Prozess : Baby misshandelt: Vater schweigt vor Gericht

Am 11.07.2018 begann der Prozess gegen einen 30-Jährigen aus Anklam wegen mutmaßlicher Misshandlung seiner dreimonatigen Tochter.

Am 11.07.2018 begann der Prozess gegen einen 30-Jährigen aus Anklam wegen mutmaßlicher Misshandlung seiner dreimonatigen Tochter.

Die Zwillinge Lena und Lina kommen im Juli 2017 in Anklam zur Welt. Drei Monate später hat Lena schwere Hirnblutungen, ist seitdem schwer behindert.

prignitzer.de von
11. Juli 2018, 20:45 Uhr

Ein silbernes Kettchen am Handgelenk, Dreitagebart: Im Karo-Hemd sitzt ein 30-jähriger Anklamer auf der Anklagebank des Stralsunder Landgerichts. Er soll am 10. Oktober 2017 seine erst dreimonatige Zwillingstochter Lena so stark geschüttelt haben, dass sie vermutlich ein Leben lang schwer behindert sein wird.

Zum Tatvorwurf will sich der Vater zum Prozessauftakt am Mittwoch nicht äußern. Doch als er über sein Leben berichtet, bricht es aus ihm heraus: «Ich würde eher sterben, als dass ich meinen Kindern etwas antun würde.» Die kleine Lena lebt inzwischen mit ihrer Zwillingsschwester Lina in einer Pflegefamilie. Das Großhirn des Mädchens, so die in der Anklage wiedergegebene ärztliche Prognose, sei durch die verursachten Blutungen in großen Arealen abgestorben. Lena werde wohl blind bleiben, eine normale Wahrnehmung, Kontaktaufnahme mit anderen Menschen werde wohl nie möglich sein.

Was zu den Verletzungen geführt hat, weiß nur der Vater. Er lebte zusammen mit seiner 31 Jahre alten Freundin und den gemeinsamen Zwillingstöchtern seit deren Geburt im Juli 2017 in einer Greifswalder Einrichtung für betreutes Wohnen, dem Verbund für soziale Projekte. Familien sollen dort lernen, wie man eigenverantwortlich lebt, sich Geld einteilt und verantwortlich mit seinen Kindern umgeht, wie Betreuerin Annette Letzel berichtete.

Die sozialen Verhältnisse der Frau galten als nicht unproblematisch: Die junge Mutter hat bereits fünf Kinder, die in anderen Pflegefamilien lebten. Zum Teil sollen sie laut Gericht psychisch und körperlich beeinträchtigt sein. Mit der Unterbringung in der Greifswalder Einrichtung wollte das Jugendamt der Frau, die den Angeklagten noch immer als «meinen Lebenspartner» bezeichnet, in einem sicheren Umfeld einen Neustart ermöglichen. Letzel sagte, die Eltern hätten sich - soweit sie das beurteilen könne - liebevoll um ihre Kinder gekümmert.

Zum Tatzeitpunkt am 10. Oktober war der 30-Jährige mit den Zwillingen allein. Seine Freundin war bei einem ihrer anderen Kinder in Berlin. Die Betreuerin sagte, sie habe um 13.30 Uhr die Wohnung betreten. Da lag Lena in ihrem Bett, sei dann aufgewacht, krampfte und verdrehte die Augen. Der sofort aufgesuchte Kinderarzt habe festgestellt, dass die Fontanelle angeschwollen sei. Lena kam ins Uni-Klinikum, wo Ärzte Hirnblutungen diagnostizierten. Lena wurde sofort operiert.

Die 31-jährige Mutter der Kinder, die als Zeugin aussagte, stellte sich vor ihren Lebenspartner. «Ich kann mir nicht erklären, wie es zu den Blutungen gekommen ist», sagte sie unter Tränen. Eine andere Betreuerin der Wohneinrichtung will am Abend des 10. Oktober gehört haben, wie der Vater über das Diensttelefon der Einrichtung mit seiner Freundin telefonierte und dabei geantwortet haben soll: «So krass habe ich sie nicht geschüttelt.»

Im Gerichtssaal wiesen der Angeklagte und seine Freundin diese Anschuldigungen strikt zurück. Der Satz sei so nie gefallen. Sie habe ihren Freund am Telefon gefragt, ob er Lena geschüttelt habe, was dieser zurückwies. Zudem berichtete die junge Frau, ihr sei einige Tage zuvor aufgefallen, dass der Kopf von Lena geschwollen sei. «Ich wollte das eigentlich bei der U 4 am 13. Oktober ansprechen.»

Lena und Lina kamen am 10. Juli in Anklam per Kaiserschnitt zur Welt. Während Linas Geburt unauffällig war, wurde Lena mit einer Nabelschnur-Umschlingung am Hals auf die Welt geholt. Dennoch sei eine erweiterte Erstversorgung nicht nötig gewesen, alle Tests verliefen unauffällig, zitierte die Richterin den Klinikbericht.

Am 8. August wurde Lena einer Kinderärztin vorgestellt, weil die Betreuerin zuvor bereits Krämpfe bemerkt hatte. Die Ärztin habe das Mädchen ans Krankenhaus überwiesen, wo jedoch keine Auffälligkeiten festgestellt worden seien. Auch die Eltern berichteten, dass Lena bereits öfter gekrampft habe. Der Prozess soll am Donnerstag fortgesetzt werden, möglicherweise wird dann sogar bereits das Urteil gesprochen.

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