Grundversorgung in MV : Der Kaufmann von Picher - Dorfläden sind mehr als kleine Supermärkte

Die Antworten auf das Desinteresse von Einzelhandelsketten am ländlichen Raum reichen vom Supermarkt in Eigenregie bis zum Internet-Einkauf mit Hilfestellung.

prignitzer.de von
20. April 2019, 09:40 Uhr

Frische Rindsrouladen, das Kilo für 8,80 Euro, und ein Pfund Spargel für 2,99 Euro versprechen die Werbeplakate. „Mein Markt“ steht darüber. So heißt Jörg Dührings 240 Quadratmeter großes Geschäft im Dörfchen Picher, das im dünn besiedelten Südwesten Mecklenburgs auf halbem Weg zwischen Hagenow und Ludwigslust liegt und 650 Einwohner hat. Die Szene wirkt etwas aus der Zeit gefallen: Gegenüber die Backsteinkirche mit dem kleinen Friedhof drumherum, alte Bäume, Feldsteinmauer. Die Straße liegt still, ein Gemeindearbeiter pinnt mit unendlicher Geduld einen Anschlag ans Schwarze Brett. Wo gibt es denn sowas noch?

Einkaufsmöglichkeiten im Dorf sind rar

Einkaufsmöglichkeiten im Dorf sind in Mecklenburg-Vorpommern rar geworden. Die Landesregierung schätzt, dass rund die Hälfte aller Gemeinden heute keine wohnortnahe Grundversorgung mehr hat. Der Grund: Die Umsätze sind geringer als in der Stadt, zugleich erwarten die Kunden ein umfassendes Angebot, moderne Kühltechnik, ein ansprechendes Ambiente und nicht zuletzt konkurrenzfähige Preise.

Große Supermarktketten prüfen genau, wie viele potenzielle Kunden in einer Gegend wohnen und wie deren Kaufkraft ist - kurz: ob es sich lohnt, eine Filiale zu eröffnen. Discounter benötigten ein Einzugsgebiet mit mindestens 4000 Menschen, sagt der Bereichsleiter für Standort- und Verkehrspolitik beim Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE), Michael Reink. Auf Picher fiele die Wahl von Ketten wie Netto oder Penny nicht.

Leute aus dem Ort treffen

Dühring führt seinen kleinen Supermarkt, der aus dem Dorfkonsum hervorging, bereits seit 25 Jahren. Mit Erfolg, wie er sagt. Blumensträuße, frische Gurken, Möhren und Tomaten, Cornflakes in verschiedenen Sorten, Wein und Likör, Tiefkühl-Pizza, frisches Hack und Wurst, Toilettenpapier, Büroklammern, Socken, Milch, Quark, Joghurt, Geburtstags- und Trauerkarten - alles ist da, was beim Wochenendeinkauf und zwischendurch gefragt ist. Ihre Post können die Kunden im Geschäft auch besorgen.

Und sie treffen Leute aus dem Ort. Pastor Matthias Galleck, der gerade zum Einkaufen gekommen ist, sagt: „Vor Jahren waren hier gefühlt bloß noch die Alten. Das hat sich gedreht.“ Junge Familien zögen zu, der Kindergarten sei voll, es werde gebaut. Der Supermarkt am Ort könnte als Standortfaktor eine Rolle spielen. Bei Gemeindefesten hat Dühring immer die Ladenschlüssel dabei. Wenn die Würstchen oder das Bier ausgehen, holt er rasch Nachschub.

Lieferaufschlag von zwei Prozent

Der Kaufmann, der die Tradition seiner Familie in Picher in vierter Generation fortsetzt, muss noch spitzer rechnen als in der Branche ohnehin üblich. Wegen des vergleichsweise geringen Umsatzes verlange sein Lieferant Rewe einen Lieferaufschlag von zwei Prozent auf die Bestellsumme, sagt er. „Da bleibt für uns am Ende weniger übrig.“ Der studierte Binnenhandelsfachmann würde dennoch nie gegen eine Anstellung tauschen. „Ich bin mein eigener Herr und habe meine Arbeit vor Ort“, sagt er. Außerdem beschäftigt er vier Angestellte.

In Dührings Geschäft führt eine selbstöffnende Tür, das große Schaufenster ist neu, ebenso die komplette Elektrik und die Kühltechnik. Vor einigen Jahren sah es hier noch anders aus. Dühring zeigt Fotos: Neonröhren aus DDR-Zeit baumeln von der Decke. „Die Elektrik stammte aus dem Jahr 1973.“ Doch „Mein Markt“ wirft nicht genug ab, um größere Investitionen aus eigener Kraft zu stemmen. Das Landesprogramm „Neue Dorfmitte“ übernahm 90 Prozent von Dührings Investitionen in Höhe von 120 000 Euro. „Darüber bin ich sehr glücklich“, sagt der Kaufmann.

Einkauf per Internet

Mit dem seit 2013 laufenden Programm sind dem Bauministerium zufolge bisher 39 Dorfläden oder mobile Nahversorger mit insgesamt 2,7 Millionen Euro gefördert worden. Viele laufen gut, sind auch Zentren der Kommunikation im Ort, doch nicht alle. Den „Brunower Bauernmarkt“ im Süden des Landkreises Ludwigslust-Parchim, an der Grenze zu Brandenburg, gibt es in der Form nicht mehr. Die Agrargenossenschaft macht dort jetzt noch einmal pro Woche Direktverkauf von Fleisch und Wurst aus eigener Produktion, wie Helge Dieckmann von der Agrargenossenschaft sagt. Der Umsatz sei immer weniger geworden.

Viele der geförderten Dorfläden liegen in Vorpommern, wie der „Fritze Online Lebensmittel“ in Luckow/Rieth im Landkreis Vorpommern-Greifswald. Dort wird per Internet eingekauft, wie Betreiber Marco Dorka berichtet. Alle zwei Wochen könne im Multifunktionshaus am Computer bestellt werden, zur Unterstützung sei jemand da. Zwei Tage später komme das Bestellte mit dem Paketdienst nach Hause, auch frische Sachen und Tiefgekühltes. Acht ältere Damen aus dem 130-Seelen-Dorf nutzten das Angebot. Der nächste Supermarkt sei 15 Kilometer entfernt.

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