Schwerin : Ausnahmezustand in der Staatskanzlei

Der Nachwuchs  der Boizenburger Feuerwehr testet den Schreibtisch des Regierungschefs. Der hat sichtlich Spaß mit seinen kleinen Gästen.
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Der Nachwuchs der Boizenburger Feuerwehr testet den Schreibtisch des Regierungschefs. Der hat sichtlich Spaß mit seinen kleinen Gästen.

Eine Kindertagsfeier für Mädchen und Jungen aus Boizenburg, Rostock und vom Stettiner Haff ist zugleich einer der letzten öffentlichen Auftritte von Erwin Sellering

Karin.jpg von
08. Juni 2017, 20:55 Uhr

Luke aus der Floriangruppe der Freiwilligen Feuerwehr Boizenburg schießt den Vogel ab: „Wie ist das, so viel am Schreibtisch zu sitzen: Tut dann nicht der Po weh?“ Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD), an den die ganz ernst gemeinte Frage gerichtet ist, muss sich das Lachen verkneifen: „Setz dich doch selbst mal da hin“, fordert er den Lockenkopf auf. Woraufhin der kleine Feuerwehrmann sich beherzt zum Tisch des Chefs der Landesregierung begibt, und die ganze Truppe – weitere elf Jungen und drei Mädchen – folgt ihm. Einer hebt sogar den Telefonhörer ab. „Wen hast du denn dran?“, wird er gefragt. „Na Frau Merkel.“

In der Staatskanzlei herrscht heute Ausnahmezustand. 53 Mädchen und Jungen im Alter zwischen sechs und zehn Jahren feiern dort Kindertag – mit einer Woche Verzögerung: Denn der 1. Juni stand schon lange als Termin für eine Ministerpräsidentenkonferenz im Bundesrat fest, Mecklenburg-Vorpommerns Regierungschef sollte die Zusammenkunft leiten. Doch wenige Tage zuvor wurde bei Erwin Sellering Lymphdrüsenkrebs festgestellt, er erklärte daraufhin den Rücktritt von allen politischen Ämtern. Die Konferenz der Länder-Regierungschefs wurde bereits von Sachsen-Anhalts Ministerpräsidenten Reiner Haseloff geleitet. Sellering will nur noch wenige Termine wahrnehmen, bevor er Anfang Juli den Staffelstab an Manuela Schwesig als neuer Ministerpräsidentin und SPD-Landesvorsitzende n übergibt. Die schon traditionelle Kindertagsfeier war möglicherweise für längere Zeit der letzte, denn schon in den nächsten Tagen beginnt seine strapaziöse Therapie.

Das ist jedoch nur den Mitarbeitern der Staatskanzlei bewusst, die im Treppenhaus einen Blick auf den MP und seine kleinen Gäste zu erhaschen versuchen. Er sehe besser aus als in den letzten Tagen, heißt es. Sellering posiert inmitten der Kinderschar für die Fotografen und spricht dann kindgerecht ein Thema an, das ihn durch seine gesamte, fast neunjährige Amtszeit begleitet hat. „Dass ihr heute hier seid, geht nur, weil ihr Betreuer habt, die sich um euch kümmern.“ Sie täten das, ohne Geld dafür zu bekommen – „man nennt das Ehrenamt“, so Sellering – und dafür könne man ihnen nicht genug danken.

Die kleinen Gäste – außer der Boizenburger Floriangruppe auch noch Mädchen und Jungen vom Rostocker Wasserspringerclub sowie die „Buchkinder vom Stettiner Haff“ – bedanken sich für die Einladung in die Staatskanzlei mit Proben ihres Könnens. Die Wasserspringer haben dafür ein Video mitgebracht, das vor etlichen beachtlichen Sprüngen auch das umfangreiche Trockentraining der jungen Sportler zeigt. Zwei Drittel ihres Trainings finden gar nicht im Wasser der Rostocker Neptun-Schwimmhalle statt, sondern an Land, erzählt Betreuerin Simone Pietsch. Vier- bis fünfmal wöchentlich üben die Acht-bis Zehnjährigen jeweils zwei Stunden lang. Schwimmen gelernt haben die meisten von ihnen schon im Vorschulalter – und seitdem gehören auch fast alle schon zum einzigen Wasserspringerclub des Landes.

Die beiden ältesten Mädchen, die mit nach Schwerin gekommen sind, dürfen bereits vom 10-Meter-Turm-Springen, für die anderen sind 7,50 Meter die maximale Höhe – „wenn wir von weiter oben springen, brechen wir auseinander“, erklärt ein kleiner Naseweis. Hoch hinaus aber wollen sie fast alle. „Ich will irgendwann mal bei Olympia starten“, sagt Vincent, „am liebsten im Synchronspringen“. Auch Emily sieht sich durchaus als künftige Olympiastarterin. Thyrvi schaut noch nicht so weit voraus, „ich werde bei den meisten Landesmeisterschaften Erste“, erzählt sie aber stolz.

Der Boizenburger Feuerwehrnachwuchs hat ein eigenes „Löschfahrzeug“ mit nach Schwerin gebracht. Es ist gut einen Meter hoch und hat Blaulicht und Sirene. „Eigentlich machen wir in der Floriangruppe ja nur Brandschutzerziehung. Damit das den Kindern nicht zu langweilig wird, haben wir ihnen aber das Auto gebaut, mit dem sie einen richtigen ,Löschangriff nass‘ vorführen können“, erklärt Karola Schneider. Auch im Flur der Staatskanzlei werden Schläuche entrollt und gekoppelt, bevor das Kommando „Wasser marsch!“ ertönt. Tatsächlich fließt aber keines: Es ist ja nur eine Vorführung.

Die „Buchkinder“ schließlich – Schüler der Klassen 1 bis 7 aus mehreren Schulen am Stettiner Haff – haben ihr jüngstes Werk im Gepäck: „Die Klimakonferenz der Tiere“. Es ist schon das fünfte Buch, das die Mädchen und Jungen bei ihren wöchentlichen Treffen mit eigenen Texten und Bildern gestaltet haben – nicht nur Sellering staunt ehrlich.

Doch auch für die Kinder gibt es viel zu staunen, bevor am Nachmittag in einem Schweriner Freibad richtig gefeiert wird: Sie besichtigen das Schloss, die Staatskanzlei - und darin auch das Büro des Ministerpräsidenten, in das voraussichtlich Anfang Juli Manuela Schwesig einziehen wird.

Die kleinen Gäste ahnen davon nichts. Stattdessen löchern sie den Noch-Ministerpräsidenten mit Fragen, wie sie nur Kinder stellen können: „Wann gehst du abends immer ins Bett?“ „Haben Sie auch mal Sport gemacht?“ „Isst du Obst und Fleisch?“ „Wann stehen Sie morgens auf?“ – „Gegen sechs“, antwortet Sellering. Eindruck macht er damit nicht. „Ich muss schon um fünf aufstehen“, erzählt Rieke, eine der Wasserspringerinnen, „schließlich wohnen wir in Satow, und ich muss jeden Tag zur Schule und anschließend zum Training nach Rostock.“ Alle Achtung!

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