem Dreikönigsverein. Nun wird Prachtl 70

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14. Januar 2020, 16:52 Uhr

Für Rainer Prachtl steht fest: „Man muss den Ostdeutschen mehr Zeit geben.“ Die Menschen zwischen Ostsee und Erzgebirge hätten sehr lange in Diktaturen gelebt und äußerten ihre Meinungen noch immer nicht so offen wie andere, begründet der Neubrandenburger CDU-Mann, der von 1990 an erster Landtagspräsident von Mecklenburg-Vorpommern war, seine Einschätzung. Am 15. Januar wird der katholische Christ 70 Jahre alt. Auch Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) schätzt sein großes soziales Engagement. „Mit dem Neubrandenburger Dreikönigsverein sorgt er für konkrete Hilfe in Notsituationen und mehr Menschlichkeit in seiner Heimatstadt Neubrandenburg, der er besonders verbunden ist“, erklärte Schwesig, die erst vor wenigen Tagen zum Benefizabend am Dreikönigstag gekommen war.

Eine der wichtigsten Sozialinitiativen im Osten etabliert

Mit Prachtls Namen verbinden die Menschen im Nordosten den Aufbau demokratischer Strukturen, zudem sorgte er für Ausgleich zwischen widerstreitenden Lagern. Dabei verlor Prachtl das Soziale und die Bildung nie aus dem Blick. Mit Freunden gründet er 1991 den Neubrandenburger Dreikönigsverein, der zu den wichtigsten Sozialinitiativen in Ostdeutschland gezählt wird. Als Vereinschef und Landtagspräsident organisierte er Schülerreisen in ehemalige NS-Konzentrationslager und nach Israel.

Dabei verlief auch sein Lebensweg nicht schnurgerade - wie bei vielen Ostdeutschen. Prachtl wurde 1950 in Neubrandenburg geboren, die Mutter war evangelisch, der Vater katholisch. Die Jugendweihe kam nicht in Frage, er durfte kein Abitur machen. Doch sein Optimismus ließ ihn nicht im Stich. Nach einer Kochlehre kochte Prachtl im Wehrdienst bei der NVA für Generäle. Schließlich wurde ihm erlaubt, über die Abendschule das Abitur nachzuholen.

Nach einem Diplomökonomie-Studium, in dem er besonders der Philosophie verbunden blieb, baute Prachtl mit der Caritas in Neustreliz eine Hauswirtschaftsschule auf, die einzige in der DDR. 1989 wurde er Vizeregierungsbevollmächtigter im Bezirk Neubrandenburg, löste den „Rat des Bezirkes“ mit auf und wurde dann Landtagspräsident in Schwerin, was er bis 1998 blieb. Bis 2006 war er Abgeordneter im Landtag. „Ohne Abitur hätte ich nicht studieren können, dann wäre ich auch nicht Landtagspräsident geworden“, schaut der zweifache Großvater zurück.

2006 aus der Politik zurückgezogen

Aus der aktiven Politik hat er sich seit seinem Ausscheiden aus dem Landtag 2006 zurückgezogen. Nach seiner Einschätzung sind aber Landtag und Bundestag eigentlich zu groß und könnten verkleinert werden. Zudem hält Prachtl, „ungeachtet der guten Arbeit“, einen Petitionsausschuss und einen Bürgerbeauftragten in Schwerin für unnötige Doppelstrukturen, die beide die gleichen Dinge bearbeiten.

Große Anerkennung gelte den vielen engagierten Kommunalpolitikern. „Ich stecke meine ganze Kraft in die Arbeit des Dreikönigsvereins“, sagt Prachtl. Dieser betreibt das Dreikönigshospiz, begleitet Sterbenskranke auch ambulant, vergibt jährlich den mit 10 000 Euro dotierten Sozialpreis und organisiert einen philosophischen Gesprächskreis. Diese Initiativen werden von 260 Vereinsmitgliedern getragen und immer wieder gewürdigt, zuletzt von 550 Gästen beim Benefiztreffen. Seit sie selbst schwer erkrankt sei, wisse sie noch deutlicher, wie wichtig helfende Hände seien, sagte Schwesig, die im September eine Krebserkrankung öffentlich gemacht hatte. Das Engagement des Dreikönigsvereins in der Hospizarbeit nannte sie beispielgebend. „Rainer Prachtl kann motivieren und Menschen begeistern. Allein wenn er den Dreikönigstag eröffnet, spürt man die Energie und Leidenschaft, mit der er sich engagiert“, sagt Neubrandenburgs Oberbürgermeister Silvio Witt (parteilos). Schwesig dankte Prachtl an dem Abend auch für seine Hartnäckigkeit, mit der er beim Land lange um Unterstützung für Israelreisen mit Jugendlichen geworben hatte. Letztlich habe man dem Verein über den Strategiefonds helfen können.

Und auch einen Wunsch hat Prachtl noch, der oft mit Schülern im einstigen Frauenkonzentrationslager der Nationalsozialisten in Ravensbrück, südlich von Neubrandenburg, war. „Das Elend der Frauen im einzigen Frauen-KZ sollte einmal in einem Spielfilm einem größeren Publikum nahe gebracht werden.“ Bisher hat das nicht geklappt. „Ich bete aber regelmäßig, das dies noch etwas wird.“

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