Weihnachtsspendenaktion : Petri Heil – Mit dem Wünschewagen zum Angeln

Warten auf den großen Fang: Während Annett Bockner vom Wünschewagenteam die Angel hält, lässt Werner Hempel den Blick über den Trechower See schweifen.
Warten auf den großen Fang: Während Annett Bockner vom Wünschewagenteam die Angel hält, lässt Werner Hempel den Blick über den Trechower See schweifen.

Werner Hempel macht mit dem ASB-Wünschewagen einen Ausflug zum Angeln – dass er nichts fängt, stört ihn nicht im Geringsten.

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30. November 2021, 11:47 Uhr

Rostock | Bei Regen beißen die Fische am besten. Zwar haben Annett Bockner, Simone Heckl und Diana Dolge-Mutschall allesamt keine Ahnung vom Angeln. Diesen Spruch aber kennt jede von ihnen trotzdem. Und weil alle drei fest entschlossen sind, den Ausflug an diesem Nachmittag zum Erfolg werden zu lassen, machen sie sich damit gegenseitig Mut. Denn schließlich geht es darum, einem schwer kranken Menschen noch einmal ein paar unbeschwerte Stunden zu schenken – und für die hat sich Werner Hempel nun mal gewünscht, noch einmal angeln zu gehen.

Ein reines Frauenteam ist die große Ausnahme

Das Bützower SAPV-Team – die Abkürzung steht für Spezialisierte ambulante Palliativversorgung –, das den 63-Jährigen im Seniorenlandsitz in Schlemmin betreut, hatte von seiner Angelleidenschaft Wind bekommen und sich an das Team des ASB-Wünschewagens gewandt. Dass sich auf die Frage in der Whatsapp-Gruppe der Ehrenamtler, wer an einem Montagnachmittag Zeit hat, diese Fahrt zu begleiten, dann nur Frauen gemeldet haben, sei ein riesengroßer Zufall, beteuert Projektkoordinatorin Nicole Steinicke.

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Eigentlich gebe es immer gemischte Teams. Und vor allem bei Fahrten, die aufs Wochenende fallen, hätte sie gewöhnlich auch mehr Bewerber, als tatsächlich gebraucht würden. Dann hätte sie bei der Auswahl auch berücksichtigen können, ob jemand vielleicht selbst Angler ist. Nun müsse es eben so gehen. Zum Glück hätte die Pflegeeinrichtung mit Dennis Korth einen Mitarbeiter gefunden, der in dieser Hinsicht nicht gänzlich unbeleckt ist und der zwischen zwei Nachtdiensten bereit sei, den Angelausflug zu begleiten.

Der  Steg  zum  Glück: Hier  soll  Werner  Hempels  Wunsch  in  Erfüllung  gehen.
Karin Koslik
Der Steg zum Glück: Hier soll Werner Hempels Wunsch in Erfüllung gehen.

Das stimmt auch die drei Ehrenamtlerinnen im Wünschewagen etwas zuversichtlicher – obwohl das Wetter alles andere als einladend ist. Als der Wünschewagen den Hof der ASB-Rettungswache in Bad Doberan verlässt, regnet es zwar noch keine Bindfäden, aber doch so viel, dass keine der Frauen sich vorstellen kann, länger als eine halbe Stunde auf einem Angelsteg auszuharren, ohne bis auf die Knochen durchgeweicht und durchgefroren zu sein.

Und das ist nicht ihre einzige Sorge: Was, wenn wirklich Fische anbeißen? Schlägt man ihnen dann auf den Kopf? Sticht man mit einem Messer zu? Keine kann sich vorstellen, einen Fisch „umzubringen“, selbst mit dem Gedanken ans Schuppen und Ausnehmen tun sie sich schwer. „Am besten, wir fragen im Heim erst mal, ob sie überhaupt wollen, dass wir Fische mitbringen – sonst lassen wir sie einfach wieder frei“, schlägt Simone Heckl schließlich vor.

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Vorfreude auf Fisch zum Abendbrot

Doch keine Chance. Die Schwester, die in Schlemmin zusammen mit Werner Hempel schon auf den Wünschewagen wartet, strahlt über das ganze Gesicht: „Fisch zum Abendbrot? Aber klar. Wir haben übrigens 39 Bewohner...“

Die Hauptperson des Tages lächelt nur still in sich hinein – und das nicht nur, weil ihm wegen seiner Tumorerkrankung das Sprechen immer schwerer fällt. Denn auch wenn er den Trechower See als Angelgewässer nicht kennt, ist er sich doch sicher, dass der Speisezettel für das Abendessen nicht umgeschrieben werden muss.

Wobei: So ein frisch gefangener, gebratener Fisch sei schon etwas Feines, meint Werner Hempel. Früher hätte er viel in der Warnow geangelt, aber auch in so manchem Binnensee. Der größte Fang, an den er sich erinnert, war ein Hecht. Aber mit den Erinnerungen ist das so eine Sache. Was lange nicht nachgefragt wurde, verblasst. Der 63-Jährige kann deshalb auch gar nicht mehr sagen, seit wann genau er schon in Schlemmin lebt. Was er aber auf jeden Fall weiß, ist, dass er schon lange keinen Ausflug mehr gemacht hat – und allein deshalb freut er sich auf diesen Nachmittag.

Mehr  Natur  geht kaum:  Am  Seeufer  bugsiert  die  Wünschewagenbesatzung  ihren Gast   von der  Trage  in  den  Rollstuhl.
Karin Koslik
Mehr Natur geht kaum: Am Seeufer bugsiert die Wünschewagenbesatzung ihren Gast von der Trage in den Rollstuhl.

Aktiv zu angeln, das wird schon bald klar, schafft der Rollstuhlfahrer nämlich gar nicht mehr. Die Hände können die Rute nicht mehr halten, geschweige denn, dass er dazu in der Lage wäre, einen Köder aufzustecken. Das übernimmt Dennis Korth, der sich von seinem Vater extra eine Angelausrüstung ausgeliehen hat. Theoretisch, so erklärt er, kann man mit den diversen Ködern von der Plötze bis zum Hecht alles aus dem 28 Hektar großen See holen.

Praktisch aber lässt sich der Angelausflug zäh an. Vielleicht liegt es ja daran, dass es aufgehört hat zu regnen – eine Stunden lang beißt nichts. Dann hat Annett Bockner einen kleinen Barsch an der Angel. Doch sie reißt in ihrer Aufregung die Rute so schnell aus dem Wasser, dass sich das Schuppentier vom Haken befreien kann. Erst nach einer guten halben Stunde zuckt die Pose ihrer Angel wieder, diesmal klappt es: Ein Barsch – derselbe wie vorhin, mutmaßt die erfolgreiche Anglerin – zappelt im Kescher.

Gespräche stören die Fische nicht

Simone Heckl und Diana Dolge-Mutschall sind ein wenig neidisch. „Wahrscheinlich sind wir zu laut, oder?“, wollen sie von Werner Hempel wissen. Doch der schüttelt nur lächelnd den Kopf. „Das stört die Fische nicht“, sagt er – und ihn stört es offenkundig auch nicht. Stattdessen scheint er alles um sich herum geradezu aufzusaugen und zu speichern: den Schwan am anderen Seeufer, die Enten, die mal näher, mal weiter entfernt auf der Wasseroberfläche landen, das Raubvogelpaar am Himmel.

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Da stören die Düsenjäger, die von Laage aus zu einem Übungsflug starten, genauso wenig wie die Windräder, die sich ganz in der Nähe stetig drehen. Während der immer mehr auffrischende Wind alle anderen auf dem Steg zum Bibbern bringt, sitzt Werner Hempel ganz still und lächelt nur. Dass die Pose „seiner“ Wurfangel, die unter dem Rollstuhl steckt, nicht einmal zuckt, stört ihn nicht.

Dafür amüsiert er sich über die geradezu kindliche Freude von Simone Heckl, die irgendwann tatsächlich noch eine Rotfeder aus dem Wasser zieht. Kurz darauf entlässt sie ihren Fang wieder in die Freiheit: Dass es in der Seniorenresidenz am Abend keinen Fisch geben wird, sehen nach drei Stunden auf dem Steg alle ein.

„Nordwestwind – da beißen sie nicht“, meint Dennis Korth lapidar. Ihm sieht man jetzt an, dass er seit dem Vorabend nicht mehr geschlafen hat. Vor der nächsten Nachtschicht soll er sich noch ein wenig hinlegen können, meinen die Ehrenamtlerinnen, die allesamt selbst aus Gesundheitsberufen kommen. Deshalb wird zusammengepackt.

Diana   Dolge-Mutschall  (links) und Simone Heckl sorgen dafür, dass  Werner  Hempel nicht  friert.
Karin Koslik
Diana Dolge-Mutschall (links) und Simone Heckl sorgen dafür, dass Werner Hempel nicht friert.

Kurz blitzt noch die Idee auf, irgendwo Fisch zu kaufen, doch mangels Ortskunde wird sie schnell wieder verworfen. Werner Hempel wünscht sich einen Kaffee zum Aufwärmen. Dass der Wünschewagen, der dazu einen Abstecher nach Bützow macht, dabei auch an einem Fischereibetrieb vorbeifährt, registrieren alle an Bord erst im Nachhinein.

Als sie ihren Fahrgast schließlich kurz vor dem Abendbrot nach Schlemmin zurückbringen, haben die drei Frauen kurzzeitig das Gefühl, ihm nicht alles geboten zu haben, was er sich von diesem Ausflug erhofft hat. Doch als Annett Bockner, die ihn noch bis zum Eingang begleitet hat, wieder zurückkommt, strahlt sie über das ganze Gesicht: „Wisst ihr, was er zum Abschied gesagt hat? Das war so ein krasser Nachmittag.“

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